Gewonnene Distanz

Die wundersame Verwandlung des Oliver K.
Von Maurice Böse
|    Ausgabe vom 8. Juli 2016
 (Foto: Eliot Blondet/ZDF)
(Foto: Eliot Blondet/ZDF)

„Eier, wir brauchen Eier!“ – mit derart zeitlosen Zitaten ist Oliver Kahn – neben seinen sportlichen Leistungen – zu einem der berühmtesten deutschen Fußballer aller Zeiten geworden. Allerdings wird er in der Regel erst seit dem Ende seiner Profikarriere als das wahrgenommen, was er wohl schon immer war: Ein kluger und auf lustige Art und Weise analysierender Kenner seines Fachs, von dem sich 80 Prozent der in der Fußballberichterstattung tätigen Fernsehmenschen ein paar Scheiben abschneiden könnten.
Die meisten Menschen, die Kahn noch als Spieler kennenlernten, hassten Oliver Kahn (außer vielleicht die Bayern-Fans, aber selbst die hatten oft Angst vor ihrem Torwart): Ein völlig auf Erfolg gepolter Egomane, der zuweilen auch mal gegnerische Spieler biss, würgte, oder sie wie kleine Hundewelpen am Nackenfell packte. Kurz: Ein ziemlicher Kotzbrocken. So war einer der besten deutschen Torhüter aller Zeiten zugleich auch einer der meistgehassten deutschen Fußballer. Wer jedoch aufmerksam war, konnte auch schon zu seinen aktiven Zeiten erkennen, dass Kahn mehr war als das fleischgewordene Konkurrenz- und Leistungsprinzip: Als der FC Bayern 2001 im Elfmeterschießen die Champions-League gegen den FC Valencia gewann, jubelte Kahn zunächst nur kurz mit den Mannschaftskollegen, ging dann jedoch zum am Boden weinenden Torwart der Gegnermannschaft, Canizares, und tröstete diesen.
Bereits seit 2008 arbeitet Kahn fürs ZDF als Fußball-Experte und kommentiert vor und nach den Spielen sowie in der Halbzeit das Geschehen auf dem Platz. Früh zeigte sich, dass Kahn mit der nun gewonnenen Distanz zum Spiel noch stärker als zuvor eine seiner schärfsten Waffen einsetzen konnte: Seinen Humor (wer etwas freie Zeit hat, auf youtube gibt es Beweise zuhauf).
Es zeigt sich, dass Kahn auch vom Fachwissen und der Präsentation her immer besser wird, der Rest der Fußball-Vor- und -Nachberichterstattung wird gleichzeitig immer unerträglicher. Jedes noch so belanglose Spiel wird nach Abpfiff gefühlte Stunden lang von selbsternannten Experten in winzige Einzelteile zerlegt und mit viel zu starken Worten entweder zum größten Grottenkick aller Zeiten oder zum Jahrhundertspiel stilisiert. Währenddessen sitzt Oliver Kahn vor der Kamera und sagt mit einfachen Worten Dinge, die mehr zum Verständnis des Spiels beitragen als vier Fußballexperten mit elektrischer Taktiktafel zusammen: Während das zur Übertreibung und Sensationsheischerei neigende Fernsehen auch im Fußball alles dramatisiert, bleibt Kahn ganz cool und kritisiert das Getue der Medien um den Fußball: „Klar kann man polemisch sagen: Was ein Drecksspiel, warum habe ich mir das angeguckt? Aber wenn man sich anschaut, wie die portugiesischen Spieler sich in der Defensive 120 Minuten lang verausgabt haben, dann muss man auch einfach mal akzeptieren, dass man mit einer defensiven Taktik weiterkommt.“
Dabei bezieht er sich auch oft auf seine eigene Karriere und kann (v. a. zusammen mit dem sympathischen Oliver Welke) in der Rückschau auch über sich selbst lachen. Dass die Vor- und Nachberichterstattung mit Oliver Kahn endlich wieder Spaß macht, dafür gibt es Beispiele:
Kahn zu seiner Kollegin Müller-Hohenstein: „Sag mal, weißt du eigentlich, wie der Sohn von Cristiano Ronaldo heißt? Cristiano Ronaldo Junior. Da kann man natürlich auch sagen … okay.“ Genau die richtige Pausenlänge im Satz und genau die richtige Wortwahl, damit der Zuschauer merkt, was Kahn gern sagen würde, aber nicht sagen darf. Bitte mehr davon.
Maurice Böse


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Leserbrief zu »Gewonnene Distanz«, UZ vom 8. Juli 2016





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