Interview

„Lenin ist alles andere als ein toter Hund“

Markus Bernhardt im Gespräch mit Volker Külow:
|    Ausgabe vom 1. Juli 2016

UZ: Zusammen mit Wladislaw Hedeler haben Sie eine kritische Neuausgabe von Lenins berühmter Analyse „Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus“ veröffentlicht. Was waren Ihre Beweggründe für diese Arbeit?

Dr. Volker Külow ist Historiker und Publizist aus Leipzig. Er ist freiberuflicher Berater für Kommunikation und war Mitglied des Sächsischen Landtages für die Partei „Die Linke“

Dr. Volker Külow ist Historiker und Publizist aus Leipzig. Er ist freiberuflicher Berater für Kommunikation und war Mitglied des Sächsischen Landtages für die Partei „Die Linke“

Volker Külow: Vor einem Jahr schlugen wir dem Verlag 8. Mai, der die Rechte an den Lenin-Werken besitzt, vor, dieses Werk anlässlich des 100. Jahrestages der Fertigstellung des Manuskripts neu herauszugeben und damit Impulse für eine neue, moderne Lenin-Lektüre zu geben. Was ursprünglich wie editionswissenschaftliche Routine aussah, die in wenigen Wochen erledigt werden kann, wuchs sich aber sehr rasch zu einem fast kriminalistischen Forschungsprozess aus, der sich fast zwölf Monate hinzog. In den Archiven und Bibliotheken von Amsterdam, Moskau und Zürich – hier schrieb der Autor im ersten Halbjahr 1916 sein Buch – fanden wir viel mehr bislang unbeachtetes bzw. unbekanntes Material, als wir uns ursprünglich vorstellen konnten.

UZ: Können Sie den Neuigkeitswert dieser Edition gerade für die Leserinnen und Leser, die das Werk schon kennen, bitte etwas genauer beschreiben …

Volker Külow: Da müssen mehrere Aspekte genannt werden. Auf der Basis moderner Editionsprinzipien präsentieren wir eine Reihe neuer Forschungsergebnisse. Erstmals wird die Geschichte der Entstehung und Veröffentlichung des Werkes sowie der Personenkreis, mit dem Lenin in Verbindung stand, auf einer gesicherten Quellenbasis umfassend und jenseits parteipolitischer Instrumentalisierung dargestellt. Wir zeigen z. B., wie Lenin durch Nikolai Bucharin, David Rjasanow und Georgi Sinowjew, die ja nach ihrer Ermordung durch Stalin in der Sowjetunion jahrzehntelang als Unpersonen behandelt wurden, angeregt und unterstützt wurden. Übrigens wurden auch viele Editoren der Lenin-Ausgaben der 20er und 30er Jahre im Zuge des „Großen Terrors“ 1936 bis 1938 umgebracht. An ihr tragisches Schicksal wollen wir mit unserem Buch auch erinnern.
Außerdem wird „en detail“ dokumentiert, welche Quellen und welche Literatur Lenin für seine Untersuchung ausgewertet hat. Dabei werden auch Lenins 21 „Hefte zum Imperialismus“ einbezogen und deren Entstehungsprozess wird erstmals zeitlich und inhaltlich genau rekonstruiert. Auf dieser fundierten Materialgrundlage werden die innere Logik und die thematische Bandbreite von Lenins Forschungsprozess nachgezeichnet.

UZ: Können Sie die neu gewonnenen Einsichten zu Lenins Forschungsprozess noch etwas präzisieren?

Volker Külow: Wie sich zeigt, hatte er eine enzyklopädische Perspektive und war darauf aus, die ökonomischen,

politischen und geistig-ideologischen Aspekte des zeitgenössischen Imperialismus in ihrer Totalität zu erfassen.
Lenin rezipierte dazu Veröffentlichungen renommierter Autoren und bekannter Gelehrter, aber auch Publikationen akademischer Außenseiter, die in den Annalen der Wissenschaftsgeschichte nur wenig Spuren hinterlassen haben und deren Originalität heute bestenfalls noch Spezialisten zu schätzen wissen. Auf ihre kritische Rezeption unserer Überlegungen sind wir selbstverständlich sehr gespannt. Um die Einbettung des Werkes in den imperialismustheoretischen Diskurs am Vorabend des Ersten Weltkrieges zu erleichtern, werden darüber hinaus weitere Texte Lenins aus den Jahren 1915/1916 und das berühmte Manifest, das der Internationale Sozialistenkongress in Basel 1912 verabschiedete hatte, im vorliegenden Buch veröffentlicht.

UZ: Welche Erkenntnisse konnten durch dieses Herangehen gewonnen werden?

Volker Külow: Der Politiker Lenin knüpfte, oftmals viel stärker als bislang rezipiert, an die gewonnenen Erkenntnisse in der imperialismustheoretischen Debatte der II. Internationale an. Das schmälert keineswegs seine Verdienste, aber es ist wichtig, auch an andere, mitunter zu Unrecht vergessene Theoretiker zu erinnern, die sich mit diesem Thema gründlich beschäftigt haben: ich nenne stellvertretend für viele andere hier nur Otto Bauer, Herman Gorter, Alexander Helphand, Julian Marchlewski und Anton Pannekoek sowie natürlich Rosa Luxemburg nicht zu vergessen.

Buchvorstellung:
Samstag, 2. Juli, um 12 Uhr
mit Volker Külow, Dietmar Dath, Patrik Köbele und Stefan Huth,
jW-Zelt auf dem UZ-Pressefest


UZ: Wie konnte die enorme Materialfülle im vorliegenden Buch überhaupt verarbeitet werden?

Volker Külow: Für die Erläuterung und Kommentierung der Leninschen Texte haben wir einen zweigliedrigen Fußnotenapparat entwickelt. Dabei handelt es sich zunächst um Lenins Quellen- und Literaturverweise. Im Fußnotenapparat der Herausgeber werden Mängel in der Textdarbietung bisheriger Editionen beseitigt und vor allem diejenigen Textpassagen präsentiert, welche Lenin direkt aus seinen „Heften zum Imperialismus“ in seine Studie übernahm. Auf die rund 100 Seiten umfassende Darstellung der Entstehung und Überlieferung des Werkes folgt eine ausführliche Erläuterung zu den editorischen Hinweisen. Fünf Verzeichnisse erleichtern die Texterschließung.

UZ: Erfährt man auch etwas über die persönlichen Lebensumstände des Autors in jener Zeit?

Volker Külow: Selbstverständlich. Auch dazu gibt es viele spannende neue Fakten, wenn ich allein an die akribische Recherche zur Nutzung der Bibliotheken in Zürich durch Lenin denke. Und noch etwas Bemerkenswertes: Während Hugo Ball und seine Freunde im Züricher „Cabaret Voltaire“ im Februar 1916 den Dadaismus aus der Taufe hoben, formulierte Lenin im spartanisch möblierten Zimmer eines Nebenhauses dieses wirkungsmächtige Werk. Der Abbildungsteil mit insgesamt 60 Illus-trationen – viele davon werden zum ersten Mal veröffentlicht – bietet diesbezüglich viel interessantes Material.

UZ: Wie aktuell ist nach Ihrer Auffassung trotz zeitbedingter Irrtümer Lenins Imperialismusanalyse für unsere Gegenwart?

Volker Külow: Die erneute Lektüre dieser Schrift – nunmehr historisch und editionswissenschaftlich neu eingebettet – beweist, dass Lenin alles andere als ein toter Hund ist. Man kann und muss ihn jedoch stärker gegen den Strich lesen und im Kontext der modernen Globalisierungsdebatten neu interpretieren. Mit der vorliegenden Studienausgabe ist dafür eine solide Grundlage geschaffen.


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Leserbrief zu »„Lenin ist alles andere als ein toter Hund“«, UZ vom 1. Juli 2016





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