Das Stadion: Kein Ort für Selbstzweifel

Hinter der Glitzerfassade: Depression im Profifußball
Von Maurice Böse
|    Ausgabe vom 17. Juni 2016
 (Foto: David Taylor/ wikimedia.com / CC BY 3.0)
(Foto: David Taylor/ wikimedia.com / CC BY 3.0)

Dass die Organisatoren des kommerziellen Fußballsports in Europa und der Welt korrupt bis ins Mark sind, ist mittlerweile sogar auf deutschen Grundschulhöfen eine Binsenweisheit. Dass dieser Sport in den Profiligen jedoch so organisiert ist, dass Menschen mit Depressionen und, oder Suizidgedanken in dieser scheinbar heilen Glitzerwelt keinen Platz finden, daran erinnern die Selbstmorde des Torhüters Robert Enke (2009) und des Abwehrspielers Andreas Biermann (2014). Gerade kurz vor Beginn eines großen internationalen Turniers, wenn der Fußball noch schillernder dargestellt wird als sonst, sei daran erinnert, dass Selbstzweifel und Depressionen im Profifußball noch weniger akzeptiert sind als in der Gesellschaft der Normalsterblichen. Im Profifußball gilt noch stärker als sonst das Motto „Höher, schneller, weiter!“. Wer da nicht mithalten will, kann oder darf, der fällt raus.
Der aktuelle Selbstmord des Trainers Sascha Lewandowski wird in Zusammenhang gebracht mit Ermittlungen gegen ihn, die wegen des Verdachts auf Kindesmissbrauch stattfinden. Das kann natürlich auch ein Grund für seinen Suizid am 8. Juni gewesen sein.
Bevor der Verdacht auf Kindesmissbrauch öffentlich wurde, reagierten viele Vereine, bei denen Lewandowski einst beschäftigt war, via Facebook mit Kondolenzbekundungen. Deren Tenor liest sich in etwa so: Feiner Kerl, professioneller Trainer, immer ehrlich gewesen. Kein Zufall ist es, dass ein Viertligist, nämlich Rot-Weiß-Oberhausen, in seiner Trauerbekundung als einziger das Thema Depression und Leistungssport aufgriff: „Depressionen, Burn-Out – Oft nicht sichtbar, da die Menschen die betroffen sind, alles tun – nur nicht ihre Schwäche zeigen. Diese Gesellschaft, diese Fußballwelt steht nicht auf schwache Menschen. Wir brauchen Köpfe, Leader, Kämpfer – wir brauchen niemanden der zweifelt, vor allem nicht an sich selbst. Wir wollen uns an Hochleistungen der anderen ergötzen, oft auch nur deshalb, weil der eigene Horizont eingeschränkt ist. Und wenn einer Hochleistungen bringt, dann haben wir das erwartet, erfreuen uns kurz daran und stehen schon Gewehr bei Fuß, für den tiefen Fall. (…)Die Zeitungen werden sich sicherlich schnell einig sein: ‚So darf es nicht weitergehen!‘ Nur um in wenigen Tagen, wenn der 23-jährige Götze den Ball aus sieben Metern nicht im Tor unterbringt, den Stab über ihm zu brechen. Es wird wieder Sechsen hageln. Menschen werden den Pranger gestellt. Aber was soll’s, dafür bekommen sie ja die vielen Millionen, nicht wahr?!“
Dazu muss gesagt werden, dass Profifußballer nicht einfach nur jeden Tag für viel Geld 90 Minuten einen Ball über das Feld schießen, sondern – um einen modernen soziologischen Begriff zu nutzen – „Arbeitskraftunternehmer“ sind, die sich dadurch auszeichnen, dass sie selbst in ihrer Freizeit an der Steigerung ihres Marktwerts arbeiten: Durch Werbung, durch „Engagement“ in sozialen Netzwerken usw. Hinzu kommt, dass sie quasi ab dem Moment des Verlassens ihres Hauses im Fokus der Öffentlichkeit stehen: Jeder Schritt wird beobachtet, auf angebliche Skandale gewartet – mit wem ist er da unterwegs? War er in einer Kneipe? Hier wird deutlich, dass Fußballer ihr ganzes Leben voll auf ihr Profidasein ausrichten. Das fängt schon bei talentierten Jugendfußballern an, die ihr ganzes Teenagerleben dem Traum opfern, einer der wenigen zu werden, die es „schaffen“.
Trotz aller Bekundungen nach dem Selbstmord von Robert Enke hat sich im Umgang mit dem Thema Depressionen im Profifußball nichts geändert. Andreas Biermann, der 2014 nach mehreren Suizidversuchen starb, ging von dem Trubel um Enkes Tod motiviert mit seiner Krankheit an die Öffentlichkeit, wurde einmal kurz bemitleidet und durch die Talkshows geschleift und – war nach Ablauf seines Vertrags beim FC St. Pauli vereinslos; keiner wollte ihn mehr spielen lassen. Hier ist wichtig zu betonen, dass der Fußball die Depressionen nicht hervorgerufen hat, er aber alles andere als ein Umfeld darstellt, in dem man dieses Thema in Ruhe aufarbeiten und sich auf die vermeintlichen „Kollegen“ verlassen kann.


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Leserbrief zu »Das Stadion: Kein Ort für Selbstzweifel«, UZ vom 17. Juni 2016





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