Das Blatt wenden

Büroalltag des Klassenkampfes
Von Karl Martin
|    Ausgabe vom 8. Juli 2016

Demut! Als die Kollegin, die mir gegenüber sitzt, das Wort ausspricht, kann ich meinen Widerwillen kaum verbergen. Die Vorstellung, Vorgesetzte unterwürfig um Erleichterung unserer Arbeit zu bitten, ekelt mich an – doch die zynische Bemerkung, mit der ich ihren Vorschlag in einigen Minuten quittiere, wird mir später leidtun. Sie ist als Kollegin meine Verbündete, sie zu verletzen, verhindert solidarisches Handeln.
Eine Dienstanweisung hat unsere Arbeitszeit auf 48 Stunden erhöht, die Tage Montag bis Samstag verbringen wir im Büro, nun schon in der dritten Woche. Die Kollegin, die zwei Kinder hat und deren Mann ebenfalls Vollzeit arbeitet, hat auf dem Weg, den sie mir vorschlägt, eine eigene Vereinbarung über eine verkürzte Arbeitswoche getroffen. Ihre Haltung spiegelt die unmittelbare Erfahrung ihres Lebens wider. Als Materialist nehme ich das zähneknirschend zur Kenntnis.
Die Hälfte der Zeit ist vorbei, in der die Anweisung für alle gilt, die keine besonderen Absprachen getroffen haben. Müdigkeit, Frustration und Unmut verbreiten sich. Denn es ist Dienstag – und es gibt nichts zu tun. Eine Stockung im Arbeitsablauf tritt ein, weil nicht alle Abteilungen gleich schnell vorankommen. Heute drehen wir Däumchen und teilen uns die verbliebenen Aufgaben – dafür sollen wir am Samstag Verlorengegangenes nachholen?
Die Frage führt zu Diskussionen: Sollten wir heute früher nach Hause gehen? Die gesetzlich vorgeschriebene maximale Arbeitszeit von acht Stunden am Tag gilt nur im Durchschnitt – sie kann in Folge auch als Zehn- und Sechsstundentag umgesetzt werden. Das Büro jetzt zu verlassen kann also heißen, morgen die Zeit nachzuholen, die zu arbeiten man uns angewiesen hat. Ich vertrete deshalb den Standpunkt, dass wir unseren Arbeitsplatz nicht verlassen sollten, solange die Dienstanweisung gilt, und dass es für uns besser ist, wenn uns auch ungenutzte Stunden bezahlt werden, bevor wir an einem anderen Tag noch länger dableiben müssen. Aber die Kollegen halten die Forderung nach Aufhebung der Dienstanweisung nicht für umsetzbar, und argumentieren: Ein freier Nachmittag wäre wenigstens eine kurzfristige Erleichterung. Den Kompromiss mit der Geschäftsführung empfinden sie als aussichtsreicheres Mittel, einen Vorteil für sich zu erringen, als meine prinzipielle Vorgehensweise. Meine Einwände erzeugen Ablehnung und meine Haltung wird als Blockade empfunden.
Um mich nicht abseits zu stellen, willige ich ein, und als Zwei-Personen-Delegation besuchen wir die Abteilungsleitung. Die Reaktion, die man uns entgegenbringt, besteht aus einer Mischung aus unverbindlichem Verständnis unserer Situation und konsequenter Ablehnung unserer Interessen. Letzten Endes macht man uns deutlich, dass man Unterordnung gegenüber einer schwer vorhersehbaren Auftragslage des Unternehmens erwartet – und gewillt ist, sie durchzusetzen. Alle weiteren Argumente werden mit dem Hinweis „Das kommt von oben“ beiseite gewischt.
Im Laufe des Gespräches bemerke ich, wie die Kollegin neben mir einen freien Samstag mit dem Versprechen zu erkaufen versucht, dass wir die vorgegeben Aufgaben auch an anderen Werktagen bewältigen könnten. Die Hoffnung auf ein freies Wochenende steht ihr ins Gesicht geschrieben, und ich frage mich, ob ihr die Bedeutung ihrer Taktik bewusst ist – dass sie dem Unternehmen gerade verspricht, noch schneller und länger zu arbeiten? Zum zweiten Mal beobachte ich, wie einer Kollegin Zugeständnisse in der Auseinandersetzung mit der Unternehmensführung aussichtsreicher erscheinen als kämpferische Forderungen. Von diesem Zurückweichen fühle ich mich zwar zunehmend genervt, mir wird aber dabei klar: Die Ursache dieses Verhaltens besteht im Fehlen jeder gewerkschaftlichen Organisation. In diesem Sinne spüren die Kollegen wahrscheinlich besser als ich, dass die Bedingungen für gemeinsames Handeln nicht gegeben sind, und gehen ihren Weg auf eigene Faust.
Folgerichtig erleiden wir einen Pyrrhussieg. Unsere Beschwerde wird an die Geschäftsführung vermittelt und am Nachmittag erreicht uns die Mitteilung: Die Dienstanweisung wird dahingehend verändert, dass der Arbeitstag endet, wenn keine Aufgaben zu erledigen sind, ohne dass verlorene Stunden nachgearbeitet werden. Über Samstage wird nach Arbeitsaufkommen entschieden. Dass uns diese Regelung in erster Linie um den Vorteil bringt, dass Wochenendarbeit garantiert als Überstunden bezahlt wird, und wir ab jetzt einer ständigen Bereitschaft zur Arbeit unterliegen, ist den Kollegen beim Eingang der Nachricht selber bewusst. Das Seufzen neben mir bringt die Stimmung auf den Punkt: „Ich habe nicht mehr die Kraft darüber nachzudenken. Seit ich in dieser Firma angefangen habe, besteht mein Leben nur noch aus Arbeit. Eigentlich will ich nur noch, dass das endlich aufhört.“
Schweigend höre ich zu und mir ist klar: Das ist nicht der geeignete Zeitpunkt für eine politische Diskussion. Trotzdem hoffe ich, dass wir sie führen werden. Unwillkürlich entfernen sich meine Gedanken mit dem Blick aus dem Fenster. Ich denke an Zeilen aus alten Arbeiterliedern und stelle mir vor, wie die Verhandlungen dieses Tages hätten verlaufen können, wenn Geschlossenheit unter den Kollegen herrscht, und wie das Blatt sich eines Tages wenden würde, wenn die da oben nicht mehr können und wir hier unten nicht mehr wollen. Als ich wieder ins Zimmer sehe, bemerke ich, dass ich geträumt habe. Vor uns liegen alltägliche Probleme und offene Fragen. Bevor sich meine Wünsche erfüllen, müssen wir noch viel lernen. Meine Kollegen, wer ihre Feinde sind und dass man mit Demut und Kompromissen nicht erkaufen kann, was mit Solidarität und Organisation erkämpft werden muss. Ich überlege, wie man sich an Tagen wie heute verhält, überzeugend argumentiert, strategisch klug handelt und als Kommunist unsere Politik im Alltag erfolgreich vertritt.
Als ich am Ende des Tages meinen Computer ausschalte, verabschiede ich mich von der Kollegin, die neben mir mit der Abteilungsleitung verhandelt hat, mit den Worten: „Das war heute sehr mutig von dir.“ „Du warst auch dabei“, antwortet sie. „Trotzdem“, sage ich, „Du hast dich der Konfrontation gestellt, das war gut.“ Aus ihren müden Augen lächelt sie – und das, denke ich, ist schon wieder ein kleiner Schritt in die richtige Richtung.


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Leserbrief zu »Das Blatt wenden«, UZ vom 8. Juli 2016





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