Die Lieder des Pressefestes

|    Ausgabe vom 8. Juli 2016

Auf 15 Bühnen spielten Bands, Liedermacher und Chöre aus Deutschland und dem Ausland 115 Konzerte. Das UZ-Pressefest war das Fest der revolutionären Kunst und Kultur. Ein Wochenende in Liedern.

Texte: Männe Grüß, Dome, Olaf Matthes und Lars Mörking
Fotos: Shari Deymann, Gabriele Senft, Frank Kopperschläger, Reiner Engels und Tom Brenner

Samstag, 13.50, Eishalle
Ballade vom Wasserrad
Gina Pietsch und Christine Reumschüssel
Unweigerlich kommt bei der DKP der erhobene Zeigefinger. Die ihn streckt ist Gina Pietsch. Sie singt vom Wasser, das das Rad treibt, mit dem die Großen der Erde auf und nieder gehen, und davon, dass das „heitre Spiel“ der Mächtigen unterbleibt, „wenn das Wasser endlich mit befreiter Stärke seine eigne Sach betreibt.“ Der Finger unterstreicht das „wenn“, er unterstreicht, dass die Menschen selbst es sind, die ihre Geschichte machen.

Sonntag, 17.43, Eishalle
Avanti Popolo
Esther Bejarano und Microphone Mafia
Die kleine Frau geht vorbei an voll besetzten Stuhlreihen zur leeren Bühne. Ihr Sohn nimmt ihr die Handtasche ab, sie klettert hinauf und hängt den lila Mantel über die Lehne eines Klappstuhls. Die Zuschauer klatschen.
Esther Bejarano geht zum Mikrofon, der Beat setzt ein. Sie wippt dazu, neben ihr wippen der stämmige Rossi und Kutlu, Schwarzkopf mit grau-schwarzem Bart, ihr Sohn Joram spielt den Bass. Sie setzt die Brille auf, schlägt eine Mappe auf und spricht: „Schaut in unsere Augen, und seht die Entschlossenheit.“
Diese Augen haben über ein Akkordeon hinweg gesehen, wie die Kolonnen der Häftlinge durch das Tor von Auschwitz marschierten, wenn sie im Mädchenorchester des Lagers Schlager spielte. „Esther hat immer wieder gesagt – darum hat sie damals auch angefangen, mit uns zusammen aufzutreten –, ihre Konzerte sind ihre späte Rache an den Nazis,“ erzählt Kutlu.
Als der DKP-Vorsitzende auf die Bühne kommt und sie umarmt, hebt Esther erst die linke Faust und entscheidet sich dann für die rechte. Kutlu sagt später: „Für uns ist das UZ-Pressefest ein Heimspiel – hier treffen wir Leute mit denselben Überzeugungen.“
Kutlu und Rossi rappen, Esther singt, sie spielen Lieder aus dem antifaschistischen Widerstand und dem Kölner Karneval, das Publikum fordert Zugaben. Nach der letzten wirft Esther im Takt des Beats Handküsse von der Bühne.

Freitag, 23.50 Uhr, SDAJ-Zelt
Solidaritätslied
Achim Bigus
Im Zelt singt Achim Bigus Arbeiterlieder. Am Bierpilz steht Daniel. Er arbeitet seit Montag daran, das UZ-Pressefest aufzubauen. „Ich bin einer von denen, die nicht mehr wissen, wo am Körper oben und unten ist. Und das Beknackte ist: Darauf freue ich mich seit anderthalb Jahren.“

Freitag, 19.00 Uhr, Roter Markt NRW
I Need You
The Movement
Mod-Rock-Sound mit Klassenkampfpositionen – das sind die Markenzeichen der dänischen Band „The Movement“.
Sänger Lukas Scherfig überrascht mich mit nur einer Handbewegung beim Song „I need you“.
Bis dato habe ich den Song immer als musikalisches Liebesgeständnis an eine andere Person verstanden. Lukas aber deutet beim Refrain auf uns alle vor der Bühne – und die Botschaft ist somit unmissverständlich: Es geht dem Frontmann bei diesem Lied um uns alle als Teil einer Bewegung - „I need you“ ist quasi eine Liebeserklärung an den gemeinsamen Kampf gegen Ausbeutung, Unterdrückung und Krieg.

Samstag, 11.37 Uhr, Kogge
Sacco und Vanzetti
Free Willy
„Free Willy“ spielen auf einer der kleineren Bühnen des Pressefestes, vielleicht auf der kleinsten. Neben der Kogge, bei den Nordlichtern. Am Schiff, von dem die Getränke ausgeschenkt werden, trinken manche Wasser, andere sind schon beim Bier. Nebenbei spielt „Free Willy“ Arbeiter- und Protestlieder. Die Gäste kommen nicht wegen der Musik zur Kogge, aber sie bleiben ihretwegen.
„Free Willy“ sagt das nächste Stück an, der Dialekt ist hörbar. „Sind das Bayern?“ fragt eine Hamburger Genossin. „Nein, Österreicher“, antwortet eine andere.

Samstag, 19.20 Uhr, Eishalle
Auf den Straßen zu singen
Hans-Beimler-Chor
„Wir reißen ein Loch in den Himmel/mit unserm Gesang“, singt der Chor. „Politische Musik ist auch für die, die sie machen, spannend“, sagt Johannes C. Gall, der Chorleiter. Wenn der Chor über diese Stücke diskutiert, wird das Singen zur politischen Aktivität. Gall dreht dem Publikum den Rücken des schwarzen Anzugs zu und schwingt die Arme: „Wir gehen die Straße der Väter,/die Straße voll Tränen und Blut./Für alle zu sterben ist keiner zu gut.“

Samstag, 15.25 Uhr, Eishalle
Mutter Courages Lied
Katja Krüger und Erich Schaffner
Das Brecht-Programm beim UZ-Pressefest steht unter dem Motto „Die Kunst, die Wahrheit handhabbar zu machen“. „Die Wahrheit handhabbar zu machen“, sagt Erich Schaffner, „bedeutet, sie zu benutzen, um diese fürchterliche Gesellschaft zu verändern. Dabei ist Brecht unsere schärfste Waffe.“

Samstag, 11.45 Uhr, Café K
Dachaulied
Ehrung der Genossen der ersten Stunde
Von „Stacheldraht, mit Tod geladen“ singt Erich Schaffner, am Klavier Georg Klemp. „Wir haben die Losung von Dachau gelernt“, bei dem folgenden „Arbeit macht frei“ rollt Schaffner ein brutales R. Die Matinee handelt davon, was die politischen Häftlinge im faschistischen KZ gelernt haben: Von der Gründung der SED, von der Einheit der Arbeiterklasse.

Freitag, 21.45 Uhr, Roter Markt NRW
Rabbia E Liberta
RedSka
„Alerta, alerta, antifascista“, leitet der Sänger den nächsten Song ein. Der Bassist im Schottenrock hebt den rasierten Kopf und singt mit. Der Posaunist schwenkt sein Instrument und hebt die Faust. Worüber die italienische Band singt? „Keine Ahnung, aber in jedem Lied kommt zweimal Antifa vor“, sagt der Genosse neben mir.
Ein Rotweintrinker mit blauem Kragen und grauem Haarkranz schaut dem Treiben vor der Bühne zu und lächelt.

Sonntag, 14.10 Uhr, Kinderfest
Ayse und Jan
Fredrik Vahle
Vahles Lied erzählt von einer deutschen und einer türkischen Familie, die den Kindern verboten haben, miteinander zu spielen, bis sie ihre Vorurteile überwinden und zusammenfinden. Die Kleinen stampfen und klatschen, die Eltern und Großeltern singen mit. Vor der Bühne sitzt ein alter Punk in Lederjacke. Seine Augen glänzen.


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Leserbrief zu »Die Lieder des Pressefestes«, UZ vom 8. Juli 2016





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