Lieder und Propaganda

Beim Konzert von Grup Yorum in Gladbeck
Von Olaf Matthes
|    Ausgabe vom 24. Juni 2016
„Die Themen unserer Lieder reichen von Brot bis Liebe.“ (Foto: redpicture)
„Die Themen unserer Lieder reichen von Brot bis Liebe.“ (Foto: redpicture)

Eines der Lieder von Grup Yorum handelt von einer kurdischen Mutter, deren Sohn im Krieg gegen den türkischen Staat gefallen ist. Die Mutter singt davon, dass sie nicht um ihn weinen kann. „Als die mir das übersetzt haben, bin ich gleich am Heulen gewesen“, sagt Antje Potratz.

Antje, Kreisvorsitzende der DKP Gladbeck, hat diese Lieder in den vergangenen Wochen oft gehört. Vor dem Rathaus in Gladbeck stand sie über zwei Wochen täglich, um mit den Musikern und Unterstützern der türkischen Gruppe dagegen zu protestieren, dass die Stadt Gladbeck das für den 18. Juni geplante Konzert verboten hatte.

Einer von denen, die mit Antje protestiert, gesungen und übersetzt haben, ist Ihsan Cibelik, eines der festen Mitglieder von Grup Yorum, die in Gladbeck am 18. Juni auf der Bühne stehen. „Die Themen unserer Lieder reichen von Brot bis Liebe“, sagt er. Der kleine Mann mit dem runden Gesicht wechselt von der Davul, einer traditionellen Trommel, zur Nay, einer Flöte, nebenbei leitet er das Orchester. Ein Chor steht auf der Bühne, die vier Solosänger tragen olivgrüne Hemden und rote Halstücher. Dazu kommen wechselnde Gäste. Die EU verbietet der Stammbesetzung von Grup Yorum, in den Schengen-Raum einzureisen. An ihre Stelle treten Freunde und Unterstützer, die in der EU leben. Aus der Türkei angereist ist Hilmi Yarayici, der in den 90er Jahren mit Grup Yorum gesungen hat und heute Abgeordneter der CHP im türkischen Parlament ist – er kann einreisen. „Wo ein Mitglied von Grup Yorum ist, da ist eine Gruppe“, sagt Ihsan. „Wenn kein Mitglied da ist, machen unsere Freunde und Unterstützer ein Konzert und spielen unsere Lieder.“

Vor ihren Häusern stehen Anwohner und schauen über die Straße auf den Festplatz, wo das Konzert beginnt und Besucher aus Reisebussen steigen. In den letzten Wochen haben Staatsschutz und Bürgermeister, Medien und konservative türkische Organisationen das geplante Konzert als eine Party von Terrorunterstützern dargestellt, weil Grup Yorum der verbotenen türkischen Organisation DHKP-C nahestehe. Bei den Anwohnern ist die Botschaft angekommen, ein älterer Mann sagt: „Wenn so viele Sheriffs rumstehen, zeigt das, dass etwas nicht in Ordnung ist.“

Ihsan ist vor dem Konzert auch zu einem Gespräch mit einer konservativen türkischen Gruppe gegangen. Die Teilnehmer fragen ihn: „Gibst du zu, dass die DHKP-C terroristisch ist?“ Es ist nicht das erste Mal, dass er diese Frage nicht beantwortet:

Auch die türkische Polizei hat sie ihm schon einmal gestellt, als sie ihn schlug und mit Elektroschocks folterte, erzählt er. Er saß im Gefängnis, heute lebt er im französischen Exil und leidet am Korsakow-Syndrom, einer Mangelkrankheit, die ihm von einem Hungerstreik geblieben ist. Was antwortet er auf den Vorwurf, Grup Yorum mache Propaganda für Terroristen? „Wir machen Propaganda für die Ausgebeuteten und Unterdrückten. Wir haben keine Gewehre. Wir haben Musikinstrumente und Stimmbänder.“

Beim Konzert dankt Ihsan der DKP und Antje Potratz, die die Kundgebung angemeldet hat, die das Konzert ermöglicht. An ihrer Stirn ist die Stelle immer noch zu sehen, an der ein türkischer Nationalist sie verletzt hat, weil sie gegen das Konzertverbot protestierte. Mit roter Grup Yorum-Kappe, blauer Regenjacke und geschwollenen Knöcheln steht sie am Wellenbrecher vor der Bühne. „Da habe ich den Klassenkampf am eigenen Leib gespürt. Aber egal – das Konzert ist ein Erfolg.“

„Wir haben keine Gewehre. Wir haben Musikinstrumente und Stimmbänder“, sagt Ihsan Cibelik.

„Wir haben keine Gewehre. Wir haben Musikinstrumente und Stimmbänder“, sagt Ihsan Cibelik.

( redpicture)

So sehen Terrorunterstützer aus – sagen Erdogan und der deutsche Staatsschutz.

So sehen Terrorunterstützer aus – sagen Erdogan und der deutsche Staatsschutz.

( Shari Deymann)

Grup Yorum

Grup Yorum

( Shari Deymann)

 

 


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Leserbrief zu »Lieder und Propaganda«, UZ vom 24. Juni 2016





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