„… dieses Sich-zuständig-Fühlen gehört zu meinem Verständnis vom Schriftsteller“

Zu Hermann Kants 90. Geburtstag am 14. Juni
Von Rüdiger Bernhardt
|    Ausgabe vom 10. Juni 2016
Hermann Kant auf dem Solidaritätsbasar der Journalisten auf dem Berliner Alexanderplatz, 2004 (Foto: Gabriele Senft)
Hermann Kant auf dem Solidaritätsbasar der Journalisten auf dem Berliner Alexanderplatz, 2004 (Foto: Gabriele Senft)

Das früheste Dokument in meiner Sammlung zu Hermann Kant, die ich anlässlich des 90. Geburtstages des Schriftsteller gesichtet habe, stammt aus dem Jahre 1964 und trägt den Titel „Romeo und Julia auf der Geisterbahn“. Kant beschreibt den Besuch zweier junger Menschen bei der Kasseler documenta III. Neben der unterhaltsamen Beschreibung einer Ausstellung, in der neben Sehenswertem ein „Masseneinsatz von Humbug und Scharlatanerie“ zu finden sei, verkündete Kant sein künstlerisches Credo, eingangs mit einer Anleihe bei Winkelmanns „edler Einfalt und stiller Größe“, später dann auf die Kantsche schlichtere Semantik gebracht, „dass die Kunst auf den Menschen zukommen müsse, aber nicht als Alp und Schreckgespenst und Lüge, sondern als der bessere Teil von ihm“.
Das hat er als Prinzip des Schreibens beizubehalten versucht, auch dann, als es für ihn nach 1990 schwerer wurde, Anerkennung zu finden. Hermann Kant wurde dem grundlegenden künstlerischen Anspruch gerecht: Kunst soll unterhalten und ästhetische Bedürfnisse befriedigen, das ist ihre vorrangige Aufgabe. Die meiste Literatur beschränkt sich auf diese Wirkung. Bedeutend wird sie, wenn eine zweite Ebene ins Spiel kommt, die für den Teil der Leser erkennbar wird, der Wissen um Kunst, das aus einem Lernprozess hervorging, einbringt, d. h. der Leser kennt Gesetzmäßigkeiten, Strukturen, Erzählsituationen usw. Dadurch findet er die zweite und entscheidende Ebene, die Literatur dauerhaft wertvoll werden lässt und auf der sie die Erinnerung einer Gesellschaft und ihrer Menschen, ihrer Geschichte und der Nation, schließlich des Weltgeschehens weitergibt.

„So muss man schreiben“
Bereits mit der Eröffnung seines ersten Romans „Die Aula“ (1965) hat Kant seine Begabung angedeutet, mit beiden Ebenen umzugehen: „Da sitzt einer über seiner Schreibmaschine, raucht zuviel, bläst Staub von den Tasten, beißt in einen Apfel und denkt an Schiller dabei …“ Unterhaltsam, fast witzig wird um Literatur gerungen. Der Leser darf annehmen, dass sich der Autor selbst beschreibt, und er erfährt, dass Schreiben ein schwieriger Prozess ist. Die Verweise auf die zweite Ebene sind deutlich, nicht immer werden sie so offenkundig von Kant mitgeteilt: Der Schreibende weiß um Schiller und seine besondere Neigung, sich durch faulende Äpfel anregen zu lassen, wodurch eine besondere Situation, eine Art Trance des Schreibens entsteht. Der wissende Leser weiß noch mehr: Er kennt Thomas Manns Erzählung „Schwere Stunde“, in der Schillers Arbeit am „Wallenstein“ und die Armee eine Rolle spielen. Aus dem unterhaltsam-witzigen Satz wird der Eintritt in die Literatur als dem Gedächtnis einer Nation.
Hermann Kant beherrschte diese Kunst und schon deshalb ist Kants erster Roman bleibende Literatur, er beschreibt sozialistische Wünsche und sozialistische Wirklichkeiten. Ausgehend von dem historischen Fakt, dass man sich nach 1961 „freigemacht hatte von dem Westen“ (Kant) – er begann den Roman am 13. August 1962 zu schreiben –, verwandelten sich Wünsche in Chancen, folgten aber auch erste Erstarrungen bei der Verwirklichung. Insofern wurde „Die Aula“ – bis heute immer wieder aufgelegt, begeisterte Leser findend und auch dramatisiert ein großer Erfolg – nicht nur ein unterhaltsames Buch über die junge DDR und ihre Wirklichkeiten, sondern auch ein Zeugnis kritischer Betrachtung dieser Wirklichkeit und als solches ein historisches literarisches Dokument von bleibendem Wert.
Die Anekdote sagt, Lotte Ulbricht habe auf eine Lesung aus dem Manuskript mit den Worten reagiert: „So wie dieser Kollege muss man schreiben!“ und sie meinte damit sicherlich den unterhaltsamen Charakter des Textes; dadurch sei der Weg für den Druck frei geworden, der durch mancherlei Widerspruch versperrt schien. Der Roman mit seinem berühmten Auftrag, die Rede zur Schließung der ABF (Arbeiter-und-Bauern-Fakultät) zu halten, wird zur Beschreibung eines solchen Widerspruchs, denn die Rede, die Auslöser für den Roman ist, wird schließlich nicht gehalten, sie wäre zu „rückwärtsgewandt“. Aber der letzte Satz des Romans lautet: „… hier wird schon noch geredet werden.“ Der Roman erfüllt diesen Satz, nimmt den Widerspruch auf und nutzt seine Spannung.
So wurden Kants Romane Zeugnisse einer neuartigen gesellschaftlichen, politischen und kulturellen Entwicklung und gleichzeitig deren kritische Wertung. Der Roman setzte auch ein anderes, für Kant typisches Gestaltungselement erstmals ein, nicht experimentell, sondern gestalterisch vollkommen. Die Fabel des Romans ließe sich im Satz von Auftrag und Zurücknahme fassen, kümmerlich für einen großen Roman; kein Leser aber spürt diese Kargheit, denn an die Stelle der linearen Romanhandlung tritt eine Abfolge von Anekdoten, Geschichten, Satiren, Rätselhaftem wie Quasi Rieks Agententätigkeit, von literarischen Montagen und parodistischen Gedichtinterpretationen – eine Abfolge vielfältiger Formen, die gemeinsam eine neue Form des Montageromans ergeben, zusammengehalten durch eine persönliche Erinnerung.

Ein Werk von ästhetischer Qualität
Hätte Hermann Kant nur diesen Roman geschrieben, hätte er, weil er Unterhaltung bringt und auch Teil des nationalen Gedächtnisses ist, Bedeutendes geleistet.
Aber Hermann Kant hat ein umfangreicheres und vielfältiges erzählerisches Werk geschaffen. Im Roman „Das Impressum“ (1972) setzte er sein Verfahren erneut ein. Wieder weist der erste Satz „Ich will aber nicht Minister werden!“ auf die beiden Ebenen hin, auf die der Unterhaltung – fast trivialer Einsatz, dass jemand nicht Minister werden will – und auf die des nationalen Gedächtnisses, denn der Satz variiert den ersten Satz von Max Frischs Roman „Stiller“ (1954). Ging es in der „Aula“ um Bildung in der neuen Gesellschaft, so geht es im „Impressum“ – der Vorabdruck in der Zeitschrift „Forum“ wurde aus fadenscheinigen Gründen abgebrochen – um das Individuum in dieser Gesellschaft und seine Verantwortung („Vor allem will ich nicht [Minister werden. R. B.]“). An die Stelle der Anekdoten traten Episoden, Legenden wie die „Ludwig Renns, der von Golßenau“, über die „Dünnen“ und den einen „Dicken“ unter seinen Ahnen, wie die von der schwedischen Wunderwaffe des Gustav Adolf und Geschichten „beinah wie ein gemütliches Märchen“.
Sucht man für diese Werke Kants einen Hausgott, findet man ihn in Heinrich Heine, der nicht nur Mottos zu den Romanen gab und dessen Ironie von Kant auf ein neues Niveau gehoben wurde, sondern der auch Kants Leitbild des Deutschen ist, „ein Deutscher wie Heine“. Scharfes Denken und zugespitzte Sprachbilder zeichnete beide aus. Als Kriegsgefangener und fälschlich begangener Verbrechen bezichtigt – das war das Thema seines Romans Der Aufenthalt (1977), den Kant für seinen besten hält – erlebte er zwei polnisch-jüdische Lehrerinnen, mit denen „hätten wir von morgens bis abends Heine“ deklamieren können; sie hatten den Auftrag, aus den Wehrmachtsangehörigen anständige Menschen zu machen (Hermann Kant. Die Sache und die Sachen). Anständige Menschen durch Heinrich Heine und in seiner Nachfolge durch Kant.

Feindbild
Wenn bisher auf das literarische Werk eingegangen wurde, nicht auf Kants politisches Wirken und den unwürdigen Streit, der nach 1989 um ihn ausbrach, dann deshalb, weil dieses Werk unabhängig von allen Bewertungen in der Bibliothek der deutschen Nationalliteratur bleiben wird und in der Abteilung sozialistische deutsche Nationalliteratur einen bedeutenden Platz einnimmt. Allein von der „Aula“ gibt es 41 verschiedene Ausgaben; „erhobenen Hauptes“ (Kant) verweist der sein Leben überschauende Schriftsteller auf „ein Regal – ein Meter breit mit acht Etagen“, in dem sich seine Veröffentlichen sammeln. Es hat sich bei vielen Lesern seiner Werke die Vernunft und allgemeine Erkenntnis durchgesetzt, dass ein literarisches Werk ohne die Biografie des Autors von Dauer ist, ästhetische Qualität und persönliche Vorbehalte gegen den Autor nichts miteinander zu tun haben. Von dieser Warte aus wird auch seine gesamte Arbeit – als Präsident des Schriftstellerverbandes der DDR von 1978 bis 1989 – ortbar, ohne einseitig zu erscheinen. So wie er als Schriftsteller eine eigene Methode entwickelt und vervollkommnet hat, so hat er seinen Eigensinn auch auf anderen Feldern durchgesetzt. Er hat pragmatisch Entscheidungen getroffen und parallel dazu literarisch Gültiges vor Verdikten bewahrt. Er hat sich dagegen gewehrt, Literatur auf agitatorische Wirkung zu reduzieren, er hat die Qualität des Literarischen hochgehalten und nicht um billiger tagespolitischer Wirkung Belangloses begrüßt, er hat auch politisch Andersdenkenden zur Wirkung als Schriftsteller verholfen. In seiner Autobiografie „Abspann“ ist davon zu lesen; kritisch geht er mit sich selbst um.
Man hat ihm vorgeworfen – so Irene Tüngler in der „Wochenpost“ Nr. 35/1991 –, er sei 1979 Kompromisse eingegangen, die „die Integrität seiner Person beschädigen“ mussten, auf jener Sitzung der Berliner Bezirksorganisation des Schriftstellerverbandes, auf der Schriftsteller aus dem Verband ausgeschlossen wurden. Aber es ging Kant um den Erhalt des Verbandes; den Ausgeschlossenen half er bei der Verbreitung ihrer Werke nachhaltig. Und wieso klagt man Kompromisse an, ohne die Politik nicht mehr existieren würde?

Kritische Selbstbetrachtung
Kant hatte darunter zu leiden, dass man auf den Einen projizierte, was als politische Entwicklung von vielen verantwortet wurde. Man hat ihm Fehler angelastet, die er nicht beging und ohne dabei Geleistetes anzuerkennen. Es hat seine Kritiker verstört, dass er selbstkritisch sein politisches Wirken betrachtete, aber nicht zu Kreuze kroch. Im ausführlichen Gespräch mit Irmtraud Gutschke („Hermann Kant. Die Sache und die Sachen“, 2007) ist es nachzulesen. Es ist bestätigt worden: Linde Salber veröffentlichte 2013 ihre Biografie „Hermann Kant. Nicht ohne Utopie“, die frei von Voreingenommenheit Mensch und Werk beschrieb und beurteilte. Dabei nutzte die Verfasserin drei Prinzipien: Sie erforschte Fakten selbst und vorurteilsfrei, das verschaffte ihr Objektivität. Sie zeigte großen Respekt vor dem literarischen Werk und nahm es ernst, konsequent unterscheidend zwischen literarischem und funktions- und berufsbedingtem Material, bleibenden und vergänglichen Dokumenten. Schließlich war sie loyal, dadurch konnte sie einen Menschen beschreiben, der sich der Idee verpflichtet sah, „gegen Gefahren eines wiederkehrenden Faschismus seinen Traum und Entwurf vom Sozialismus“ (Salber) zu stellen. Damit wurde diese Biografie Kants Leben ebenso gerecht wie sie die Aktualität des Werkes benannte.
Hermann Kant hat mit zunehmenden Alter sein Leben kritisch gesehen, manche Entscheidungen als vorschnell bewertet, ohne am Grundsätzlichen zu korrigieren; so konnte er und kann er seinen Vorstellungen, die teils Utopien waren, treu bleiben, auch wenn er von vielen Seiten angegriffen wurde. Dass er seine Entscheidungen konzentriert verfolgte und kritisch in ihrer Umsetzung begleitete, machte ihn ebenso zu einer herausragenden Gestalt des literarischen Lebens der DDR wie auch zum Feindbild des bürgerlichen Feuilletons. Ihm zum 90. Geburtstag zu gratulieren ist herzliches Bedürfnis.


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Leserbrief zu »„… dieses Sich-zuständig-Fühlen gehört zu meinem Verständnis vom Schriftsteller“«, UZ vom 10. Juni 2016





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