Roter Sommer in Dortmund

Eindrücke vom UZ-Pressefest
Von Anja Röhl
|    Ausgabe vom 29. Juli 2016

Als käme man in eine lange sterbende Stadt, abgeblätterte Fassaden, regenwasserüberlaufen, ausgewaschene Farben, geborstene Teile, verrottete, schiefe Dächer, große, lange nicht renovierte Gebäude, mit dunklen Schriftspuren aus besseren Zeiten: Hotel, Restaurant, Weinstube, Deutsches Haus, alles wie leerstehend. Rechts und links verödete Großindustriebauten, zum Teil überwuchert von Grünpflanzen, mit dunkelleeren Fensterhöhlen. Vielfach aufgebrochener, nicht ausgebesserter Straßenbelag. „Industrie-Museum“-Schilder, Armut. Imbissbuden überall. Die Häuser dunkelgrau, 40 Jahre nicht überputzt.

Angekommen im Revierpark Wischlingen, Dortmund, er liegt hinter einer abgelegenen Gewerbegegend. Einstmals vielleicht für die Arbeiter des „Reviers“ angelegt. Der Park scheint nicht sehr gepflegt, das macht ihn romantisch, gibt ihm etwas Wildes. Es gibt keine grillenden Südländer, keine Familienausflügler auf der Wiese am See, keine Volleyball spielenden jungen Leute. Dazu ist er heute noch regenschwer. Anscheinend hat es die ganze Nacht geregnet, das Unterholz dampft. Die Radwege sind Holperstrecken. Ein Kletterpark wurde dem Park zugefügt, aus ihm kommen jetzt einige Jugendliche, sie ziehen dem Ausgang zu.

Auf das Festareal kommt man durch einen kleinen Zugang, der neben der Eishalle freigehalten ist, die jetzt im Sommer trockenliegt, dort bauen Buch- und Kunstverlage gerade Stände auf. Der alternde Siebzigerjahre-Flachbau starrt schmutzig kahl.

Aber heute, am Freitagvormittag, am ersten Tag des UZ-Pressefestes, das alle zwei Jahre stattfindet, da ist es, als haben nun die Linken dem Revierpark Leben eingeblasen, denn trotz fließendem Regen, verhangenem Himmel, nassem, durchweichtem Boden sind die Menschen guter Dinge, tönen Revolutionslieder durch den verwilderten Park und Lenins Bild weht auf einer weißen Fahne.

Zunächst der Eingangsbereich, er ist umgeben von Zelten, großen Wagen, einem halben Dorf voll Equipment. Es ist der Helferbereich, eine riesige, nicht einsehbare Wagenburg, wo diejenigen sich jetzt in Regenmänteln an Kaffeetassen wärmen, die schon seit einer Woche hier sind, um aufzubauen.

Der Aufbau ist aber zum Ende gekommen und mit dem Aufhellen des Himmels beginnen die ersten Programmpunkte: Politische Debattenrunden, Podiumsdiskussionen und Kultur in jeder Form wechseln sich ab und alle paar Meter steht jemand und blättert in der schön bunten, etwas unübersichtlichen Programmzeitung, in der jedes Zelt sein Programm vorstellt, es aber an einer Gesamtübersicht fehlt, so dass, wer zeitnah planen möchte, hin- und herblättern muss. Wer also nicht nur in Hessen, Niedersachsen, Dortmund sein will oder am See-Ausblick mit den „Ossis“ (junge Welt, Ostverlage, FDJ etc.) Zeit verbringen will, muss sich einen Notizblock zulegen und darauf sein eigenes Programm zusammenstellen. Das hilft aber auch nicht, weil es zu viel gibt und überall immer Anregungen, und also schlendern nach einer Weile die meisten herum und gehen hin, wo sie gerade vorbeikommen und Lust drauf haben. In kürzester Zeit ist es gedrängt voll, viele die sich kennen, einander begrüßen, andere treffen. Das fühlt sich stark an und gibt die Vorstellung, Teil einer großen Bewegung zu sein, die vielen Weißhaarigen machen mich fröhlich, sie vermitteln das Gefühl einer eigenen Tradition, die wir aufgebaut haben, obgleich man uns alle Vorbilder hingemordet hat, ein gutes solidarisches Gefühl!

Mich haben einige Kulturveranstaltungen besonders begeistert: Klaus der Geiger, Grup Yorum, Weltheater Chemnitz, Geraldo Alfonso und viele mehr. Auch war ich in vielen Diskussions- und Infoveranstaltungen. Über vieles ist schon geschrieben worden, aber zwei Kulturereignisse sind, glaube ich, noch zu wenig erwähnt worden: die irische Willie Drennan Band und die Gruppe um Nümmes, den Berliner Straßen- und Demosänger.

Der irischen Truppe gelingt es, sobald sie in ihrem kleinen Zelt am Hügel zu spielen beginnen, solche Zaubertöne von sich zu geben, dass die Leute bald von allen Seiten herbeiströmen. Es sind typisch irische Songs, original wie im Pub gespielt, wunderschön kraftvoll, mit folklorisch getönten politischen Texten. Es erinnert an Theodorakis, natürlich auf Basis einer völlig anderen Musiktradition, sich auf Volkstraditionen stützend, aktuelle politische Ereignisse integrierend. Dazu haben sie eine vielfach ausgezeichnete ganz junge Harfenistin dabei, deren Musik zum Niederknien ist. Die Folksongs handeln vom Widerstand, haben Witz und Selbstironie, und im Nu ist der halbe Hang vor der „Roten Insel“ schwarz vor Leuten. Nebenbei werden T-Shirts und Webstoffe verkauft. Highlight ist die Lambden Drum, eine fast mannshohe Trommel, die sich Willie Drennan vor den Körper schnallt und der er eigenwillig-kraftvolle Töne entlockt. Wir sind irische Kommunisten und darauf sind wir stolz, sagen sie, an jedem Pressefestabend gibt es dort Session und mehrmals treten sie in großer Truppe auf, auch auf der Hauptbühne.

Der Straßen- und Demo-Sänger Nümmes trat mit einer Band auf, eine Latinofrau, und zwei Männer an Gitarre und Bass. Karl Nümmes, wie er sich nennt, im bürgerlichen Leben Grundschullehrer, gab umfassende Kapitalismuskritik zum Besten, einfallsreiche Agitpop-Songs, die er in überzeugender Weise vorträgt. Die Menschen in der „Kogge“ tanzten und klatschten und sangen mit und keiner wollte, dass Nümmes aufhörte, der ein ähnliches Temperament wie Klaus der Geiger zu haben scheint, denn er wurde, je länger der Abend dauerte, immer besser, durch sich selbst und die Zuschauer angefeuert. Er versteht mit seinen Liedern zu agitieren, mitzureißen, aufzurütteln. Mit eindringlicher Stimme, besonderer Körpersprache und einer ganz eigenen Interpretation fremder Texte, vermischt mit selbstgetexteten, erreicht er, dass die Leute nicht weggehen wollen, immer weitere Lieder erklatschen.

Nach vielen revolutionären Songs verrät er, dass er, eben in Rente gegangen, viele Jahre als Lehrer gearbeitet hat, dazu bringt er ein kleines Beispiel seines Musikunterrichts ein, ein Friedenslied „Wünsche der 1b“, das diese Klasse mit ihm zusammen getextet hat. Es hört sich gut an, und man denkt gerührt: Ja, das ist die Kraft der Schwachen. Der letzte Vers geht so:

Ich wünsche, hab ich leise gesagt,
dass kein Mensch den anderen jagt.
Für meine Mama eine Kerze im Wind
und dass alle Menschen glücklich sind.
Ich wünsche mir ‚nen Schlitten und ein Buch
und dann saus‘ ich los und such
die Kraft im Weltenall,
die Frieden schafft überall!


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Leserbrief zu »Roter Sommer in Dortmund«, UZ vom 29. Juli 2016





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