Kultursplitter

Von Herbert Becker
|    Ausgabe vom 8. Juli 2016

Eine Vorbemerkung: Kunst und Kultur waren und sind immer ein Spiegel, den die Bourgeoise der Gesamtgesellschaft vorhielten – und immer noch vorhalten – getreu dem Satz von Karl Marx, „die herrschenden Gedanken sind immer die Gedanken der Herrschenden“. Dieser Spiegel ist nun längst in tausende von Splittern zerbrochen, Glanz und Glorie sind vorbei. Aber diese Bruchstücke sind aufzulesen und zu kommentieren, denn darin sind die Interessen und Beweggründe zu finden, um wenig Brot und viele Spiele zu liefern.

Kulturfrauen verdienen weniger
Einer neuen Studie des Deutschen Kulturrates zufolge ist die Benachteiligung von Frauen auch in Kultur- und Medienberufen weiterhin sehr ausgeprägt. Nix Neues also, denn warum sollte es in diesem Bereich der Wirtschaft anders sein als überall? Zwar ist der Anteil der weiblichen Studierenden in den Kulturwissenschaften bei rund 70 Prozent, aber bei der Arbeitssuche und den Stellenbesetzungen sieht es eher mau aus: Im Schnitt verdienen Frauen 24 Prozent weniger als ihre vergleichbar arbeitenden Kollegen, selbst bei den unter 30-Jährigen sind es noch 12 Prozent weniger. Betrachtet man den Anteil bei Führungspositionen, z. B. Intendanten, Regisseuren, Chor- und Orchesterleitern, Museums- und Verlagsleitern, ist das Ergebnis noch schlechter. Natürlich auch bei Auszeichnungen, Akademie-Mitgliedschaften, Stipendien. Soviel also zum Thema Gleichberechtigung, trotz aller Beteuerungen der Kulturstaatsministerin Monika Grütters.

Fischer war mal wieder dran
Alle Jahre wieder meldet sich in diesen Tagen der Börsenverein des Deutschen Buchhandels und nennt den Namen des neuen Preisträgers für den „Friedenspreis des Deutschen Buchhandels“. Im Oktober 2016 während der Buchmesse wird es Carolin Emcke sein, eine Journalistin, die seit Jahren für „Qualitätsmedien“ wie „Die Zeit“ oder die „Süddeutsche Zeitung“ schreibt.
Interessant ist, wie die kleine Gruppe der immer wieder gleichen Verlage diesen Preis unter sich ausmacht. Schließlich verschafft es dem jeweiligen Verlag hohe mediale Aufmerksamkeit und ordentliche Auflagensteigerungen. Betrachtet man die Preisträger der letzten 10–15 Jahre, so sind es in mehr oder minder regelmäßigen Abständen der Hanser Verlag, C. H.Beck Verlag, Hoffmann & Campe Verlag oder eben der S. Fischer Verlag. Der war nun mal wieder dran, damit man im kleinen, erlauchten Kreis unter sich bleibt. Eine Ausnahme war vor Jahren der unabhängige Merlin Verlag, aber diesen Ausrutscher hat man verkraftet. Die PreisträgerInnen sind dabei weniger wichtig, irgendwen wird man schon im Verlagsprogramm haben, der auch in die laufende politisch-ideologische Debatte passt.

Das neue Spektakel von Christo
Seit Jahrzehnten geistert dieser Spektakelkünstler durch die Landschaften. Nun hat der 81-Jährige den Lago d‘Iseo in Oberitalien dafür auserkoren, Schauplatz seiner Installationen zu sein. Er hat rund 1,5 Kilometer schwimmende Pontons auf dem See verlegen lassen, sie mit leuchtend gelben Planen belegt, über die mittlerweile Hunderttausende gelaufen sind. Der Vergleich mit Jesus, der übers Wasser wandelt, wird tatsächlich von Hirnis in den Feuilletons bemüht, er selbst hat es eher mit dem esoterischen Gefühl, die Wellen zu spüren und damit dem Element nahe zu sein. Die Kosten von 15 Mio. Euro holt Christo wieder rein über die Vermarktung der Rechte an Bild und Video, über Poster, Plakate, T-Shirts, Kataloge und was der Markt sonst noch hergibt.
Was für ein Zynismus: Da fliehen Abertausende übers Mittelmeer, um Krieg und Zerstörung zu entgehen, Tausende verrecken dabei, und hier feiert die Heuchelei eine fröhliche Party. Eine Beruhigung ist, dass der Spuk jetzt vorbei und die wunderschöne Landschaft der oberitalienischen Seen wieder in Reiseplanungen aufgenommen werden kann.


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Leserbrief zu »Kultursplitter«, UZ vom 8. Juli 2016





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