Den Rassismus begreifen und bekämpfen

Im Kapitalismus ist die Konkurrenz real, die die falsche Ideologie scheinbar erklärt
Von Jürgen Lloyd
|    Ausgabe vom 22. Juli 2016

Dass der Rassismus als stark um sich greifende Ideologie zu bekämpfen sei, darüber besteht Einigkeit. Wie das zu tun ist, ist umstritten. Kann man es, indem man alle Antirassisten sammelt und ansonsten „rote Linien“ zieht, jenseits derer keine Positionen mehr geduldet werden? Sicher nicht, argumentiert Jürgen Lloyd und verweist auf die Entstehung und Funktion rassistischer Ideologie.

Rassismus im Sinne einer vorurteilsbeladenen Abneigung gegenüber fremdartigen Menschen ist eine durchaus alte Erscheinung in der Geschichte. Marxistinnen und Marxisten zeichnet es aber aus, solche Erscheinungen nicht aus diesen Erscheinungen selbst heraus deuten zu wollen, sondern sie als Ausdruck von Interessen und der konkreten Bedingungen zu verstehen, unter denen diese Interessen um Durchsetzung ringen. „Die Geschichte aller bisherigen Gesellschaft ist die Geschichte von Klassenkämpfen“ haben Marx und Engels diese Grundlage unseres Geschichts- und Gesellschaftsverständnisses im Kommunistischen Manifest zusammengefasst. Weil die jeweiligen Inhalte der Klassenauseinandersetzungen im Kapitalismus des 19. Jahrhunderts andere waren als im Feudalismus vorheriger Jahrhunderte und weil die Bedingungen, unter denen sich die Herrschaft der imperialistischen Monopolbourgeoisie durchsetzen kann, andere sind, als es die Bedingungen für die Herrschaft der aufstrebenden Bourgeoisie des liberalen Konkurrenzkapitalismus waren, ist auch der Rassismus jeder dieser Epochen ein anderer – selbst wenn er sich auf die gleichen Propagandisten und auf gleichartige Begründungsmuster stützt. Diese wichtige Erkenntnis lässt uns nach der jeweiligen Funktion von Rassismus in den gesellschaftlichen Auseinandersetzungen fragen und bewahrt uns davor, Rassismus ahistorisch lediglich als Ausdruck böser, menschenfeindlicher Gesinnung zu missdeuten.

Während des Feudalismus fungierte der Rassismus als ideologische Rechtfertigung von Adelsvorrechten. Die Höherwertigkeit des Blutes begründete – neben der gottgewollten Ordnung – den Herrschaftsanspruch des Adels. Im schon reaktionären Kampf gegen das siegreiche Bürgertum wurde dann in den 1850er Jahren der Rassismus durch den französischen Adeligen Arthur de Gobineau mit dem Anstrich einer naturwissenschaftlichen Begründung versehen. Die Rassereinheit, die im Adel erhalten geblieben sei, sei der Garant für Zivilisation und Kultur, und es sei ein Gebot, diese gegen den zersetzenden Einfluss des bastardisierten Volkes und seiner Idee der Gleichheit zu verteidigen. Hier wird der Rassismus erstmals in seiner Funktion als antidemokratische Ideologie der Ungleichheit der Menschen vorgetragen. Und in dieser Funktion, von Gobineau noch rückwärts gerichtet im Interesse des Feudalismus gegen das aufstrebende – Demokratie und Gleichheit auf seinen Fahnen führende – Bürgertum vorgebracht, wurde es übernommen von den Ideologen des neuen Stadiums kapitalistischer Herrschaft, des Imperialismus, von dem Lenin sagte, sein politischer Überbau sei „die Wendung von der Demokratie zur politischen Reaktion“. Als Herrschaftsideologie des Imperialismus fungiert der Rassismus im Inneren als antidemokratische, gegen die Gleichheit gerichtete Welt- und Geschichtsdeutung. Er dient zu Anheizung des Konkurrenzkampfs innerhalb der Arbeiterklasse und anderer nicht-monopolistischer Teile der Bevölkerung und der Strategie des „Teile und Herrsche“. Zur Durchsetzung der expansiven Interessen des Imperialismus legitimierte der Rassismus zugleich die Unterdrückung anderer Völker bis hin zum Vernichtungskrieg gegen das „jüdisch-bolschewistische Untermenschentum“.

Wir würden aber nicht davon reden, dass die herrschenden Ideen stets die Ideen der herrschenden Klasse sind, wenn wir nicht auch sähen, dass der Rassismus auch eine Funktion für die im heutigen Kapitalismus beherrschten Teile der Bevölkerung hat. Natürlich wird der Rassismus auch bewusst und in manipulativer Absicht verbreitet. Aber nicht solche manipulative Beeinflussung des Denkens der Bevölkerung ist der Kern unseres marxistischen Ideologieverständnisses. Ideologie ist nicht schlichtweg falsches Denken über die Wirklichkeit, sondern ein (partiell) zutreffendes Denken über eine falsche Wirklichkeit. Im Kapitalismus muss den Menschen nicht per Manipulation eingeredet werden, sie wären „des Menschen Wolf“ – nämlich seine Konkurrenten. Im kapitalistischen Konkurrenzsystem sind sie es. Sie sind gezwungen, ihr wirkliches Leben im Verhältnis der Konkurrenz zu anderen Menschen zu produzieren und zu reproduzieren. Das „Falsche“ der Ideologie kommt nur daher, dass dieses Konkurrenzverhältnis als unhinterfragbar gegeben erlebt und angesehen wird und kein Bewusstsein dafür entsteht, dass die Konkurrenz lediglich unter den Bedingungen bürgerlicher Herrschaft Gültigkeit beanspruchen kann und an das Bestehen des Kapitalismus gebunden ist. Ein solches Bewusstsein, dessen Entwicklung zu fördern unsere Aufgabe ist, nennen wir Klassenbewusstsein.
Angesichts unserer Schwäche ist es leicht erklärlich, dass Menschen, die mit den bestehenden Verhältnissen unzufrieden sind und die die Bedrohung verspüren, sich im Konkurrenzkampf nicht ausreichend durchsetzen zu können, ihren Protest so zum Ausdruck bringen, wie es ihnen im Rahmen der „herrschenden Ideen“ einzig möglich erscheint: Als Forderung nach rücksichtsloserer Durchsetzung des Konkurrenzkampfes auf einer vermeintlich die eigene Position stärkenden gemeinsamen Basis – der rassistisch, völkisch, nationalistisch, antiislamisch oder einer anderen Ideologie mit entsprechender Funktion definierten Schicksalsgemeinschaft in Abgrenzung zu „den Anderen“. Der Rassismus erfüllt dann für die vom Monopolkapital Beherrschten die Funktion, eine Perspek­tive auf eigene Handlungsfähigkeit offen zu halten.

Unser marxistisch-leninistisches Verständnis von Rassismus dient nicht zur Befriedigung intellektueller Bedürfnisse. Wir können und wir sollen daraus Handlungsmöglichkeiten ableiten. Dazu ist die zweifache Funktion zu berücksichtigen, die der Rassismus in unserer Gesellschaft hat: Einerseits für das Herrschaftsinteresse des Monopolkapitals, und andererseits für die unzufriedenen Teile der übrigen Bevölkerung – sofern es ihnen nicht gelingt, über den Kapitalismus hinaus zu denken. Wenn wir die Funktion, die der Rassismus für Letztere hat, ignorieren und ihnen mit einer moralisierenden Verurteilung rassistischer Ideen entgegentreten oder ihnen gar drohen, sie jenseits einer „roten Linie“ akzeptabler Positionen auszugrenzen, isolieren wir uns von ihnen. Stattdessen ist es zur Bekämpfung des Rassismus notwendig, sie im Sinne unserer antimonopolistischen Strategie nicht von uns, sondern von der herrschenden Monopolbourgeoisie zu isolieren. Das Sofortforderungsprogramm der DKP kann ein sinnvolles Werkzeug in diesem notwendigen Kampf sein.


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Leserbrief zu »Den Rassismus begreifen und bekämpfen«, UZ vom 22. Juli 2016





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