Unnütz und allein

Maria Schrader hat sich an Stefan Zweig versucht – und ist gescheitert
Von Klaus Wagener
|    Ausgabe vom 17. Juni 2016
Stefan Zweig (Josef Hader) und Charlotte Zweig (Aenne Schwarz): „So gehöre ich nirgends mehr hin.“ (Foto: XVerleih)
Stefan Zweig (Josef Hader) und Charlotte Zweig (Aenne Schwarz): „So gehöre ich nirgends mehr hin.“ (Foto: XVerleih)

Wir sind in der Zeit, als Literatur noch ernst genommen wurde. Der österreichische Schriftsteller Stefan Zweig (Josef Hader) wird in Brasilien begrüßt wie ein Staatsgast. Nach der Niederlage des Februaraufstandes 1934 war der erklärte Pazifist Zweig von Dollfus’ Austrofaschismus ins Exil getrieben worden. Seine Bücher waren die vieler anderer Autoren auf den deutschen Scheiterhaufen gelandet. 1936, auf dem PEN-Kongress im benachbarten Buenos Aires, erwarten seine Schriftsteller-Kollegen und die internationale Presse eine deutliche Positionierung gegen den Faschismus. (So zumindest im Film.) Aber Zweig verweigert sich: „Ich kann und ich werde nicht auf der anderen Seite der Welt in einem Raum voller Gleichgesinnter ein Urteil sprechen.“
Eigentlich schon hier, im ersten, der vier nur lose verbundenen Filmabschnitte, eine Schlüsselszene. Zweigs Humanismus ordnet sich einem unbedingten Pazifismus unter. Dieser geht soweit, selbst im Angesicht der drohenden Kriegsgefahr, der Erste Weltkrieg ging vor gerade 18 Jahre zu Ende, der Zweite hat in Spanien gerade begonnen, eine politische Rolle des Schriftsteller ganz grundsätzlich zu verneinen. Zweigs nicht unelitäre Forderung nach einer Trennung von Geist und Politik musste die Enttäuschung und den Widerspruch der Autoren (und nicht nur deren) hervorrufen, die alles versuchten, die große Zerstörung doch noch aufzuhalten. Dagegen „bedankt“ er sich bei seinem Gastland, konkret der Vargas-Diktatur, geradezu naiv-idealistisch: „Brasilien hat – und die Bedeutung dieses großartigen Experiments scheint mir vorbildlich – das Rassenproblem, das unsere europäische Welt verstört, auf die einfachste Weise ad absurdum geführt: indem es seine angebliche Gültigkeit einfach ignorierte.“
Thomas Mann schrieb 1952: „Es gab Zeiten, wo sein radikaler, sein unbedingter Pazifismus mich gequält hat. Er schien bereit, die Herrschaft des Bösen zuzulassen, wenn nur das ihm über alles Verhasste, der Krieg, dadurch vermieden wurde. Das Problem ist unlösbar. Aber seitdem wir erfahren haben, wie auch ein guter Krieg nichts als Böses zeitigt, denke ich anders über seine Haltung von damals – oder versuche doch, anders darüber zu denken.“
Über die „Qualen“, nicht nur Thomas Manns, wie auch über die Gründe und Möglichkeiten von Manns späterem Versuch „anders darüber zu denken“ gäbe es einiges zu diskutieren. Der Film belässt es hingegen bei den enttäuschten Gesichtern der Autoren und der Journalisten. Eine ausformulierte Gegenposition wird nicht aufgebaut. Zweig bleibt mit seinen Gedanken allein. Und der Zuschauer bleibt es ebenso. Stattdessen erleben wir, man muss im Film Prioritäten setzen, einen völlig überforderten Bürgermeister eines tropischen Provinznestes, der den vorbeikommenden, mehr oder weniger „gekidnappten“ Literaturstar mit einer etwas eigenwilligen Blaskapellen-Variation von „An der schönen blauen Donau“ zu beeindrucken sucht. Josef Hader bringt angesichts dessen die gequälte Freundlichkeit des zu Tode Gepriesenen bemerkenswert minimalistisch unangestrengt über die Rampe.
In der Qualität der schauspielerischen Leistung liegt denn auch die große, aber leider einzige Stärke des Films. Neben Josef Hader überzeugen vor allem Aenne Schwarz, welche die junge, Zweig wörtlich bis in den Tod ergebene Geliebte und spätere Ehefrau Charlotte Altmann mit der erforderlichen Unbekümmertheit gibt, und Barbara Sukowa, die eine wissend-beherrscht-souveräne (Ex-)Ehefrau, Friderike Zweig, präsentiert. Friderike ist in diesem Film die einzige, die nicht in bedingungsloser Anbetung erstarrt, sondern die Widersprüchlichkeiten in der Haltung des großen Literaten mit wenigen Worten, meistens nur durch ihre physische Präsenz, problematisieren kann. Hier liegen die einzigen Sequenzen, in denen der Film so etwas wie eine geistige Lebendigkeit entwickelt. Allerdings beschränken sie sich weitgehend auf das Problem der von Zweig eingeforderten Unterstützung der Exilierten bzw. Asylsuchenden.
Ansonsten hofft Regisseurin Maria Schrader ganz offensichtlich, dass der psychologische Ansatz ihres Films seine klaffende Informationslücke schon irgendwie ausfüllen möge. Hier sieht sich die Regisseurin offenbar in einer Tradition der an Freud orientierten, auf die inneren psychologischen Konflikte ihrer Helden fokussierten Schriftstellergeneration, zu der auch ihr Held gehörte. Nur ist ein Film kein Roman und Schrader verzichtet zudem auf „innere Monologe“ oder „Dialoge“ und verlässt sich auf die mimische Ausdrucksfähigkeit Josef Haders. Der tut zwar, was er kann, aber auch das hat Grenzen. Hier gerät die Stärke des Films zu seiner großen Schwäche. In der Psychologisierung liegt bei Ausblendung des gesellschaftlichen Wirklichkeit immer auch die Gefahr der Banalisierung. Zweig lebte 1942 in der Abgeschiedenheit des beschaulich-tropischen brasilianischen Petrópolis und die Barbarei stand im Zenit ihrer Macht. „Wie sollen wir das nur aushalten?“ fragt Zweig. Er erwartet keine Antwort und er bekommt keine. Der Zuschauer ebenso wenig.
Bekanntlich nehmen sich der Autor und seine junge Ehefrau 1942 mit einer Überdosis Veronal das Leben. „Er hatte Ruhm, Geld, sehr viele Freunde, eine junge Frau – und warf alles fort“, schreibt Klaus Mann anläßlich seines Todes. „Warum? In seinem Abschiedsbrief ist vom Krieg die Rede. Der Krieg, Triumph der Barbarei, Durchbruch zerstörerische Urinstinkte! Dem Humanisten graut. Ist dies noch seine Welt? Er erkennt sie nicht mehr. „Ich passe nicht in diese Zeit. Diese Zeit missfällt mir …“ und greift zum Gift. Ruhm, Geld und Freunde lässt er hier zurück; die junge Frau aber wird mitgenommen. Ist es so einfach? Ach, was wissen wir …“ Mit Klaus Manns letztem Satz scheint Maria Schrader ihr Leitmotiv gefunden zu haben.
Bedauerlicherweise, aber mehr hatte man auch kaum zu hoffen gewagt, erfährt der Zuschauer auch vom Schriftsteller Stefan Zweig gerade noch, dass er mit Thomas Mann der berühmteste Autor der Epoche war. Aber das Spezifische seiner Literatur, seine Gegenstände, Themen, Figuren, die philosophische wie emotional-psychologischen Hintergründe und Antriebe seines Schreibens, all das bleibt weitgehend im Dunklen. Und daher bleibt auch ebenso unerörtert, warum und auf welche Weise dieser Background in den von Klaus Mann angedeuteten, für Zweig offensichtlich nicht auflösbaren Konflikt mit der Barbarei gerät, aus der der Autor nur einen selbstzerstörerischen Ausweg wusste.
Schon ein Blick in Zweigs 1942 posthum veröffentlichtes Werk „Die Welt von Gestern“ hätte ein wenig Aufklärung schaffen können: „Ich bin aufgewachsen in Wien, der zweitausendjährigen übernationalen Metropole, und habe sie wie ein Verbrecher verlassen müssen, ehe sie degradiert wurde zu einer deutschen Provinzstadt. Mein literarisches Werk ist in der Sprache, in der ich es geschrieben, zu Asche gebrannt worden, in eben demselben Lande, wo meine Bücher Millionen Leser sich zu Freunden gemacht. So gehöre ich nirgends mehr hin, überall Fremder und bestenfalls Gast; auch die eigentliche Heimat, die mein Herz sich erwählt, Europa, ist mir verloren, seit es sich zum zweiten Mal selbstmörderisch zerfleischt im Bruderkriege. Wider meinen Willen bin ich Zeuge geworden der furchtbarsten Niederlage der Vernunft und des wildesten Triumphes der Brutalität innerhalb der Chronik der Zeiten; nie – ich verzeichne dies keineswegs mit Stolz, sondern mit Beschämung – hat eine Generation einen solchen moralischen Rückfall aus solcher geistigen Höhe erlitten wie die unsere.“
Der Imperialismus hatte mit dem Faschismus zumindest in Europa die Frage „Sozialismus oder Barbarei“ auf die Tagesordnung gesetzt. Eine Frage, die keine Ausflüchte zuließ. „Für unsere Generation gab es kein Entweichen, kein Sich-abseits-Stellen wie in den früheren.“ („Die Welt von Gestern“) Eine Frage, die den Kern bürgerlichen Selbstverständisses berührte und die, bei bestehender Unfähigkeit sein Herz über die Klassenschranke zu werfen, im Prinzip nur zwei Möglichkeiten eröffnete: Eine romantische wie irreale Rückkehr zu einer vorimperialistischen „Idylle“ oder der Pakt mit dem Teufel. Thomas Mann hat diese brutale Alternative und die ihr innewohnende Versuchung in „Doktor Faustus“ diskutiert. Er hatte nach 1933 einen Weg gefunden, der Stefan Zweig versperrt blieb. Auch wenn ihm 1952 angesichts des Kalten Krieges und der psychologischen Hochrüstung, der Bombe und der unverhohlenen Drohung sie auch („massive retaliation“) einzusetzen, ernste Zweifel über den „guten“, antifaschistischen Krieg nicht erspart bleiben und damit auch nicht der Versuch über Zweigs Haltung „anders zu denken“.
„Ich glaube an ein freies Europa. Ich glaube daran, dass Grenzen und Pässe eines Tages der Vergangenheit angehören werden. Ich bezweifle allerdings, dass wir das noch erleben werden“, lässt die Regisseurin den Autor in Brasilien formulieren. Ein Statement, welches einerseits den Titel „Vor der Morgenröte“ stützen soll, andererseits aber dem Selbstmord den Beigeschmack des Unsinnigen gibt. Stefan Zweig: „Was ich mehr gefürchtet als den eigenen Tod, den Krieg aller gegen alle, nun war er entfesselt zum zweiten Mal.“ Und weiter, schon in der dritten Person: „Und der ein ganzes Leben leidenschaftlich sich bemüht um Verbundenheit im Menschlichen und im Geiste, empfand sich in dieser Stunde, die unverbrüchliche Gemeinschaft forderte wie keine andere, durch dieses jähe Ausgesondertsein unnütz und allein wie nie in seinem Leben.“ (Die Welt von Gestern)


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Leserbrief zu »Unnütz und allein«, UZ vom 17. Juni 2016





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