Sein Ziel war nicht die Entscheidung, sondern die Möglichkeiten

Zum 70. Todestag Gerhart Hauptmanns
|    Ausgabe vom 10. Juni 2016

Am 6. Juni 1946 starb Gerhart Hauptmann – Nobelpreisträger, berühmter Dichter und Vorausdenker – in seinem burgartigen „Haus Wiesenstein“ in Agnetendorf, das durch das Kriegsende 1945 polnisch geworden war. Hauptmanns Umsiedlung in die sowjetische Besatzungszone war geplant; im Herbst 1945 hatte er in einem Gespräch mit dem sowjetischen Kulturoffizier Grigorij Weiss und Johannes R. Becher über den neu gegründeten Kulturbund verhandelt. Das Ergebnis des Besuchs konnten die Leser der „Täglichen Rundschau“ im Oktober 1945 lesen: Hauptmann hatte sich zur Mitarbeit bereit erklärt und verkündet: „Es gibt keinen Augenblick, in dem ich nicht Deutschlands gedenke … Ich kenne keinen anderen Gedanken, und alles ist nur der.“
Er bekannte sich zu Deutschland in seinen verschiedenen Möglichkeiten: soziales Mitleid empfindend, aber auch deutschem Großmachtstreben huldigend. Gegensätze auch hier. Gerade durch seine Zwiespältigkeit wurde er für die sowjetischen Offiziere und die deutschen Antifaschisten zu einem Deutschen, der sich für viele Deutsche zur Identifikation anbot.
Am 7. April 1946 hatte ihm der sowjetische Oberst Sokolow, mit dem es zu einer freundschaftlich-vertrauensvollen Beziehung kam, mitgeteilt, dass die polnische Verwaltung die letzten Deutschen auszusiedeln gedenke und die sowjetischen Truppen sie daran nicht hindern könnten. Man werde einen Extrazug bereitstellen, um Hauptmann und seinen beweglichen Besitz nach Deutschland zu bringen. Eine Lungenentzündung verschlimmerte den Zustand des Dichters. Am 3. Juni sprach er seine letzten Worte: „Bin ich noch in meinem Haus?“
Er wurde, wie er es gewünscht hatte, in seiner Mönchskutte aufgebahrt; das „Neue Testament“, das ihn als Geschenk einer herrnhutisch orientierten Tante seit seiner Jugend begleitet hatte, hält er in den Händen, sein Kopf ruht auf dem „Großen Traum“, seiner fragmentarischen Dichtung. Als Begräbnisorte waren vorgesehen der Park am „Wiesenstein“ im Riesengebirge oder die Insel Hiddensee in der Ostsee, die Orte waren typisch für ihn: Gegensätze. Da Schlesien unmöglich geworden war, blieb Hiddensee. Auch die erwünschten Grabbeilagen entsprachen seinem Grundsatz: „Das Neue Testament“ und der „Große Traum“ deuteten an, dass sich der Dichter auf beides eingestellt hatte, auf Himmel und Hölle, auf endgültigen Tod und unendliches Weiterleben, auf „Nu, ja, ja – nu, nee, nee“.

Nu, ja, ja – nu, nee, nee“
war die Maxime von Hauptmanns Leben

Lebensstationen und Lebensbeichte Hauptmanns sind im „Großen Traum“ miteinander verbunden; auch der Begräbnisort wurde bereits genannt. Die Insel – auch eine poetische Verarbeitung Hiddensees – ist im Zentrum der Fassung von 1942, im 11. Gesang von 22, an dominierender Stelle zu finden: „Dann kam ein grauer See und ihm inmitten/die Insel, hoch gezackt von jener Stadt,/die ewigen Tod im ewigen Krieg erlitten.“ (CA IV, 1028). Es ist die „Totenstadt der Reinheit und der Gnade“ (1028), inmitten eines Tränenmeers unter einer schwarzen Sonne: Sie ist ewiger Aufenthaltsort der Verstorbenen und Endpunkt des ewigen Krieges zwischen Leben und Tod, Olymp und Hades, Paradies und Hölle. Die im „Großen Traum“ beschriebene Insel zwischen dem See und dem Meer, gekrönt von den Zacken der Burg, geprägt von der untergegangenen Kirche am Gellen, erinnert an Hiddensee. Sie ist das Ziel der Wanderung des Dichters durch Welt und Unterwelt. Mit dem „Großen Traum“ erreichte Hauptmann das angestrebte Maß Dantes und Goethes. Das „Neue Testament“ und der „Große Traum“ entsprachen Hauptmanns Charakter ein letztes Mal, seiner Unentschiedenheit, die er zu leben versucht hatte. War das „Neue Testament“ der Hinweis auf himmlische Erlösung, so war der „Große Traum“ ein durchaus heidnisch gedachtes Werk, das allein schon mit dem Verweis auf sein Vorbild Vergil den Abstieg in Höllen und zu den Müttern wagte.
„Nu, ja, ja – nu, nee, nee“ war die Maxime von Hauptmanns Leben, ausgesprochen vom Weber Ansorge im berühmtesten Werk „Die Weber“. Es war und ist auch eines seiner modernsten: Er beschrieb eine technologische Veränderung, die ein frühes Beispiel des internationalen Wirtschaftskampfes darstellt: Nicht nur die Heimweber verloren durch die Mechanisierung der Weberei in England ihre Arbeit, sondern auch die Verleger der Textilprodukte. Beide waren der internationalen Konkurrenz nicht mehr gewachsen, ein aktuell erscheinender Vorgang und ein literarisches Beispiel für frühe Globalisierung. Als dieser Vorgang zuerst nur Ökonomen ins Blickfeld geriet, schuf ein Dichter dazu bereits die bleibende Erinnerung. Deshalb wurden die „Weber“ auch so zwiespältig: Einerseits führten die Weber einen Aufstand, der, wie die Zeitgenossen wussten, vom preußischen Militär niedergeschlagen wurde, was aber im Stück nicht erschien; andererseits war der 5. Akt des Stückes Ausdruck der Hilflosigkeit, da die sozialen Widersprüche innerhalb der bestehenden Produktionsverhältnisse nicht gelöst werden konnten.
Gerhart Hauptmann gestaltete mehrfach fast prophetisch Kommendes, ob im Falle der Weber die Internationalisierung der sozialen Konflikte oder im Roman „Atlantis“ (1912) den Untergang eines Ozeandampfers, der kurz darauf durch den Untergang der „Titanic“ real wurde. Im Falle seines fragmentarischen Romans „Der neue Christophorus“ beschrieb er die Bedrohung der Menschheit durch die Atombombe. Die ersten Bomben fielen zwei Monate nach Hauptmanns Tod. Der „Große Traum“ ist geradezu eine Sammlung von infernalischen Möglichkeiten. So wurde Hauptmanns umfangreiches Werk ein unveräußerlicher Bestandteil des Gedächtnisses der deutschen Kultur und der Menschheit.
Der letzte Text, den Gerhart Hauptmann am 15. Februar 1946 diktiert hatte, wurde nicht in die Gesamtausgabe (Centenarausgabe) aufgenommen, weil er zu fragmentarisch wirke. Dabei enthielt er nichts anderes als die Beschreibung von Gegensätzlichem, das keine Entscheidung gesucht, sondern alle Möglichkeiten beansprucht hatte: „Das Große dasselbe,/das Grüne das Gelbe,/das Junge das Alte,/das Heiße das Kalte:/man nennt das/Erleben,/nennt’s Schenken und Geben./Wer gibt? Wer schenkt?/Wer folgt? Wer lenkt?/Fragt nicht:/schweigt  …“


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Leserbrief zu »Sein Ziel war nicht die Entscheidung, sondern die Möglichkeiten«, UZ vom 10. Juni 2016





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