Das Märchen vom Charly Marx

Die freie Entwicklung eines jeden …
Von Karl Martin
|    Ausgabe vom 10. Juni 2016

„Der Kommunismus ist eine schöne Idee, die leider nicht funktioniert, weil Menschen nur an sich denken“, höre ich manchmal Leute sagen, während sie z. B. ein Stück Papier vom Boden aufheben oder andere höchst eigennützige Handlungen vollziehen – quasi zum praktischen Beweis ihrer Behauptung.
Für solche Verkünder reinster Wahrheit ist der Kommunismus einfach „Das Märchen vom Charly Marx“. Erzählt wird es in einem Buch mit dem Titel „Manifest“, das sie selber nicht gelesen haben. Sonst müssten sie den Satz kennen: „An die Stelle der alten bürgerlichen Gesellschaft mit ihren Klassen und Klassengegensätzen tritt eine Assoziation, worin die freie Entwicklung eines jeden die Bedingung für die freie Entwicklung aller ist.“
Von Nächstenliebe und altruistischem Verzicht ist hier nicht die Rede, und es heißt auch nicht, dass jeder zugunsten des anderen mit seinem Nachteil leben muss. In einer Gesellschaft, worin 90 Prozent der Bevölkerung zugunsten einer Minderheit auf ihren Anteil am gesellschaftlichen Reichtum verzichten, leben wir schon. Sie heißt Kapitalismus.
Der entwickelt Fortschritt aus den Widersprüchen zwischen den Klassen der Gesellschaft, entweder als Konkurrenz unter den Kapitalisten oder im Kampf zwischen Lohnarbeit und Kapital. Verschwinden die Klassen und ihre Gegensätze, bleiben als Antrieb der Gesellschaft nur die wachsenden Bedürfnisse, zu deren Befriedigung begrenzte Mittel existieren. Marx und Engels beschrieben deshalb „die freie Entwicklung eines jeden“ nicht nur als Möglichkeit, sondern als „Bedingung für die freie Entwicklung aller“.
Die Voraussetzung dafür ist eine sehr hohe Produktivität. Dass sich in den bisherigen Gesellschaften nicht alle, sondern nur einzelne geistig und persönlich entwickeln konnten, weil die produzierten Güter nicht für alle gereicht haben, ist der Grund, warum es überhaupt zur Entstehung von Klassengesellschaften gekommen ist. Die herrschende Klasse hat ihre Macht oft auch genutzt, um Technik und Produktion voranzubringen und die Produktivität der ganzen Gesellschaft zu steigern. Doch stets zum Wohle weniger. Generell gilt: Der Mensch ist und war kein Individuum, das allein existiert und nur an sich denkt. Stets lebte er als soziales Wesen – immer im Austausch und in Gemeinschaft mit anderen. Allerdings schafft erst der Kommunismus einen Zustand, worin die Eigen- und Nächstenliebe keine Gegensätze, sondern eine dialektische Einheit bilden.
Einen Vorteil hat es für mich, dass viele diese Zusammenhänge nicht ganz durchschauen und einen Kommunisten für einen armen und naiven Idealisten halten, der einfach noch an das Gute im Menschen glaubt. Wenn nach einer Diskussion in der Kneipe der Ober die Rechnung bringt, entdeckt mancher beinharte Egoist seine sentimentale Seite – und ich erlaube ihm, uneigennützig und selbstlos, dass er meine Biere mitbezahlt.


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Leserbrief zu »Das Märchen vom Charly Marx«, UZ vom 10. Juni 2016





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