Es geht weniger um Doping

Bach: Sport ist der am meisten globalisierte Teil der Gesellschaft
Von Klaus Huhn
|    Ausgabe vom 1. Juli 2016

Wer morgen auf die Idee käme, den Finnen Paavo Nurmi wegen Dopings zu belangen und das Internationale Olympische Komitee aufzufordern, die Rückgabe seiner neun Gold- und drei Silbermedaillen zu verlangen, müsste wohl der heutigen Jugend zunächst erklären, wer denn Nurmi überhaupt war. Da der legendäre Läufer 1973 verstorben ist, wäre diese Frage durchaus begründet.
Die Antwort: Nurmi – 1897 in ärmlichen Verhältnissen geboren – hatte eine harte Kindheit, da sein Vater mit 49 Jahren verstorben war und er schon früh die Familie ernähren musste. Eines Tages fand er Lust am Laufen und als er mit elf Jahren die 1 500 Meter in blanken fünf Minuten absolvierte, nahm sich ein profilierter Trainer seiner an. Mit 23 Jahren gewann er bei den Olympischen Spielen 1920 Gold im 10  000-Meter-Lauf, dann noch im Geländelauf und in der Teamwertung des Geländelaufs, was damals noch zum Programm gehörte. Am 19. Juni 1924 brach er während der Vorbereitung auf die Olympischen Spiele in Paris innerhalb einer Stunde zwei Weltrekorde, als er die 1 500 Meter in 3:52,6 min und die 5 000 m in 14:28,2 min. absolvierte. Auf beiden Strecken wurde er in Paris wenig später Olympiasieger. Bei den Spielen 1928 in Amsterdam gewann er – mittlerweile 31-jährig – über 10 000 Meter olympisches Gold. 1932 musste er auf seine vierten Spiele verzichten, weil deutsche Funktionäre ihn der unerlaubten Werbung bezichtigt hatten und seine Disqualifikation durchsetzten. Unter anderem hatte die Firma Rejuven 1931 allen, die so schnell laufen wollten wie Nurmi, ihre Pillen empfohlen. Der Anzeigentext: „Ich war verblüfft, wie Rejuven den Körper stärkt und kann es Athleten mit einer langen, anstrengenden Wettkampfsaison wärmstens empfehlen.“ Kaum jemand wusste damals, dass „Rejuven“ das wirksamste Dopingmittel war. Es kam auch niemand auf die Idee, Dopingkontrollen bei Olympia zu fordern. Als die in Mode kamen, war Nurmi längst begraben worden.
Angesichts der dieser Tage so viel Staub aufwirbelnden Doping-Anklagen kam auch die Frage auf, wo man den „Fall Nurmi“ einordnen sollte. Denn heute geht es weniger um Doping als um Politik: Dopingtäter waren vor allem Russen und Chinesen. Die den „Kammerton A“ angebenden Medien ließen Scharen von Doping-Lügnern und Verrätern aufmarschieren. Selbst der Präsident des höchsten Sportgremiums, nämlich IOC-Präsident Thomas Bach, hatte schon vor Jahr und Tag in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ (17.10.2014) verkündet: „… dass der lange vertretene Grundsatz der Trennung von Sport und Politik falsch gewesen sei. Der Sport habe sich ‚zwei Lebenslügen‘ geleistet, sagte der frühere Fecht-Olympiasieger bei einer Rede vor dem 4. Wirtschaftsforum in Baden-Baden am Freitag. Die erste Lebenslüge sei gewesen, dass Sport nichts mit Politik zu tun habe, die zweite, dass Sport nichts mit Geld zu tun habe, erklärte der Chef des Internationalen Olympischen Komitees (IOC). Zu lange habe der Sport auf einer ‚Insel der Seligen‘ gelebt. ‚Wir müssen uns mehr öffnen zu Nichtregierungsorganisationen, der Wirtschaft und der Politik‘, betonte der 60-Jährige. Das sei der Kern dessen, was er seit seinem Amtsantritt vor gut einem Jahr angestoßen habe. Das IOC müsse sich bewusst sein, dass seine Entscheidungen politische oder wirtschaftliche Folgen erheblicher Art hätten. ‚Das IOC muss politisch neutral sein, ohne apolitisch zu sein‘, sagte Bach.
Mit seiner ‚Olympic Agenda 2020‘, über die das IOC bei seiner außerordentlichen Session am 8./9. Dezember in Monte Carlo entscheidet, solle eine Öffnung herbeigeführt werden. ‚Wir müssen den Wind hereinlassen und uns Kritik von anderen gesellschaftlichen Bereichen anhören‘, erklärte Bach. Das Wirtschaftsforum in Baden-Baden stand unter dem Titel ‚Globalisierung – wert(e)los?‘. Bach bezeichnete den Sport als den globalisiertesten Teil der Gesellschaft.“
Bliebe die Feststellung, dass die Erinnerung an Nurmi absurd sei, weil – siehe Bach – es gar nicht mehr um Doping geht, sondern um Politik!


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Leserbrief zu »Es geht weniger um Doping«, UZ vom 1. Juli 2016





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