Was die FAZ verschwieg

Zum Tod von Rudi Altig
|    Ausgabe vom 17. Juni 2016
 (Foto: Heidas / wikimedia.com / CC BY-SA 3.0)
(Foto: Heidas / wikimedia.com / CC BY-SA 3.0)

Rudi Altig ist gestorben. Die „Frankfurter Allgemeine“ widmete ihm einen ausführlichen Nachruf, der allerdings beträchtliche Mängel aufwies. Man las dort: „Er ist einzigartig, seit 50 Jahren. Unerreicht, obwohl es dem deutschen Radsport keineswegs an erstklassigen Rennfahrern mangelt. Aber an Rudi Altig kam niemand heran. Jeder Versuch, es ihm nachzumachen, scheiterte, auch in jüngerer Vergangenheit, in der die aufstrebende Garde um John Degenkolb Jagd auf das Regenbogentrikot machte, auf das Kleid des Straßen-Weltmeisters. Das hatte Altig 1966 gewonnen, als letzter Deutscher. Ein Coup auf dem Nürburgring in einem Jahrzehnt, in dem Altig zu den dominierenden Figuren seiner Branche zählte. Er siegte nicht nur bei der WM, er entschied auch Klassiker wie die Flandern-Rundfahrt (1964) oder Mailand-San Remo (1968) für sich. Ein knorriger, manchmal polternder Mann, jemand, der sich nicht vor deutlichen Worten scheute – und eine glänzende Karriere, gespickt von Erfolgen. Altig, einer der besten und populärsten deutschen Radrennfahrer überhaupt, errang insgesamt 18 Etappensiege bei den drei großen Rundfahrten Tour de France, Giro d’Italia und Vuelta. (…) Altig war zuvor bereits auf der Bahn einer der Besten gewesen, in der Einerverfolgung holte er sich sogar drei WM-Titel. (…) Auch er war positiv getestet worden, bei der Tour 1969 wurde ihm die Einnahme von Amphetaminen nachgewiesen. 1966 hatte er sich beim belgischen Rennen Flèche Wallonne einer Kontrolle entzogen. Für Altig, der den Beinamen ‚radelnde Apotheke‘ erhielt, war dies jedoch ‚Kleinkram‘.(…) Altig arbeitete als Bundestrainer der Straßenamateure, war Sportlicher Leiter bei traditionsreichen deutschen Rennen wie „Rund um Köln“ oder „Rund um den Henninger Turm“ in Frankfurt, wo er 1970 Sieger geworden war.“
Wo da „Mängel“ gewesen sein mögen? Unterschlagen hatte die FAZ, dass er einen Appell unterschrieben hatte, der ihm beträchtlichen Ärger eintrug, dieweil er nicht im Sinne der bundesdeutschen Sportobrigkeit gewesen war.
Worum es ging? Hier der Wortlaut: „Es ist zwanzig Jahre her, dass deutsche Sportlerinnen und Sportler aus Ost und West eine Initiative für den Frieden gründeten. Der Ruderolympiasieger von Mexiko, Horst Meyer, stand an ihrer Spitze. NOK-Präsident Willi Daume bekannte sich zu ihr, Willy Brandt schickte eine Grußbotschaft an das 1985 arrangierte „Sportler-für-den-Frieden“-Sportfest in der Dortmunder Westfalenhalle: „Mein Wunsch ist, dass es mit dieser Veranstaltung gelingt, ein Beispiel dafür zu geben, wie Sportler und sportinteressierte Bürger über sonst Trennendes hinweg friedlich und freundschaftlich einander begegnen und miteinander diskutieren“. Uns dieses Ratschlags erinnernd und darauf verweisend, dass der deutsche Sport Gastgeber für die Olympischen Spiele sein wollte, plädieren wir dafür, dass möglichst viele deutsche Sportlerinnen und Sportler ihre Stimme gegen einen drohenden Krieg im Irak oder sonst wo auf der Welt erheben. Gerade weil auch der Sport seit jeher ein Symbol für friedliches Miteinander ist, gilt unser ganzes Engagement dem Frieden in der Welt.“ Initiiert hatte diesen Appell ein Trio mit Gustav Adolf Schur – aufgewachsen in der DDR – an der Spitze.
Schur war nie um eine Weltmeisterschaft gegen Altig gefahren, weil er Amateur war und Altig Profi. Als es um den Weltfrieden ging, hatte der Amateur den Profi gefragt, ob er den Appell auch unterschreiben würde – und der Profi wollte. Als sie sich eines Tages begegneten, verhehlte Altig nicht, dass er wegen dieser Unterschrift beträchtlichen Ärger bekommen hatte, aber – Charakter des Altig – die Unterschrift nicht annullierte. Auch sonst tat Altig manches, was auch Schur getan hatte. Beide stiegen auf ihre Räder und fuhren für krebskranke Kinder.
Mithin: Die beiden waren nie gegeneinander gefahren, aber oft miteinander. Das las man nicht in der FAZ, deshalb schloss die UZ diese Lücke …Klaus Huhn


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Leserbrief zu »Was die FAZ verschwieg«, UZ vom 17. Juni 2016





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