Krise – über das gewohnte Auf und Ab hinaus …

Das Schwerpunktthema der neuen Marxistischen Blätter 4_2016
Von LoG
|    Ausgabe vom 1. Juli 2016

Die Krise des Kapitalismus geht weit über das gewohnte zyklische Auf und Ab hinaus. Das Gefühl und die Einsicht, dass es so wie bisher nicht weitergehen kann, wächst. In der Krisen-Diagnose gibt es große Übereinstimmungen, egal unter welcher Überschrift sie zusammengefasst wird. Auch die in diesem Schwerpunktheft veröffentlichten Beiträge von Wolfram Elsner, Andreas Fisahn und Paul Mason sind – bei aller Unterschiedlichkeit – ein beeindruckender Beleg für solche Übereinstimmungen.
Wolfram Elsner konstatiert eine „vieldimensionale (ökonomische, soziale, politische, sozialpsychologische, und sowieso: ökologische) Dauerkrise“, eine „umfassende Systemkrise, aus der der Spekulationskapitalismus nicht mehr herauskommen kann… und in der die Zeit allmählich gekommen zu sein scheint… das politische Grundregime zugunsten eines autoritären, nationalistischen und chauvinistischen Post-Liberalismus und Post-Parlamentarismus zu wechseln“. Andreas Fisahn zeigt u. a. konkret auf europäischer Ebene wie – als Teil dieser Systemkrise und gleichzeitig krisenverschärfend – die Demokratie immer weiter „entkernt“ wird. Und der britische Journalist und „radikale Sozialdemokrat“ Paul Mason, der sein aktuelles Opus Magnum „Postkapitalismus“ auch als „umfassende Kritik des Bolschewismus“ verstanden wissen will, liegt trotz aller berechtigten, marxistischen Kritik an seinen „Grundrissen einer zukünftigen Ökonomie“ zumindest mit seiner Beschreibung des kapitalistischen Systems, „das an die Grenzen seiner Anpassungsfähigkeit gestoßen ist“, inhaltlich recht nahe bei den „Bolschewisten“.
Vor diesem Hintergrund stellten das Marx-Engels-Zentrum Berlin (MEZ) in Kooperation mit der Marx-Engels-Stiftung Wuppertal auf einer Tagung Ende April 2016 die Frage, ob man heute noch bzw. wieder von einer „Allgemeinen Krise des Kapitalismus“ sprechen könne. „Dass die Theorie der ‚Allgemeinen Krise des Kapitalismus‘ heute fast gänzlich vergessen, ja sogar diskreditiert ist, liegt vor allem darin begründet, dass sie auch starke Elemente sozialistischer Siegeseuphorie enthielt, die uns heute fremd und wirklichkeitsfern erscheinen müssen“, so Andreas Wehr in seiner Einleitung der Tagung. „Man sollte sich dennoch heute wieder mit ihr beschäftigen, da sie nicht auf diese überkommene Sichtweise reduziert werden kann. Es geht vielmehr darum, sich der in dieser Theorie vorhandenen gültigen Erklärungsmuster zu erinnern und sie für die theoretische Arbeit fruchtbar zu machen.“
Um in diese Debatte einzusteigen, dokumentieren die Marxistischen Blätter auch zwei Tagungsbeiträge: Der marxistische Ökonom Thomas Kuczynski betont den „realhistorischen Kontext des Begriffs“ und begründet Zweifel „gegenüber Versuchen, nach dem Zusammenbruch des sozialistischen Weltsystems die Theorie der allgemeinen Krise erneut bzw. weiterhin als Instrument der Analyse des gegenwärtigen Kapitalismus zu gebrauchen“.
Der marxistische Philosoph Wolf-Dieter Gudopp-von Behm hingegen meint: der Kapitalismus „auf der Kippe“ zwischen Selbst-Anpassung oder Fortschreiten zu seinem Gegensatz – das ist die Allgemeine Krise. „Imperialismus und Allgemeine Krise des Kapitalismus wären demnach Ein-und-das-Selbe.“ Also Stoff genug für eine streitbar-konstruktive Debatte, an deren Ende sich die Brechtsche Frage aus „Der Zweifler“ stellt: „Wie handelt man, wenn man euch glaubt, was ihr sagt?“ (Und das am besten gemeinsam.)


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Leserbrief zu »Krise – über das gewohnte Auf und Ab hinaus …«, UZ vom 1. Juli 2016





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