King Kong und die nackte Frau

Maren Ades „Toni Erdmann“ jetzt in den Kinos
Von Hans-Günther Dicks
|    Ausgabe vom 22. Juli 2016

Wenn „wir“ Europameister geworden wären, hätten die Hymnen auf deutsche Größe in den Medien wohl noch einige Phon­stärken mehr gehabt. Hat nicht geklappt. Also muss „Toni Erdmann“ her, Maren Ades fast drei Stunden langer Film, der schon darum bejubelt wurde, weil er als erster deutscher Film seit acht Jahren es in den Wettbewerb in Cannes geschafft hatte. „Geniestreich“, „Film des Jahres“, „Sternstunde“, „Diamant“ tönte es schon damals aus den deutschen (und vereinzelten ausländischen) Medien, und die Sternchen-Deuter der Favoritentabellen hatten schon ihren Festivalsieger. Die Goldene Palme gewann Ade trotzdem nicht, obwohl manche der Hymniker für diesen Fall der Jury schon vorab kollektiv „den Unmut der Kritiker“ angedroht hatten. Die Jubelkampagne, nicht selten gepaart mit einer pauschalen Schmähung der übrigen deutschen Filmproduktion, ist keineswegs beendet, zum Kinostart am 14. Juli war sie flächendeckend.

Wilde Lust am Kostümierspiel, hier ohne Kostüm.

Wilde Lust am Kostümierspiel, hier ohne Kostüm.

( Komplizen Film)

Was ist das Besondere an Ades Film, das ihn zu einer solchen Ausnahmeerscheinung macht? Zunächst einmal die fast lückenlose Beteiligung aller relevanten Fördergremien an seiner Finanzierung. Wo so viele Förderer sich spendabel zeigen, darf die Kritik wohl mit ihrem Lob nicht geizen, oder? Und weiter? Leidlich originelle Geschichten, groteske Einfälle und für Party-Smalltalk geeignete Dialoge hat es auch vorher gegeben. Wer mit Geschmacklosigkeiten wie falschen Gebissen, Zottelkostüm, Furzkissen und Urinierszenen punkten will, sei daran erinnert, dass die „Fack ju Göhte“-Filme mit ihrer Teenie- und Fäkalsprache auf Null-Niveau die Kinokassen weit lauter zum Klingeln brachten, als es Ades Film gelingen wird. „Toni Erdmann“ zielt auch nicht auf deren Klientel, eher wohl auf den Korpsgeist der Feuilletons, die endlich einmal den deutschen Jahrhundertfilm herbeischreiben wollen. Ihnen liefert Ade ein buntes Allerlei aus Luxus und Boheme, Privatkonflikt und Gesellschaftskritik, Episoden und Stimmungen, verhaltener Tragik und drastischer Komik.
Im Kern geht es in „Toni Erdmann“ um den Versuch eines kauzigen alten Musiklehrers namens Winfried, nach dem Verlust seines letzten Schülers und seines geliebten Hundes wieder Kontakt zu seiner Tochter Ines zu finden, die inzwischen auf den höheren Ebenen der Finanz- und Konzernwelt Karriere macht. Hartnäckig und mit wenig feinen Methoden drängt er sich in Ines‘ Leben, folgt der erfolgreichen, dauertelefonierenden Management-Beraterin sogar nach Bukarest, wo sie gerade ohne Skrupel einem Konzern beim Entlassen tausender Arbeiter hilft. Er erfindet für sich selbst die Titelfigur als neue Identität und droht Ines damit, seine neu erwachte Vaterliebe einer bezahlten „Ersatztochter“ zuzuwenden. Er schreckt auch nicht davor zurück, sie durch Peinlichkeiten bei Diners und Empfängen unter Ihresgleichen zu diskreditieren, indem er sich mal als als Ines‘ Chef, mal als deutscher Botschafter ausgibt.
Präsentiert wird das als lockere Folge von mehr oder weniger witzigen Einfällen. Nicht ob, sondern nur in welcher Verkleidung Winfried wieder und wieder seine Tochter düpiert, wird rasch zum Ratespiel, das den Zuschauer kaum über die 165 Minuten fesseln kann. Also greift Ades Drehbuch zu immer derberen Mitteln, bis der kapitalismuskritische Alt-68er Winfried schließlich im überdimensionalen Zottelkostüm King-Kong-Erinnerungen weckt. Der Kontrast zur sachlich kalten Welt des Topmanagements, in der Iris mehr funktioniert als lebt, könnte kaum größer sein, auch wenn der Konflikt zwischen beiden die politische Ebene allenfalls streift. Fast plastisch greifbar und symbolhaft wird dieser Kontrast, als Ines aus dem Debakel eines zu engen Kleides spontan die Idee der Nacktparty entwickelt und im Evaskostüm ihren Geburtstag feiert – eine der wenigen perfekt funktionierenden Szenen, wie aus einem Guss und ganz ohne Porno-Spekulation.
Trotz aller Clownerien bleiben dank dem Vollblutmimen Peter Simonischek in der Figur des Winfried Verletzlichkeit und Verzweiflung immer spürbar; nur gelegentlich scheint die wilde Lust am Kostümierspiel mit ihm durchzugehen. Gegen seine explosive Spiellaune hat selbst die großartige Sandra Hüller als Ines es schwer sich zu behaupten, nicht zuletzt, weil ihre Rolle der unterkühlten, entfremdeten Tochter allzu lange wenig Entwicklung bietet. Wenn ihre Ines auch am Ende den Vater wieder verloren hat, so wartet auf sie doch neues „Glück“ mit noch höherem Gehaltsscheck. So arm ist der Kapitalismus.


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Leserbrief zu »King Kong und die nackte Frau«, UZ vom 22. Juli 2016





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