Kultursplitter

Von Herbert Becker
|    Ausgabe vom 29. Juli 2016

Eine der ältesten und immer noch wirkungsmächtigsten Kommunikationsweisen ist DAS GERÜCHT. Gezielt eingesetzt oder dank neuer Formen wie Facebook oder Twitter wild gestreut, vermag es ganze Kampagnen in Gang zu setzen, zu denunzieren, lächerlich zu machen und/oder Verwirrung zu stiften. Schon bei den alten Griechen nicht unbekannt: Das Gerücht, der trojanische Krieger Paris habe die schöne Helena entführt, wurde dankbar von den Athenern aufgegriffen, um einen langen, blutigen Krieg zu führen. Dass es eigentlich um die Herrschaft über die Handelswege im östlichen Mittelmeer ging, taucht bei Homer zwar versteckt auf, aber lieber erzählt er tolle Heldengeschichten.
Die Funktion und Wirkung von Gerüchten war am letzten Freitag Abend bis tief in die Nacht zu verfolgen. Die Berichte und Kommentare über das, was in München gegen 18 Uhr passiert war bzw. in den nächsten Stunden ablief, nährten sich aus einem solchen Sumpf. Es war spannend, wie binnen Minuten eine neue „Information“ im ersten Sender auftauchte und wie kurz oder lang dies danach von den anderen Sendern und den öffentlich-rechtlichen Anstalten nachgeplappert wurde. Manche Gerüchte hielten sich hartnäckig („Mindestens drei Täter“), andere verschwanden schon nach kurzer Zeit („Es ist ein Überfall“). Die Entscheidung darüber, welches Gerücht am Leben gehalten wurde, hing vom Grad der Erregung oder den politisch-ideologischen Möglichkeiten ab, damit weiter zu zündeln, z. B. „islamistisch“.
Gerüchte zu fabrizieren oder sie zu verbreiten ist ein Herrschaftsins­trument wie Lüge und Desinformation, kanalisiert aber auch vorhandene Angst und Wut in gewünschte Bahnen.

Sommerzeit = Lesezeit
Dieser so dämliche wie hartnäckig Jahr für Jahr genutzte Spruch, um Wegwerf-Lesestoff zu vermarkten, kann auch so interpretiert werden: Auf den Ferieninseln für den Nord- und Mitteleuropäer leben nicht wenige Händler davon, beim Wochenendwechsel der Gäste die Hotels und Ferienwohnungen nach zurückgelassenen Taschenbüchern zu durchforsten. Den Betrieben ist es recht, sie müssen den „Müll“ nicht entsorgen, die Bücherkartons wandern in die Läden, wo sie einer Zweit-, sogar Drittverwertung harren, vieles davon geht zu den großen Ramschaufkäufern hier wie anderorts. Ein Buch sei nun empfohlen, das diesen Weg nicht gehen, sondern einen guten Platz im Regal finden sollte. Es geht um das Thema: Gerüchte und ihre Wirkung.

Schwarzes Gold
Die Grande Dame des französischen Krimis, Dominique Manotti, hat zum achten Mal ein Buch veröffentlicht, das den Satz „Alle Geschichte ist die Geschichte von Klassenkämpfen“ am Beispiel beschreibt. Sehr dicht gewoben, komplex in den Handlungssträngen, lakonisch und präzise in der Sprache, also das, was einen Krimi ausmachen sollte. Dieser Roman erzählt aus der Sicht eines Kommissars, der nach Marseille versetzt wurde, vordergründig die Geschichte zweier Morde, die aussehen wie von Mafia-Clans bestellt. Ein Wust falscher Informationen, Details, die in die Irre führen, verlegter Akten und immer wieder neuer Gerüchte, die bis in die persönliche Integrität des Kommissars hineinreichen, verwirren ihn und uns. Erst langsam schält sich, wir schreiben das Jahr 1973, der Hintergrund der Geschehnisse heraus, die erste große Ölkrise steht bevor, die OPEC emanzipiert sich von den „Sieben Schwestern“ (den Erdölkonzernen) und kleine und große Gangster versuchen neben den Hauptakteuren aus Industrie, Politik und Militär ein Stück vom Kuchen zu ergattern. Die Morde, die nur zur Bereinigung des Spielfelds dienten, werden immer unwichtiger, das Gespinst aus „Wer hat wen, wann und wo und warum“ ausgetrickst und wo bleibt unser kleiner Kommissar, machen dann den Reiz des Romans aus. Natürlich geht es aus wie im richtigen Leben und Brecht hat Recht. (Dominique Manotti, Schwarzes Gold, Argument Verlag, Berlin 2016)


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