Bert Brecht – Zeitgenosse

Vor 60 Jahren starb Bert Brecht. Sein Werk lebt und wirkt
|    Ausgabe vom 5. August 2016

Brecht, der Ausländer, die DDR und die Natur

Von Gina Pietsch

Es ist immer gut, Dinge, an die man sich gewöhnt hat, noch einmal abzufragen auf ihre Gültigkeit.
Für mich, die ich in der DDR aufgewachsen bin, war Brecht immer Zeitgenosse. Kennengelernt hab ich ihn in der Grundschule, als erstes das Gedicht „Die Vögel warten im Winter vor dem Fenster“ mit der wunderschönen Zeile „Sperling komm nach vorn, Sperling, hier ist dein Korn. Und besten Dank für die Arbeit“. Das „Einheitsfrontlied“, „Solidaritätslied“, „Bitten der Kinder“, „Aufbaulied der FDJ“ und die „Kinderhymne“ waren für uns Schullehrstoff.
Meine eigene Beschäftigung mit Brecht wurde durch meine Deutschlehrerin im Gymnasium angeregt und führte zum solistischen Singen während meines ersten Studiums in Leipzig innerhalb der dortigen Studentenbühne, die eifrig Brecht pflegte.
Zu dieser Zeit waren es vornehmlich die deutlich politisch orientierten Songs aus
Brechts Stücken „Die Mutter“, „Die Rundköpfe und die Spitzköpfe“ und „Schweyk im Zweiten Weltkrieg“, also auch mehr Hanns-Eisler-Kompositionen als Kurt Weill.
Brecht ist für mich d e r Dichter geblieben und hat meine gesamte Bühnenarbeit geprägt, seit meinem ersten Brecht-Abend 1982. Plätze, Brecht zu zeigen, gibt es immer noch, jedenfalls, wenn man nicht reich werden will. Er ist ja aktueller denn je und von der Zeit eingeholt worden, sicher zu seinem und gewiss meinem Leidwesen. Daraus erwachsen sind die Bedürfnisse nach künstlerischer Bestätigung von Unzufriedenheit mit Lebensverhältnissen, sprich, der größer werdenden Schere zwischen Arm und Reich.
Die damit verbundene Zunahme von Neofaschismus ist deutlich spürbar.
Gerade Brecht wird da wieder gebraucht, denn seine Faschismusreflexionen gehören sicher zu den prägnantesten, die die deutsche Literatur hervorgebracht hat.
Und um nicht stehen zu bleiben bei der Historie, ist für uns und unser Publikum alles interessant, was sich mit heutiger Sprache und Gedankenwelt anschließt an die Fragen der Zeit. Und es gibt keine Frage der Zeit, die der Klassiker Brecht nicht in überragender, oft prophetischer Weise behandelt hat. Deshalb fiel es mir nie schwer, meine mittlerweile 19 Brecht-Abende mit diesem „gesellschaftlichen Gebrauchswert“ auszustatten. Hervorheben möchte ich aus Aktualitätsgründen drei Themen, die ich mit Brecht bearbeite und zusammen mit der Pianistin Christine Reumschüssel spiele.
Da am 14. August sein 60. Todestag ist und er die letzten neun Lebensjahre in der DDR arbeitete, ist mein neuester Abend dem Thema „Brecht und die DDR“ gewidmet. Ich nenne ihn „Um uns selber müssen wir uns selber kümmern“ – Brechtsche Binsenweisheit aus seinem kleinen „Aufbaulied der FDJ“ von 1948 und doch Stein des Anstoßes und Beginn dessen, was Brecht seine „Mühen der Ebenen“ nannte. Während dieser schreibt er, lehrt, inszeniert, organisiert, mischt sich ein in Politik, selten zur Freude der Herrschenden, macht Vorschläge, die hin und wieder angenommen werden, schafft ein neues Theater, das eine neue Gesellschaft befördern helfen soll und das Weltgeltung erzielt.
All das ist sehr bekannt. Weniger hingegen der Brecht, den wir als einen unserer Abende „Zum Beispiel das Gras“ nennen, oder im Untertitel „Der grüne Brecht“. Warum dieses Thema? Vom Ozonloch noch nichts wissend, wusste er schon von der Pflanze, Tier und Mensch fressenden Wirkung der Städte und eben auch, dass das Nicht-“Gespräch über Bäume“ zum Verbrechen werden kann. Über vierzig Jahre Schaffen zieht sich Brechts Beschäftigung mit der Natur in seinen Versen hin. Der Baum spielt dabei eine besondere Rolle, wird immer wieder aufgenommen, einschneidend die Kämpfe zeigend, die zwischen Natur und Industrie ausgefochten werden. Brecht und Natur, ein Thema, das fast immer unterschätzt wird. Das Klischee des „roten Didaktikers“ scheint eine freundliche, dialektische, sprich grüne Sicht auf Natur auszuschließen. Die berühmte Ungeduld beim Betrachten der Natur wird als gegeben genommen und nicht als von Trauer getragener Kritik an der „Zeit, die auf Erden ihm gegeben ward“. Dass er die Gesellschaft nicht außen vorgelassen hat, wenn es um Naturbetrachtung geht, zeigt eine Haltung, ohne die heute keine grüne Politik zu machen ist.
Greife ich als drittes noch einen meiner Abende heraus: „Verjagt aus meinem Land oder Brecht: Ich bin ein Ausländer“. Hier ist er in besonders prophetischer Weise „Zeitgenosse“ und hier hat er natürlich besonders viel Authentisches zu sagen. Wir alle wissen: Da er für die Emanzipation der Unteren schrieb, den Krieg hasste und mit einer Jüdin verheiratet war, trieben ihn die Nazis durch sieben Länder. Vierzehn Jahre war er Ausländer und fühlte sich auch so. Anfangs, dicht an der deutschen Grenze, unterm „dänischen Strohdach“, rechnend mit einem schnellen Ende des Spuks, dann mit immer größeren Entfernungen zum Land seiner Sprache, zunehmend unglücklicher werdend, wird er im 13. Jahr des Exils die begehrte „Stadt der Engel“, L. A., als „Hölle der Enttäuschten“ empfinden, wo der Verkauf aller Werte an erster Stelle steht.
Was jeder ins Exil Getriebene heute empfindet, in Brechts Texten steht es zu lesen.
Und mit einer immensen Zahl unserer Fragen heute ist es genau so.

 

Wessen Welt ist die Welt?

Von Andreas Lochmann

Dass Brecht vor der Jugend versteckt würde, lässt sich nicht behaupten. Brecht und seine Werke sind fester Bestandteil der Lehrpläne. Nun ist es altbekannt, dass es kaum eine sicherere Methode gibt, Jugendlichen das Interesse an einer Sache auszutreiben, als diese zum Unterrichtsstoff zu erheben. Denn in der Schule geht es um Noten, der Stoff, mit dessen Behandlung sie erworben werden, ist austauschbar. Und so steht Brecht dann irgendwo zwischen Zeichensetzung, Max Frisch und Bewerbungstraining – einer unter vielen. Was nicht heißt, dass ein engagierter Lehrer dieses Einerlei nicht aufbrechen und seine Schüler für Brecht begeistern könnte. Denn vor allem Brecht selbst ist ein ausgezeichneter Lehrer. Mit seinen Fragen eines lesenden Arbeiters hat so mancher angefangen, sich überhaupt erst Fragen zu stellen. Und diese Fragen sind immer noch aktuell und werden es bleiben, solange der Kapitalismus bleibt. Wie Brechts Kommentar zum Umgang mit Geflüchteten und Fluchtgründen aus den „Flüchtlingsgesprächen“: „Der Paß ist der edelste Teil von einem Menschen. Er kommt auch nicht auf so einfache Weise zustand wie ein Mensch. Ein Mensch kann überall zustandkommen, auf die leichtsinnigste Art und ohne gescheiten Grund, aber ein Paß niemals. Dafür wird er auch anerkannt, wenn er gut ist, während ein Mensch noch so gut sein kann und doch nicht anerkannt wird.“ Und etwas weiter hinten in der gleichen Schrift: „Ich hab Leute sagen hören, der Handel und die Wirtschaft sind human, nur der Krieg ist unhuman. Aber der Handel und die Wirtschaft sind erstens nicht human und zweitens führens bei uns zum Krieg.“
Doch der subversive Gehalt Brechts zündet eben nicht so sehr im Klassenzimmer als bei der tätigen Beantwortung der Frage, wessen Welt diese Welt ist. Dabei helfen einem Brechts Gedichte, Stücke und Prosa, die Realität zu verstehen, um sie zu verändern. In Peter Weiss‘ Ästhetik des Widerstands heißt es über Brecht: „Berufsschreiber, das klang wie Berufsrevolutionär. Und wie hinter diesem die vielen standen, von denen die Revolution ausgetragen wurde, so standen sie auch hinter dem Schreibenden, überprüften, was er für sich allein ersonnen hatte, und gaben seinen Worten, durch ihre Gedankenkonzentration, erst ihr eigentliches Leben.“ Realistisch schreiben, das hieß für Brecht „den gesellschaftlichen Kausalkomplex aufdeckend/die herrschenden Gesichtspunkte als die Gesichtspunkte der Herrschenden entlarvend/vom Standpunkt der Klasse aus schreibend, welche für die dringenden Schwierigkeiten, in denen die menschliche Gesellschaft steckt, die breitesten Lösungen bereithält/das Moment der Entwicklung betonend/konkret und das Abstrahieren ermöglichend“ schreiben. Aus solchen Schriften lässt sich einiges lernen, nicht verwunderlich also, wenn sich SDAJler auf Bildungsabenden auch mal ein Brecht-Gedicht vornehmen, statt eines Klassikertexts. Literarische Texte vermitteln einen anderen, manchmal leichteren Zugang zum Verstehen komplexer Zusammenhänge. Gleichzeitig vermitteln sie nicht nur Wissen, sondern auch Haltung. „Wer niedergeschlagen wird, der erhebe sich!/Wer verloren ist, kämpfe!/Wer seine Lage erkannt hat, wie soll der aufzuhalten sein?/Denn die Besiegten von heute sind die Sieger von morgen,/Und aus Niemals wird: Heute noch!“ Wer, wie ich, nach dem angeblichen „Ende der Geschichte“ aufgewachsen ist, in einer scheinbar alternativlosen Welt, in der die Unterdrücker sich auf zehntausend Jahre einrichten und die Gewalt versichert: so wie es ist, bleibt es, dem machen diese Worte Mut und vermitteln etwas von dem historischen Optimismus, den wir Jungen bislang noch nicht aus dem Miterleben großer Siege schöpfen konnten und den unsere Bewegung doch so dringend nötig hat. Aber es lässt sich nicht nur Selbstvergewisserung finden bei Brecht. Ich erinnere mich an ein Wochenendseminar der SDAJ, bei dem es um die Erstellung von Kleinzeitungen ging, die an Schulen verteilt werden konnten. Bevor wir begannen, uns in Fragen von Layout, Texten, Druckkosten und so fort, zu stürzen, lasen wir gemeinsam ein Gedicht. Es war Brechts „Der Zweifler“, der uns fragte: „Seid ihr wirklich im Fluß des Geschehens? Einverstanden mit/Allem, was wird? Werdet ihr noch? Wer seid ihr? Zu wem/Sprecht ihr? Wem nützt es, was ihr da sagt? (…)Aber vor allem/Immer wieder vor allem anderen: Wie handelt man/Wenn man euch glaubt, was ihr sagt? Vor allem: Wie handelt man?“ Mit diesen Fragen im Hinterkopf konnten wir uns an die Arbeit machen. Es wurde ein produktives Wochenende.

Dieser überreiche Dichter streute in alles, was er schuf, Keime von Gedanken und Spürungen, dazu bestimmt, ihr ganzes Leben erst später zu entfalten. Er war überzeugt, dass jedes lebendige Werk aus eigener Kraft wächst und weiterarbeitet, dass es sich ändert mit jedem Hörer und Leser, den es erreicht. Seine Dichtungen sind aufgebaut auf dieser Voraussetzung, so dass erst die Zukunft die ganze Breite und Fülle seines Werkes schaubar machen wird. Brecht selber hielt alles, was er geschaffen hatte, für ein Vorläufiges, im Entstehen Begriffenes. Bücher, die er längst hatte drucken lassen, Stücke, die er unzählige Male aufgeführt hatte, waren ihm noch keineswegs fertig, und gerade jene Werke, die ihm die liebsten waren, „Die heilige Johanna der Schlachthöfe“, „Der gute Mensch von Sezuan“, „Der Kaukasische Kreidekreis“ betrachtete er als Fragmente. Ihm lag, wie so manchem großen Deutschen, die Vollendung des Werkes weniger am Herzen als die Arbeit am Werk. Er hörte denn auch begierig auf Vorschläge und Einwände und ging, wann immer Zweifel und Ratschlag ihm einleuchteten, sogleich daran, das Geschaffene zum tausendundersten Male zu überarbeiten, selbst wenn das bedeutete, dass er’s von den Fundamenten her neu bauen musste. Durch diese Arbeitsweise hat es Brecht erreicht, dass seine Dichtungen so durch und durch dynamisch wirken. Sie zwingen den Empfänger, selber weiterzuarbeiten, sie reizen ihn, mit Brecht zu streiten, ihn anzuzweifeln, ihm zuzustimmen. Brecht, obwohl er seine Stücke „Lehrstücke“ nannte, fühlte sich keineswegs als Praeceptor Germaniae. Er war sich bewusst, nichts zu wissen, und bereit und bestrebt, von andern zu lernen. Er wollte anregen, er wollte sich mit den andern auseinandersetzen und ihnen denken helfen. Diese sokratische Eigenschaft durchtränkt Brechts gesamtes Werk. Es lässt den Leser nicht los, es beschäftigt ihn und zieht ihn immer von neuem an.
Lion Feuchtwanger In „Sinn und Form“, Sonderheft Bertolt Brecht, 1957


Galilei: Kein „Lehrstück“, aber eines, aus dem man lernen kann

Von Nina Hager

Brechts Stück „Leben des Galilei“ war Lehrstoff an der Erweiterten Oberschule. Erstaunlich, die Schule hat uns damals – anders als beispielsweise bei Schillers „Kabale und Liebe“ – die Freude am Theater nicht versauen können. Nach dem Theaterbesuch im Berliner Ensemble (es war 1967 oder 1968) diskutierten wir im Unterricht heiß: „Wie muss man sich verhalten, wenn man die Wahrheit kennt, sie aussprechen muss, aber bedroht wird und um sein Leben fürchten muss?“ Der Gegner war klar benannt – die Heilige Inquisition bzw. jegliche Unterdrücker(klasse). Da war wohl schon klar, dass das Brecht-Stück „Leben des Galilei“ kein Historienstück war, sondern viel mit der Gegenwart und der jüngeren Vergangenheit zu tun hatte. Wir erfuhren damals zugleich viel über Brechts politische Haltung und sein gesellschaftliches Engagement sowie über seine Auffassung von einer kämpferischen, eingreifenden Kunst. Dass es da aber auch politische Konflikte gab – wie im Zusammenhang mit der sogenannten Formalismusdebatte Anfang der 50er Jahre, habe ich erst später erfahren.
Warum wählte Brecht, für den das Stück offenbar zu seinen wichtigsten zählte, ausgerechnet Galileo Galilei als Hauptfigur? Das hat etwas mit dessen Geschichte zu tun und seiner Rolle als einer der Begründer eines neuen Weltbildes der Physik, das über die Physik hinaus große Bedeutung hatte. Nikolaus Kopernikus (1473–1543) hatte die Astronomie revolutioniert und brach völlig mit der vorherrschenden geozentrischen ptolemäischen Tradition. Der Kampf um das heliozentrische Weltbild war lang und schwer. Er musste nicht nur gegen Einwände von anderen Wissenschaftlern geführt werden sowie gegen Vorurteile und Dummheit, sondern vor allem gegen christliche Dogmen und Institutionen. Giordano Bruno starb 1600 auf dem Scheiterhaufen in Rom. Dem 70-jährigen Galilei (1564–1641) wurde der Prozess gemacht. Erst 1835 wurde sein Werk „De revolutionibus“ aus dem päpstlichen Index verbotener Bücher gestrichen.
Friedrich Engels fand in der „Dialektik der Natur“ Worte höchster Bewunderung für die „Riesen an Gelehrsamkeit, Geist und Charakter“, die der damaligen Wissenschaft das Gepräge gaben, für ihre revolutionäre Parteinahme, mit der sie sich das Recht der Existenz erkämpften.
Doch Brecht hatte offensichtlich noch einen anderen Grund. 1938 deutete alles darauf hin, dass ein großer Krieg bevorstand. Nach dem „Anschluss“ Österreichs an Hitlerdeutschland war nach dem „Münchener Abkommen“ der Weg offen für die Zerschlagung und Besetzung der Tschechoslowakei. Wie Ernst Schumacher in seiner Biografie „Leben Brechts“ schrieb, machte Brecht in dieser Zeit nicht nur den Schwankenden, sondern auch den Gleichgeschalteten anschaulich, wie sie den illegalen Kampf aufnehmen und führen können.
Ende November 1938 vermerkte er in seinem „Arbeitsjournal“, er habe innerhalb von drei Wochen das Schauspiel“Leben des Galilei“ fertiggeschrieben. Darin zeigte Brecht, wie die Wahrheit auch nach einer Niederlage mit List verbreitet werden kann. In dunkler Zeit wollte er Mut machen. In dieser ersten Fassung setzt der Held zwar seinem Schüler Andrea auseinander: „Die Wissenschaft kann Menschen, die es versäumen, für die Vernunft einzutreten, nicht brauchen. Sie muss sie mit Schande davonjagen, denn sie mag soviele Wahrheiten wie immer wissen, in einer Welt der Lüge hätte sie keinen Bestand.“

Aber dann übergibt Galilei Andrea die geheim hergestellte Abschrift der „Discorsi“, damit er sie über die Grenze bringt, ihn ermahnend: „Nimm dich in acht, wenn du durch Deutschland fährst und die Wahrheit unter dem Rock trägst!“
Bei der Uraufführung dieser Fassung im Zürcher Schauspielhaus, die erst im Jahr 1943 stattfinden konnte, nahm die Kritik „Stück und Inszenierung … vor allem als Stück des illegalen Kampfes“ auf. (E. Schumacher, Leben Brechts, Leipzig 1984, S. 172)
Am 6. August 1945 explodierte die US-Atombombe „Little Boy“ über Hiroshima, drei Tage später die Plutoniumbombe „Fat Man“ über Nagasaki. Für Brecht war dies Anlass, sein Stück zu überarbeiten. Das spiegelte sich dann auch in der Positionierung seiner Figuren wieder.
In der „Vorrede zur amerikanischen Fassung“ formulierte Brecht die Wendung: „Das ‚atomarische Zeitalter’ machte sein Debüt in Hiroshima in der Mitte unserer Arbeit. Von heute auf morgen las sich die Biographie des Begründers der neuen Physik anders. Der infernalische Effekt der Großen Bombe stellte den Konflikt des Galilei mit der Obrigkeit seiner Zeit in ein neues, schärferes Licht.“ Als Galilei bei der entscheidenden Wiederbegegnungsszene mit seinem früheren Schüler Andrea verrät, dass er seine Verbannung genutzt hat, um im Geheimen die „Discorsi“ zu schreiben, ist Andrea sofort bereit, ihm alles nachzusehen, weil die Wissenschaft nur ein Gebot, nämlich den wissenschaftlichen Beitrag kenne. Galilei muss ihm daraufhin auseinandersetzen, dass die Wissenschaft, wenn sie sich von selbstsüchtigen Machthabern einschüchtern lässt, zum Krüppel gemacht wird: „Ihr mögt mit der Zeit alles entdecken, was es zu entdecken gibt, und euer Fortschritt wird doch nur ein Fortschreiten von der Menschheit weg sein. Die Kluft zwischen euch und ihr kann eines Tages so groß werden, dass euer Jubelschrei über irgendeine neue Errungenschaft von einem universalen Entsetzensschrei beantwortet werden könnte.“
Nach der Zustimmung der Atomphysiker zum Bau der Wasserstoffbombe Anfang der fünfziger Jahre in den USA (Edward Teller war hier eine treibende Kraft), ergänzte Brecht in der neuen deutschen Fassung durch den Gedanken eines „hippokratischen Eides“ der Naturwissenschaftler.
Obgleich Brecht anfangs lange überlegt hatte, ob er das Stück „Leben des Galilei“ nicht besser als Lehrstück fassen solle, verwarf er diese Idee.
Für mich, die ich später an der Humboldt-Universität Physik studierte und lange Jahre im Bereich der Philosophie, genauer auf dem Gebiet philosophischer Fragen der Wissenschaftsentwicklung gearbeitet habe, war das Stück in gewissem Sinne ein „Lehrstück“. Besser eines, das half zu lernen, denn ein Theaterstück kann die eigene Erfahrung, die Auseinandersetzung nicht ersetzen. Brechts „Galilei“ half aber in den früheren und aktuellen Debatten über die Verantwortung des Wissenschaftlers, mit Argumenten und Orientierung. Es half auch darüber hinauszugehen. Das hieß und heißt nicht nur dagegen aufzutreten, dass Wissenschaft zur Schaffung von Destruktivmitteln pervertiert wird, um immer neue Waffensysteme zu entwickeln. Oder dagegen, dass bestimmte wissenschaftliche Entwicklungsrichtungen bewusst unterdrückt oder nur mangelhaft gefördert werden, weil sie Profitinteressen insgesamt oder den Profitinteressen starker Kapitalgruppen widersprechen usw. Es geht auch darum, über Risiken bestimmter Entwicklungen sowie ihrer technisch-technologischen Umsetzung und daraus resultierenden Gefahren für Mensch und Natur aufzuklären – und, wie im Fall der Energiegewinnung mittels AKW, dagegen offensiv Stellung zu nehmen.

Brecht war sich stets darüber im klaren, dass der Kommunismus kein utopisches Ideal ist, sondern sich durch Widersprüche und Wirren hindurch verwirklicht. So war sein Kommunismus nicht schwärmerisch wie eine Jugendliebe, sondern eine in Kritik gefestigte reife Lebensentscheidung. Angesichts der Zweifel und Unsicherheiten, die Kommunisten nach der Niederlage von 1990 befallen haben, kommt der realistischen Klarheit Brechts eine hohe Bedeutung für die Bewusstseinsbildung zu. Dass er, der von seiner Neigung her eher ein anarchischer Individualist war, die Unverzichtbarkeit der organisatorischen Bindung, die prägende Rolle der Partei für den einzelnen erkannte und nachdrücklich betonte, sollte durchaus als Leitbild aufgefasst werden, an dem wir uns orientieren können.
Hans Heinz Holz in UZ vom 6. 10. 2006

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Leserbrief zu »Bert Brecht – Zeitgenosse«, UZ vom 5. August 2016





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