Reichskriegsflaggen, Kelten- und Hakenkreuze

Faschistische Hooligans bei der EM in Frankreich
Von Maurice Böse
|    Ausgabe vom 24. Juni 2016

Vor der EM warnte die deutsche Polizei vor einem erneuten Hoch der Hooligangewalt im Rahmen der Europameisterschaft in Frankreich. Allerdings waren viele – auch der Autor – skeptisch, da sich Ausschreitungen durch Hooligans in den letzten Jahren immer mehr auf den nationalen Ligabetrieb verschoben und es seit der Jahrtausendwende kaum noch zu Zwischenfällen im Zuge der großen Fußballturniere gekommen ist.

Jetzt ist es doch so – oder sogar noch schlimmer – gekommen, wie es viele Sicherheitsexperten vorausgeahnt haben. Aufmerksamen Beobachtern der Spiele und der Zwischenfälle konnte auffallen, dass die Hooliganauftritte fast immer mit dem Zeigen faschistischer Symbole einherging.

Deutsche Hooligans – unter ihnen wohl auch der Anführer der Partei „die Rechte“, Michael Brück, posieren in Lille mit einer Reichskriegsflagge und attackieren vor dem Spiel gegen die Ukraine gegnerische Fans. Während der Übertragung des Spiels der Ukraine gegen Nordirland konnte man wiederum eine Gruppe ebenso bar- wie bierbäuchiger ukrainischer Faschisten sehen, deren imposante Oberkörper über und über mit Hakenkreuz-Tattoos übersäht waren.

Während des Spiels Kroatien gegen Tschechien kommt es seitens kroa-
tischer Fans zum Werfen von Feuerwerkskörpern – im Block Transparente mit dem sogenannten Keltenkreuz, einem Synonym für den rassistischen „White Power“-Slogan. Viele der kroatischen Fans berufen sich auf die Ustaša-Ideologie des kroatischen NS-Kollaborationsregimes; der Präsident des kroatischen Fußballverbandes, Davor Šuker, ließ sich 1996 vor dem Grab des Ustaša-Führers Ante Pavelic fotografieren und der ehemalige Nationalspieler Josip Šimunic, der vor einigen Jahren für die Darbietung des faschistischen Grußes „Za dom spemni“ (Für die Heimat bereit) von der FIFA gesperrt wurde, ist nun Teil des kroatischen Trainerstabes. Als Reaktion auf die Ausschreitungen russischer Hooligans vor und während des Spiels gegen England twitterte der Vizepräsident des Parlaments in Moskau, Igor Lebedew: „Gut gemacht Jungs. Weiter so.“

Soweit zur Auflistung aller (mediale Aufmerksamkeit erregenden) rechten Zwischenfälle bei der EM (ohne Gewähr der Vollständigkeit). Gerade in Ost- und Südosteuropa verdeutlicht ein Blick in die Fankurven besser als vieles andere den Rechtsruck in diesen Staaten. Doch wie kommt es zu dieser unheiligen Allianz zwischen Hooliganismus und Faschismus?

Hooligans stehen für eine klare Position in Sachen Geschlechterrollen und ihre Gewaltexzesse basieren logischerweise auf der Durchsetzung des Stärkeren. Schaut man sich die Bilder aus den Stadien an, sieht man, dass die Hooligans Körperpolitik betreiben: Sie stellen sich als Kämpfer und Krieger mit freiem Oberkörper dar und inszenieren eine Form der Männlichkeit, die man eher aus Wikingerfilmen zu kennen glaubt. Hier liegen die Berührungspunkte zu Faschisten: Beide Gruppen sind auf der Suche nach den „Stahlgewittern, die sie von der Enge des trüben Alltags befreien“, wie es der Aachener Journalist und Politikwissenschaftler Richard Gebhardt beschreibt.

Für die Hooligans, die mit ihren Nationalmannschaften reisen, ist der Kampf gegen die Hooligans anderer Staaten tatsächlich der Ersatz für das eigentlich ersehnte Stahlgewitter auf dem Schlachtfeld. Deshalb deuten sie den Fußball in einer Zeit als Krieg und Schlacht von Mann gegen Mann, in der die Medien und die Verantwortlichen in den Sportverbänden eigentlich darum bemüht sind, den Fußballsport als Kunstform und damit auch für intellektuelle Schichten attraktiv zu machen (oder zu halten). Das heißt nicht, dass jeder Hooligan automatisch ein Faschist ist. Allerdings bietet der Hooliganismus tendenziell einen ideologischen Nährboden, der diese Subkultur so ansprechend für Faschisten macht.


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Leserbrief zu »Reichskriegsflaggen, Kelten- und Hakenkreuze«, UZ vom 24. Juni 2016





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