„Das Herz des Narren blutet im Spiel“

Zum Tod des Schriftstellers Benito Wogatzki (1932–2016)
Von Rüdiger Bernhardt
|    Ausgabe vom 5. August 2016
Benito Wogatzki auf dem Sonderparteitag der SED/PDS im Dezember 1989 (Foto: Gabriele Senft)
Benito Wogatzki auf dem Sonderparteitag der SED/PDS im Dezember 1989 (Foto: Gabriele Senft)

Einer der erfolgreichsten deutschen Autoren des 20. Jahrhunderts ist im Alter von 83 Jahren am 25. Juli in Südfrankreich gestorben: Benito Wogatzki. Der deutsche Autor war ein Autor der DDR, der in beiden deutschen Staaten gelesen wurde und der nach 1989 erfolgreich blieb, Drehbücher zu Serien schrieb und Romane, ohne dass er seine aus der DDR stammende Thematik dabei aufgegeben hätte.
Nur bot sie sich nun völlig anders dar; Verluste waren zu vermelden. Wogatzki wurde, wie die meisten Autoren der DDR, durch das Schweigen der heutigen Literaturkritik und Literaturwissenschaft verdrängt, hatte er doch aus seinem Bekenntnis zum Sozialismus kein Hehl gemacht. In Südfrankreich, wo er die letzten fünfzehn Jahre, mit Unterbrechungen in Siethen (Ortsteil von Ludwigsfelde) in den Sommermonaten, gelebt hatte, ist er gestorben; erfüllte er sich eine alte Sehnsucht oder entfloh er seiner Wirklichkeit? Es mutet wie ein Weg ins Exil an.

Benito Wogatzki wurde 1932 geboren, sein jüdischer Vater musste vor den Nazis fliehen. Nach einer Weberlehre besuchte er die Arbeiter-und-Bauern-Fakultät (ABF) in Potsdam, studierte Publizistik in Leipzig und war acht Jahre bei der Studentenzeitschrift „Forum“ Redakteur. In den sechziger Jahren wurde er mit Fernsehspielen berühmt: mit dem Zyklus „Die Geduld der Kühnen“, „Zeit ist Glück“, „Die Zeichen der Ersten“, „Meine besten Freunde“ u. a. In publizistischen Dokumenten und Interviews gab Wogatzki ausführlich über sein Schaffen Auskunft.
Als Benito Wogatzki nach mehreren Erzählungen und dem Band „Der Preis des Mädchens“ (1971) seinen ersten Roman „Romanze mit Amélie“ (1977) veröffentlichte, war er bereits ein bekannter Autor der DDR. Seinen Ruf hatte er durch das Fernsehen bekommen. Seine Fernsehspiele waren nicht nur erfolgreich, sondern sie lösten Publikumsdiskussionen wie bei keinem anderen Autor aus, an der Arbeiter und Wissenschaftler, Werkdirektoren und Minister, Skeptiker und Optimisten gleichermaßen teilnahmen.

Diese Diskussionen sind in Umfang und Inhalt bis heute beispiellos. Als 1974 der erste biografische Abriss über ihn erschien, geschrieben von dem Theaterwissenschaftler Gottfried Fischborn, war von Prosa keine Rede, aber auch noch nicht von der legendären Heiterkeit, die Wogatzkis Romane kennzeichnete. Vielmehr wurde ihm bescheinigt „eine starke, scheinbar auch dokumentarische Authentizität – erreicht in vorher kaum erfassten Sujets“ und ein „entschiedener moralischer Rigorismus“, bezogen auf Fernsehspiele, im Fernsehen hatte Wogatzki sein Medium gefunden.

Dann kam „Romanze mit Amélie“, wobei der Titel mit dem manierierten Namen und der parodieverdächtigen Gattung bereits wie ein Fremdkörper, fast eine Provokation erschien; der Roman zeigte einen anderen Wogatzki und schockierte das Publikum. Beschrieben wurde die Liebe zwischen einem Schäfer und der Tochter des Gutsherrn Amélie von Kamecke, „Sonnchen“ genannt. Das deutete auf Trivialität und Kitsch. Umso härter wirkten neben der wohltuenden Heiterkeit des Romans sein schwarzer Humor, die Schocks und der erregende Ernst, denn der Liebe zwischen dem Flüchtlingsjungen und Schäfer Jürgen Siebusch und der adligen Amélie ist die Zeit am Ende des Zweiten Weltkrieges 1944/45 nicht günstig, brechen doch politische, soziale und intellektuelle Gegensätze unversöhnlich auf, auch zwischen den Liebenden. Nur in einer abgeschiedenen Pächterhütte, außerhalb der „Schussweiten unserer Feinde“, lebte die Liebe, aber ohne Dauer und durch Amélies Tod jäh beendet.

Aber der zurückbleibende Jürgen Siebusch – er wäre „gerne daran zugrunde gegangen“ – wurde von der sich neu formierenden Gesellschaft nicht allein gelassen: Man ließ ihn nicht „zugrunde“ gehen. Aus dem großartigen Roman, in seiner episodischen Reihung den erfahrenen Dramatiker verratend, wurde 1981 ein erfolgreicher Film (Regie: Ulrich Thein).

1982 setzte Wogatzki das Modell des ersten Romans in „Das Narrenfell“ fort. Dem dreimaligen Versagen des Betriebsschlossers Ulli Wuttke sind drei Briefe gewidmet, um die sich die Handlung ansiedelte, locker und leicht, von einem heiter wirkenden Erzähler lose gefügt. Da soll ein Fußballspiel so ausgehen, dass beide Mannschaften Gewinn davon haben: Die stärkere Mannschaft der Bauern soll verlieren und dafür von den Arbeitern Kohle für den Winter bekommen, die schwächere Mannschaft der Arbeiter soll gewinnen, damit sie nicht aufgelöst wird und weiterhin ihre zusätzliche Fleischkarte beziehen kann. Aber drei Großbauernsöhne in der Dorfmannschaft verhindern den Plan. Wuttke bekommt eine strenge Rüge, gegen die er sich im ersten Brief zur Wehr setzt. Beschrieben werden Fehler und misslungene Vorhaben von einst, über die man lachen konnte.

Über die Probleme und Schwierigkeiten der Grundlegung eines sozialistischen Staates ist viel zu erfahren, fern der zahllosen Legenden, die sich gebildet haben. Wogatzki fand seine Stoffe vor Ort, in Leuna, Schwedt und Freital. Zu lesen sind die Gründe, warum die Menschen so zu handeln versuchten und womit sie die mangelnden Erfahrungen – es gab in der bisherigen Geschichte keine – zu ersetzen versuchte. Der Schelm – der Narr – steigt bei Wogatzki zur Höchstform auf; in „Narrenfell“ ist ein Volksbuch entstanden: Wuttke trägt ebenso Züge des Till Eulenspiegel wie des Sancho Pansa aus Don Quichote. Das Lachen der Leser enthält das Wissen, wie sonderbar die Wendungen des Lebens sein können, wie anders oft als sie geplant wurden. In Lesungen wurde Wogatzki häufig die Frage gestellt: „Wie kommt es, dass wir so darüber lachen, wo’s doch um ziemlich harte Brocken geht?“ Seine Antwort entnahm er einem Brief eines Lehrers: „Der Schalk, so viel ihm auch misslingen mag, zeigt ja nur auf seine Weise, wie brisant die Aufgaben waren, die bewältigt werden mussten.“

Zu diesen beiden Romanen kam schließlich ein dritter, fast eine Trilogie bildend. Zum Schäfer und dem Schlosser trat der Zimmermann im Roman „Schwalbenjagd“ (1985), der Neues in Wogatzkis Schaffen bietet: Alte Lebenspläne werden über den Haufen geworfen, Wetten und Feiern verlieren ihren bestimmenden Sinn. Dafür sucht man gemeinsam nach Vorhaben und Zielen, für die es sich zu streiten lohnt. Am Ende des Romans steht man am Anfang einer solchen Entwicklung. Auch hemmende Unterschiede verlieren ihre Bedeutung: Was der Zimmermann nur als Abenteuer mit einer schönen Frau plant, die sich als Wissenschaftlerin herausstellt, wird zur Liebe. Aber die Folge ist, dass dieser Zimmermann aufhört ein Schelm zu sein, als er sich für andere verantwortlich weiß.

Der Schelm war Wogatzkis bevorzugte literarische Gestalt, das Satyrspiel zur Tragödie kam, wie in der Antike, in seinen letzten Jahren hinzu. Er überraschte die Literaturkritik mit den Romanen „Flieh mit dem Löwen“ (2007) und „Fleur“ (2009); mühsam nach Kriterien suchend ordnete sie die Romane schließlich mit schlechtem Gewissen Thrillern zu, ahnend, dass es etwas anderes war. Die Kritikerin Christel Berger sagte es dagegen deutlich: „Es ist ein Meisterstück, diesen Abgesang in die angemessene Form gesteckt zu haben. Den scheinbar harmlosen Thriller.“

Schelme hatte Wogatzki in seinen Romanen auftreten lassen, wenn es galt, Missglücktes und Fehlerhaftes in einer Gesellschaft zu finden, die anderes wollte. Nun, in den späten Romanen, ging es um eine Gesellschaft, in der keine Fehler und Missglücktes mehr einzeln zu erfassen sind, sondern in der verbrecherisches Treiben zum Gesellschaftsmodell geworden ist und Macher von einst als Wendehälse sich integriert haben. Wo Wogatzki früher Heiterkeit verbreitete, fand sich nun Sarkasmus. Aus dem Schelm von einst wurde der satirische, auch zynische Dokumentarist, aus der Heiterkeit die Groteske: „Das Herz des Narren blutet im Spiel“, heißt es in „Fleur“, Wogatzkis Abgesang.
Wollte man die beiden letzten Romane auf eine kurze Inhaltsangabe bringen, so ließe sich über den einen sagen, dass Verbrechen nur noch mit Verbrechen zu bekämpfen sind, und über den anderen, dass dem Wahnsinn nur mit Wahnsinn begegnet werden kann. Verbrechen und Wahnsinn sind die Normalität. Manche Kritiker versuchten, die späten Romane auf die DDR zurückzuführen: Das stimmt insofern, als Wogatzkis Ideale ihre Bedeutung verloren. An ihre Stelle trat eine Gesellschaft der Vorvergangenheit, die Wogatzki für überwunden hielt. Dort war die DDR mit ihrem Untergang angekommen. Wogatzki erkannte und beschrieb sie als die heutige deutsche Gesellschaft, in „Fleur“ bis in die Europäische Union sich ausdehnend. Sich selbst zog er aus diesem Umfeld zurück, Südfrankreich war schon immer ein Ort des Exils.

So hat der Leser schließlich ein großartiges Werk vor sich, das zu einem Abschluss gebracht wurde: Zuerst galt Wogatzkis Interesse in seiner Fernsehdramatik der ökonomischen und technischen Entwicklung, in deren Zusammenhang er an die Entwicklung eines neuen Menschen glaubte – sein Meister Werner Falk, „der gute Geist aller Wogatzki-Stücke“ (Fischborn) und von Wolf Kaiser kongenial gespielt, wurde zum legendären Beispiel. Als diese Entwicklung ins Stocken geriet und schließlich nicht aufging, wie Wogatzki einzusehen lernte, demonstrierte er in seinen Romanen auf heitere Weise die historischen Grundlagen der Entwicklung, die er verfocht: „Schwalbenjagd“ steht am Ende und schafft in dem Paar Kolke, dem Arbeiter, und Anne, der Historikerin, die dazu passende Konstellation, aus einem alten Haus, das instandgesetzt und am Ende eröffnet wird, das Beispiel und in den Worten Kolkes „Die Geschichte passt auf und lässt nichts durchgehen“ die Maxime.

Wir wissen, dass die Geschichte wieder vor ihrem Beginn ankam, auch weil zu viele sich nicht daran beteiligten. Und nun folgte Wogatzkis Griff zum Thriller: In Babelin – geschichtsumfassend von Babylon bis Berlin – bringen sich die Verbrecher gegenseitig um und zu trennen zwischen Gut und Böse ist nichts mehr, „Sarkasmus in Naturform“, wie es im Roman heißt. Es ist Wogatzkis Absage an seine früheren Hoffnungen; Enttäuschungen und Hoffnungslosigkeit haben gesiegt. Man muss dem nicht folgen, aber es ist die erschütternde Bilanz eines großen Anspruchs, den Wogatzki einst gestellt hatte.


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Leserbrief zu »„Das Herz des Narren blutet im Spiel“«, UZ vom 5. August 2016





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