Kunst an der Wand

Der nicaraguanische Meistermaler Manuel García Moia wurde 80
Von Hans-Joachim und Christel Schemel
|    Ausgabe vom 1. Juli 2016

( Gabriele Senft)

„Mural“ ist spanisch und bedeutet „Mauer“ oder „Wand“. Aus Lateinamerika stammt die Muralkunst, das großflächige Bemalen von Wänden. Die meisten Murales – pro Kopf der Bevölkerung – entstanden indessen zwischen 1979 und 1990 im kleinen zentralamerikanischen Nicaragua. Lateinamerikanische Literatur genießt Weltruf, das lässt sich in Buchhandlungen und Bibliotheken hierzulande mühelos bestätigen. Nach den ebenfalls weltbedeutenden Gemälden und Skulpturen des lateinamerikanischen Subkontinents sucht man in der Kulturstadt Berlin zumeist vergeblich.
Keine Zeugnisse der weltberühmten mexikanischen Wandmaler um Diego Rivera, José Clemente Orozco, David Alfaro Siqueiros, kein Werk von Frida Kahlo, der Chilenen Maita (nur ein Bild) und Venturelli, der Kubaner Wil­fredo Lam und René Portocorrero sowie der großen Brasilianer.
Und doch gibt es ein wirklich einmaliges Werk aus diesem Kulturkreis, das diese enorme Lücke wenigstens ansatzweise schließen könnte. Es entstand auf einer weithin sichtbaren Giebelwand nahe der Lichtenberger Brücke. Im Sommer 1985 malte der damals 49-jährige Manuel Garcia Moia gemeinsam mit den bekannten Berliner Künstlern Trakia Wendisch und Martin Hoffmann im Auftrag des (Ost-)Berliner Magis­trats das sehr eindrucksvolle und farbenintensive Antikriegs-Mural. Beide Berliner Künstler beschreiben ihre Mitarbeit kurze Zeit später wie folgt: „Dass wir die Arbeit angenommen haben, hängt mit unserer grundsätzlichen Haltung zur Kunst zusammen … (wir) wurden nun konfrontiert mit unserer eigenen romantischen, abstrakten Haltung zu Solidarität …“ Und abschließend (Zitat): „Der Begriff Solidarität wurde für uns fassbar: ein Mann, ein Bild und der Kampf um Befreiung.“ García Moia gibt dem Betrachter auf den Weg: „Das Bild will nicht bedrückend wirken. Wer es ansieht, soll auch etwas von der möglichen Schönheit des friedlichen Lebens, um das wir kämpfen, spüren.“ Und: „Nun lasse ich mein Bild hier. Es ist Dank für die Solidarität, die DDR-Bürger Nicaragua erweisen. Es ist Botschaft: Helft, dass in Nicaragua Frieden herrscht.“
Mit einer Größe von 255 Quadratmetern zählt dieses Mural heute europaweit zu den schönsten und größten dieser Kunstgattung. Wetter, Umwelt und gedankenlose Graffiti hatten indessen beim Kunstwerk seit seiner Erschaffung für erhebliche Schäden gesorgt. Hauptgefahr aber war indessen eine 2004 vorgenommene Sanierung der privaten Immobilie. Sie hätte unwiederbringlich das einzigartige Kunstwerk zerstört. „Dieses Mural zu zerstören, hieße, einen wesentlichen Teil der Seele Nicaraguas zu töten!“ Mit diesem eindringlichen Appell an die Kulturverantwortlichen von Berlin rief damals im April 2004 der international renommierte Kunsthistoriker Prof. Dr. David Kunzle von der Universität Kalifornien, Los Angeles, zur Rettung des Kunstwerkes auf.
Garcia Moia selbst wurde nach der sandinistischen Revolution zu einem der auch international bekanntesten naiven Maler und Muralisten seines Landes. Was man dort als „pintura primitivista“ bezeichnet, fand in den achtziger Jahren auch im deutschsprachigen Kulturbereich als „Bauernmalerei aus Nicaragua“ weite Verbreitung und Anerkennung. Moias Mural thematisiert den Aufstand in Monimbó, dem indianischen Stadtviertel von Masaya. Hunderte Opfer, vor allem Frauen, Kinder und Alte, waren im Februar 1978 zu beklagen, als die Nationalgarde auf Befehl des faschistischen Diktators Somoza innerhalb von zwölf Tagen den Aufstand der meistenteils indigenen Bevölkerung mit massiver Waffengewalt blutig niederschlug und das Dorf nahezu zerstörte.
Nach langem und beharrlichem Kampf hatte eine Berliner Bürger- und Kunstinitiative um die Lichtenbergerin Christel Schemel erstmals für die Kunst- und Kulturszene seinerzeit erreicht, dass mit Unterstützung vieler Bürger und privater Förderer, von Politik und Verwaltung Berlins dieses Wandbild nicht verloren ging, sondern im Sommer 2004/2005 – mit dem Einverständnis des Schöpfers – gleichsam rekonstruiert wurde.
Der bekannte Kreuzberger Künstler Gerd Wulff (verst. 2013) und sein Hamburger Kollege Max Michael Holst malten das Bild in möglichst werkgetreuer Form neu auf die Wand. Der nicaraguanische Künstler autorisierte kurz vor Ende die sehr gelungene künstlerische Reproduktion, indem er bei seinem ersten Wiedersehens-Besuch am 14. bzw. 20. September 2005 kurz selbst Hand anlegte. Auf diese Weise war das ursprüngliche Bild mit dem Titel „Nicaraguanisches Dorf – Monimbó 1978“ erhalten geblieben und erstrahlte seit dem 30. September 2005 wieder in neuer Farbenpracht am ursprünglichen Ort. Genau am 70. Geburtstag von Manuel García Moia erhielt die Fläche zwischen Lichtenberger Brücke und dem neuen, attraktiven Kunstensemble feierlich den Namen „Monimbó-Platz“ verliehen.
Seine kleinen Meisterwerke sind nach wie vor gefragt und haben beispielsweise in die Privatsammlungen des japanischen Kaisers oder des ehemaligen US- Präsidenten Jimmy Carter Aufnahme gefunden. Reich ist er deshalb noch lange nicht. Soweit es ihm möglich ist, unterstützt er seine zahlreichen Kinder und deren Familien, egal ob sie in Nicaragua oder den USA leben. Zudem fließt ein Teil der Verkaufserlöse in einen karitativen Fonds von nicaraguanischen Künstlern, um auch den talentierten Kindern und Jugendlichen seiner Heimat eine Bildungs- und Ausbildungschance zu eröffnen.
Durch Fehler am Konstrukt verlor das komplexe System in den nachfolgenden sechs Jahren zunehmend und in diesem Ausmaß unerwartet seine Funktionalität. Die Folge war, dass unregelmäßig, je nach Witterung, größere Wandbildteile herabstürzten und auf Anweisung des Bezirksamt Lichtenberg von Berlin schließlich Mitte Juli 2013 die verbliebenen Teile des Wandbildes vollständig abgetragen werden mussten. Die Reste der schadhaften Putz- und Dämmschichten wurden im August vergangenen Jahres kontrolliert von der Fassade abgelöst. Zum Vorschein kam nach fast zehnjähriger Pause das originale Wandbild. In dieser kritischen Situation meldete sich Prof. Kunzle, der ausgewiesene Kunstexperte für Murales, welche in der Zeit der Sandinistischen Bildungs- und Kulturrevolution zwischen 1979 und 1990 entstanden, erneut zu Wort. Er appellierte mit eindringlichen Worten an die Entscheidungsträger der Bundeshauptstadt: „Solche außergewöhnlichen Werke sollen zum Nachdenken anregen über Kriege und soziales Elend und darüber, wie diese verhindert bzw. überwunden werden können. Die Menschen, nicht nur in Deutschland und Europa,. brauchen mehr soziale Verbundenheit und solidarisches Verhalten.“
Bereits Mitte Januar 2015 wurde eine gemeinsame Spendenaktion von Bezirks­amt, -Parlament und Initiative zur finanziellen Absicherung des neuen, notwendigen Rettungsprojektes ins Leben gerufen.
Zur wirkungsvollen Unterstützung und Förderung einer Wiederentstehung des international bedeutsamen Kunstwerkes lässt das Landesdenkmalamt gegenwärtig sowohl untersuchen, welche geeignete restaurativen Alternativen bestehen, als auch die Möglichkeit, das Nicaragua-Wandgemälde am Monimbó-Platz unter Denkmalschutz zu stellen.
Vor allem bei den vielen Spendern und den einfachen Menschen in Nicaragua sehen sich alle Mitstreiter der Initiative in der besonderen Pflicht und Verantwortung, damit dieses einzigartige „Nicaragua-Schaufenster“ hier in Berlin als Zeichen unseres Respekts gegenüber der lateinamerikanischen Kunst und Kultur insgesamt wieder erlebbar wird – ganz im Sinne unseres Geburtstagsjubilars. Saludas, Freund Manuel García Moia!


  Leserbrief schreiben

An die UZ-Redaktion (redaktion@unsere-zeit.de):

Leserbrief zu »Kunst an der Wand«, UZ vom 1. Juli 2016





Wir bitten darum, uns kurze Leserzuschriften zuzusenden. Sie sollten unter der Länge von 1800 Zeichen bleiben. Die Redaktion behält sich außerdem vor, Leserbriefe zu kürzen und kann nicht versprechen, dass jeder Leserbrief beantwortet oder veröffentlicht wird. Anonyme Leserzuschriften werden in der Regel nicht veröffentlicht.