„Kommunistisch angehaucht“

DKP ehrt Genossen der ersten Stunde. Einer von ihnen: Erwin Engelbrecht
Von om
|    Ausgabe vom 8. Juli 2016
Ehrung der Genossinnen und Genossen für ihre 70-jährige Mitgliedschaft in der Kommunistischen Partei (Foto: Tom Brenner)
Ehrung der Genossinnen und Genossen für ihre 70-jährige Mitgliedschaft in der Kommunistischen Partei (Foto: Tom Brenner)

Vor 70 Jahren schlossen sich Kommunisten und Sozialdemokraten in der Sowjetischen Besatzungszone zur SED zusammen, beim UZ-Pressefest ehrte die DKP Genossinnen und Genossen, die schon damals Mitglied der KPD, der SED und der FDJ waren. Einer von ihnen ist Erwin Engelbrecht. In seinem KPD-Mitgliedsbuch steht der 2. August 1945 als Datum, an dem er in die Partei aufgenommen wurde, da war Erwin noch in Kriegsgefangenschaft.

KPD-Parteibuch von Erwin Engelbrecht

KPD-Parteibuch von Erwin Engelbrecht

1989, nach der Konterrevolution, traten viele jüngere Mitglieder aus der DKP aus, die Alten blieben. „Als wir uns dann nach einem Jahr so ein bisschen erholt hatten, standen wir wieder mit dem Stand auf dem Markt in Witten, da haben die Leute gesagt: Ach, ihr seid auch noch da? So ist das langsam wieder angerollt.“ Erwin hatte Gründe zu bleiben: „Eigene Erfahrungen, die man gemacht hat.“

Er weiß schon als Jugendlicher, dass die KPD seine Partei ist. Als Besatzungssoldat muss er dänische Gleise bewachen, damit der Widerstand sie nicht sprengt. Als er abkommandiert wird, um Hamburg gegen die Briten zu verteidigen, ist der Krieg zu Ende, die Briten nehmen ihn in Dänemark gefangen. Am 7. August 1945 ist er zu Hause in Witten und unterschreibt den Aufnahmeantrag der KPD. In diesen Monaten, als die Kommunisten aus Untergrund, KZ und Exil kommen, werden die Parteibücher für alle Mitglieder eines Monats gesammelt ausgestellt und Erwins Aufnahme vordatiert. Sein Bruder kommt nicht aus dem Krieg zurück.

Erwins Vater erzählt ihm später, wie er schon vorher für die Partei gearbeitet hat. Wenn der Vater dem Kind einen Rucksack aufsetzte und sagte: „Da gehste nach Onkel Fritz hin“, waren in dem Rucksack die antifaschistischen Flugblätter, deren Verteilung Fritz organisierte. Der Onkel bekommt zwei Jahre und neun Monate Zuchthaus, der Vater zwei Jahre.

Das wissen die Lehrer in der Schule – „ich bin geprügelt worden bei jeder Gelegenheit.“ Auch die Reichsbahnbeamten – Naziparteimitglieder –, die Erwin zum Schlosser ausbilden sollen, wissen vom Zuchthäusler in der Familie. Der Werkschulleiter Büttmann weiß noch dazu, dass Erwins Großvater 1918 in Witten die KPD mitgegründet hat. Er lässt Erwin vor den anderen Lehrlingen vortreten, ruft: „Engelbrecht, du bist kommunistisch angehaucht!“, und ohrfeigt ihn.

Nach dem Krieg setzt Erwin die unterbrochene Ausbildung bei der Bahn fort, die Ausbilder sind dieselben. „Nur: Man war ein bisschen stärker“, sagt Erwin.

„Wir haben damals gehofft, dass wir den Sozialismus aufbauen können, wir haben für ein einheitliches Deutschland gekämpft und dann in den 50er Jahren gegen die Bundeswehr“ – so drückt es Erwin aus. „Geheimbündelei und Staatsgefährdung“ nennt es der Staatsanwalt, denn die FDJ, deren Flugblätter Erwin in der Lehrwerkstatt ausgelegt hat, ist schon verboten. Seinen Zeugen hat der Staatsanwalt schlecht ausgesucht, es bleibt bei fünf Wochen Untersuchungshaft.
„Ich bin nicht derjenige, der sich die Ehrenurkunde zu Hause einrahmt“, sagt Erwin. „Dat ist eben meine Erkenntnis: Zu kämpfen. Für unsere Sache, nich?“


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Leserbrief zu »„Kommunistisch angehaucht“«, UZ vom 8. Juli 2016





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