Kultursplitter

Von Herbert Becker
|    Ausgabe vom 24. Juni 2016

Anschwellendes Gebrause
Mit absehbarem Lärm in den „Qualitätsfeuilletons“ wird sicherlich die Verleihung des „Frank-Schirrmacher-Preis“ an den französischen Großschwätzer Michel Houellebecq bewertet. Nach Hans-Magnus Enzensberger ist er der zweite Preisträger, den die FAZ gemeinsam mit der Stiftung des verstorbenen Namensgebers ehren will. Houellebecq, dessen seltsamen, eher wirren Romanen und Äußerungen in Interviews gerne viel Aufmerksamkeit gewidmet wird, passt zu den ideologischen Ausrichtungen, mit denen die bürgerlichen Kreise ihre Warnungen und Ängste vor Überfremdung und Islamismus formulieren. Sein letzter, nicht empfehlenswerter Roman ist „Unterwerfung“ über die Fiktion eines muslimischen Präsidenten der Grande Nation.

Kritisch wie eh und je
Der linke britische Filmemacher Ken Loach ist in diesen Tagen 80 Jahre alt geworden. Die Liste seiner Filme ist lang, immer ging es ihm um die Situation der britischen Arbeiterklasse und der Deklassierten der Gesellschaft, ob dramatisch oder komödiantisch. In diesem Jahr erhielt er zum zweiten Mal die „Goldene Palme“ des Festivals in Cannes, diesmal für den Film „I, David Blake“.

Der Held, ein Zimmermann in der britischen Provinz, stürzt vom Dach und dann noch viel tiefer in die Mühlen der Bürokratie des Gesundheits- und Sozialwesens. Bei uns wird der Film ab November 2016 in die Kinos kommen. Vormerken. (Besprechung folgt)

So geht es auch
Stolz meldet das Folkwang Museum in Essen, dass sich die Zahl der Besucher seiner Dauerausstellung (besonders 19. und 20. Jahrhundert) im letzten Jahr mehr als verdoppelt hat auf über 100 000. Grund ist sicherlich der freie Eintritt, ermöglicht durch die Berthold-Beitz-Stiftung, die diesen geringen Anteil an den Gesamtkosten trägt. Empfehlens- und nachahmenswert, es muss nicht unbedingt ein Großindustrieller sein, auch Städte und Unternehmen der Öffentlichen Hand könnten dies anstatt zu spekulieren.

Läuft gerade an
Sean Bakers Film „Tangerine L. A.“ kommt in diesen Tagen in die Kinos. Ausnahmslos wurde er mit Hilfe von Mobiltelefonen in den Stadtteilen von Los Angeles gedreht, die im heftigen Gegensatz zu Beverley Hills stehen. Dort sind insbesondere viele in Armut lebende Jugendliche aus dem Mittleren Westen auf der Suche nach ihrem Traum einer Karriere in Hollywood gnadenlos gescheitert.

In erster Linie skizziert der Film ein groteskes Städteporträt, bei dem die Farbkontraste bis zum Äußersten erhöht wurden, sodass Gebäudefassaden, Straßenschilder und die ohnehin grellbunten Klamotten der Prostituierten zu glühen scheinen. Neben dieser ungewohnten Bildästhetik wirkt der Film insbesondere durch das vergnügte Spiel der Laiendarsteller von der ersten Sekunde an glaubhaft und amüsant zugleich.

Der schnelle Erzählrhythmus und ein nur auf den ersten Blick zusammenhangloser Wechsel verschiedener Handlungsstränge sorgen zudem dafür, dass man dieser im Kern gewöhnlichen Geschichte mit für viele Zuschauer durchaus ungewöhnlichen Menschen gerne bis zum Ende aufmerksam folgt.

Brot und Spiele
Der Hype um die Fußball-EM in Frankreich in Medien wie Konsumtempeln jeder Art ist der Übliche. Unbestätigten Meldungen zufolge leidet der Rauhaardackel von Jogi Löw an heftigem Fellausfall, bisherige Haarspenden der Nationalspieler inklusive der sogenannten Spielerfrauen bringen wohl nicht das gewünschte Ergebnis. Befürchtungen eingeweihter Kreise, dass Löw nicht voll und ganz fokussiert sei, lassen Schlimmes für Teutschland erwarten.

Wir bleiben am Ball.


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