„Der Kapitalismus trägt den Krieg in sich wie die Wolke den Regen“

Zum Verhältnis von Friedenskampf und Kampf um Sozialismus (Teil II)
Von Hermann Kopp
|    Ausgabe vom 27. Mai 2016
Jean Jaurès (Foto: public domain)
Jean Jaurès (Foto: public domain)

Große Teile der Arbeiterbewegung standen aber damals bürgerlichen Friedenskräften noch lange distanziert gegenüber. Auch und gerade galt das für viele aus ihrem revolutionären Flügel.

Arbeiterbewegung und bürgerliche Friedenskräfte
Von der Distanz zeugt, um nur ein Beispiel zu nennen, Rosa Luxemburgs Aufsatz „Friedensutopien“, der im Mai 1911 veröffentlicht wurde. „Unsere Aufgabe“, schrieb sie dort, bestehe „in erster Linie darin, … den prinzipiellen Unterschied zwischen der Stellung der Sozialdemokratie und derjenigen der bürgerlichen Friedensschwärmer scharf und klar herauszuarbeiten … Die Sozialdemokratie kann … ihren Beruf nur darin erblicken, die bürgerlichen Anläufe zur Eindämmung des Militarismus als jämmerliche Halbheiten, die Äußerungen in diesem Sinne, namentlich aus Regierungskreisen, als diplomatisches Schattenspiel zu entlarven und dem bürgerlichen Wort und Schein die rücksichtslose Analyse der kapitalistischen Wirklichkeit entgegenzustellen.“
Verständlicher wird Luxemburgs Position, wenn man berücksichtigt, dass sie sich im selben Artikel, und völlig zu Recht, vehement gegen die in der Tat illusionäre – von ihr wie von Lenin bekämpfte – Vorstellung wenden musste, eine Vorstellung Georg Ledebours und Karl Kautskys, „die Herstellung der Vereinigten Staaten von Europa“ würde „das Gespenst des Krieges für immer bannen“.
Und wie wir wissen, haben sich solche Illusionen ja keineswegs erledigt! Schließlich ist es noch keine vier Jahre her, dass dem imperialistischen Kon­strukt Europäische Union der Friedensnobelpreis verliehen wurde; und erst im letzten Jahr wurde, hier in Bern!, den Teilnehmern einer sozialdemokratisch dominierten Konferenz zu 100 Jahre Zimmerwald ein Dokument vorgelegt, in dem behauptet wird: „Die europäische Integration – die große Antwort der Demokratie und des Friedens auf eine Geschichte von Krieg und Gewalt – hat unserem Kontinent eine beispiellose Periode des Friedens und des Wohlstands gebracht.“ Es wurde eingebracht von der Robert-Grimm-Gesellschaft und wird, wie ich dieser Tage las, unterstützt von der SP Schweiz, von Frauen für den Frieden Schweiz, vom Schweizerischen Friedensrat und von Women’s International League for Peace and Freedom (WILPF) Schweiz. Sie alle haben also nicht nur über die Kriege, an denen das „friedliche“ EU-Europa inzwischen weltweit beteiligt ist, großzügig hinweggesehen; sie haben also nicht nur die Ukraine offenbar nach Asien verlegt; sie alle haben anscheinend sogar den völkerrechtswidrigen Krieg gegen Jugoslawien schlichtweg „vergessen“.
Doch zurück zu der Zeit vor 100 Jahren. In ihrer Ablehnung der „bürgerlichen Friedensschwärmer“ und von deren „Halbheiten“ waren sich Lenin und Luxemburg völlig einig. Beide kämpften leidenschaftlich gegen die Kriegsgefahr, beide haben immer wieder die „Greuel, Bestialitäten, Leiden und Qualen, die mit jedem Krieg unvermeidlich verknüpft sind“ (Lenin 1915) angeprangert; aber trotz Engels’ Warnung von 1887 haben sie, und hat wohl kaum einer der führenden Sozialisten ihrer Zeit, mit einem derart grausamen und langdauernden Krieg ernsthaft gerechnet, wie es der 1. Weltkrieg dann wurde.
Noch im Januar 1913 schrieb Lenin aus Wien an Gorki: „Ein Krieg zwischen Österreich und Russland könnte für die Revolution in Europa sehr nützlich sein; nur lässt sich schwer vorstellen, dass Franz Joseph und Zar Nikolaus uns diesen Gefallen (!) tun wollen.“
Auch Lenin hielt also noch anderthalb Jahre vor dem Beginn des 1. Weltkriegs einen großen Krieg für eher unwahrscheinlich; und sein erster Gedanke galt der Hoffnung auf Revolution im Ergebnis eines solchen Krieges, weniger der Kriegsverhinderung. (Sein großer Gegenspieler Martow von den Menschewiki, genauer gesagt von deren linkem Flügel, den es ja auch gab, meinte über Lenin: er denke 24 Stunden am Tag an die Revolution.)
Dabei war es gerade die äußerste Linke der 2. Internationale um Luxemburg und Lenin, die schon in Stuttgart 1907 realistische Vorschläge zur Kriegsverhinderung bzw. zur schnellen Beendigung eines nicht zu verhindernden Krieges gemacht hatte; die nämlich den Generalstreik im Fall eines Krieges forderte, während die Revisionisten und das Zentrum gerne im Vagen blieben, was die Mittel zur Kriegsverhinderung bzw. -beendigung angeht.

Noch einmal kurz zu „Kiental“. Die Entschließungen von Kiental trugen Kompromisscharakter: Der österreichische marxistische Historiker Hans Hautmann hat jüngst in seinem Artikel „Kiental 1916 und Österreich“ sehr plastisch und eindrucksvoll die heftigen Auseinandersetzungen dargestellt, die der endgültigen Formulierung vorausgingen. Die Differenzen, die bei der Diskussion über die Beschlüsse von Kiental zu Tage traten, waren natürlich durch die Kompromissformulierungen nicht erledigt. Die Mehrheit der Konferenzteilnehmer wollte weder der bolschewistischen Orientierung auf Umwandlung des Kriegs in den Bürgerkrieg folgen, noch war sie zum vollständigen und endgültigen Bruch mit der 2. Internationale bereit.
Aber nicht nur deshalb verbietet es sich, die Vorstellungen, die in Kiental formuliert wurden, quasi unhinterfragt zu denen der Kommunisten von heute zu machen. In der Friedensresolution von Kiental findet sich auch ein Passus wie der folgende: „Die Pazifisten (damit waren bürgerliche und sozialistische Pazifisten gleichermaßen gemeint – HK) wecken an Stelle alter Illusionen neue und versuchen, das Proletariat in den Dienst dieser Illusionen zu stellen, die letzten Endes nur der Irreführung der Massen, der Ablenkung vom revolutionären Klassenkampf dienen und das Spiel der Durchhaltepolitik im Kriege begünstigen.“
Ich habe meine leisen Zweifel, ob man nicht sagen muss, dass diese Position – die ja der Rosa Luxemburgs entspricht, die ich vorher zitiert habe –, nicht schon damals sowohl den Sinn und die Berechtigung von Übergangsforderungen (= „Halbheiten“, nannte dies Rosa) als auch die Notwendigkeit eines breiten Bündnisses unterschätzt hat. Natürlich ist es einfach, im Nachhinein klüger zu sein.
Zur Erinnerung: Der erste große internationale Antikriegskongress während des 1. Weltkriegs war der Frauenfriedenskongress, der Ende April 1915 im holländischen Haag stattfand – mit über 1 100 Teilnehmerinnen aus zwölf, darunter auch kriegführenden, Nationen. Aus diesem Kongress ging bekanntlich die heute noch existierende „Internationale Frauenliga für Frieden und Freiheit“ hervor. (Deren Schweizer Sektion, ich habe es vorher erwähnt, die EU letztes Jahr als Friedensmacht mitbejubelt hat – aber wir sollten sie schließlich nicht allein anhand solcher Fehlleistungen beurteilen.) In ihren Entschließungen riefen die im Haag versammelten Frauen die Kriegsparteien und neutralen Staaten dazu auf, zu einem gerechten Verhandlungsfrieden zu kommen, territoriale Eroberungen nicht anzuerkennen und bei Gebietsübertragungen den Willen der dort lebenden Bevölkerung zu berücksichtigen. Sie forderten die Einrichtung eines internationalen Gerichtshofs und einer internationalen „Vereinigung der Nationen“, zur Schlichtung politischer wie wirtschaftlicher Konflikte. Sie riefen nach allgemeiner Abrüstung, transparenter Außenpolitik und einer strikten Kontrolle des Waffenhandels.
Zweifellos alles „nur“ Übergangsforderungen, „Halbheiten“, die keineswegs einen dauerhaften Frieden hätten sichern können, wie ihn die Friedensresolution von Kiental anstrebte – aber wäre selbst ein noch so fragiler „imperialistischer Frieden“, um eine kritische Formulierung Lenins aufzugreifen, nicht dem imperialistischen Kriege mit seinen Millionen Toten, und Abermillionen Verwundeter und körperlich wie geistig Verkrüppelter vorzuziehen gewesen?
Schwer zu sagen, ob ein Bündnis mit diesen Frauen und anderen bürgerlichen Kräften, die nicht, wie die meisten damaligen Pazifisten, bei Kriegsbeginn sofort ins Lager der Vaterlandsverteidiger wechselten, eine Chance gehabt hätte.
Dass wir Kommunisten uns heute um die Zusammenführung aller Friedenskräfte, unabhängig von ihren weltanschaulichen Positionen und ihrer sozialen Zugehörigkeit, zu bemühen haben, steht für mich außer Frage.
Dass dies eine schwierige Aufgabe ist, dass dies erfordert, ideologische Festigkeit und Klarheit zu verbinden mit viel Geduld, mit der Bereitschaft zuzuhören, die Argumente und auch die Gefühle der „andern“ wahr- und ernstzunehmen, weiß jeder, der sich in der Friedensbewegung engagiert.

Das Prinzip der friedlichen Koexistenz
Übrigens verabschiedete sich auch Lenin schon bald nach Ende des 1. Weltkriegs von einem quasi „fundamentalistischen“ Herangehen an das Verhältnis von Sozialismus und Friedenskampf, wenn er die Konzeption der „friedlichen Koexistenz“ von Staaten unterschiedlicher Gesellschaftsordnung entwickelte. Sie trug im Vertrag von Rapallo vom April 1922, dem Vertrag Sowjetrusslands mit der kapitalistischen Weimarer Republik, ihre ersten Früchte.
Und sie war letzten Endes auch Voraussetzung der Anti-Hitler-Koalition, des zeitweiligen Bündnisses der Sowjetunion mit einigen imperialistischen Staaten gegen die Achsenmächte unter Führung der aggressivsten imperialistischen Macht, des Hitlerfaschismus.
Im August 1945 führten dann die US-amerikanischen Atombombenabwürfe über Hiroshima und Nagasaki allen Klardenkenden vor Augen, dass die Selbstvernichtung der Menschheit zur realen Möglichkeit geworden war. Als eine vorerst theoretische hatte sie bereits Karl Liebknecht in seiner 1907 erschienenen Schrift „Militarismus und Antimilitarismus“ gesehen: „Und in der Tat können wir damit rechnen, dass, wenn auch in einer fernen Zukunft, die Technik, die leichte Beherrschung der gewaltigsten Naturkräfte durch den Menschen, eine Stufe erreichen wird, die eine Anwendung der Mordtechnik überhaupt unmöglich macht, weil sie Selbstvernichtung des Menschengeschlechts bedeuten würde …“
Allen Klardenkenden musste das bewusst sein. Etliche Militärs und Politiker des imperialistischen Lagers und ihre Ideologen gehören nicht in diese Kategorie. (Sowohl beim Koreakrieg als auch beim Vietnamkrieg wurde von den USA der Einsatz von Nuklearwaffen ernsthaft erwogen. Glücklicherweise hatte schon 1949 auch die Sowjetunion die Atombombe … – Und nicht zu vergessen: Bis heute sieht die Nato-Doktrin den Ersteinsatz von Atomwaffen vor!) Der Stockholmer Appell vom März 1950 zur Ächtung der Atomwaffen und vor allem ihres Ersteinsatzes, von vielen Nicht-Kommunisten wie Albert Einstein getragen und unterzeichnet, war ein Ergebnis dieser Einsicht. Verbreitet wurde er, jedenfalls in der BRD, vor allem von Kommunistinnen und Kommunisten, die dafür zahlreichen staatlichen Repressionen ausgesetzt waren.
1960 hat dann auch eine „Beratung der kommunistischen und Arbeiterparteien“ die Erhaltung des Friedens zum „brennendsten Problem unserer Zeit“ erklärt. Das war nicht irgendeine Zusammenkunft; sondern es war eines der großen Treffen fast aller kommunistischer Parteien, die seit den 1950er Jahren alle paar Jahre stattfanden und in gewisser Hinsicht die Weltkongresse der 1943 aufgelösten Kommunistischen Internationale ersetzt haben. Spätestens seither sehen das – lassen wir die eine oder andere sich als kommunistisch bezeichnende Sekte beiseite – alle Kommunisten so.
Seither ist allerdings über ein halbes Jahrhundert vergangen. Und seit einem Vierteljahrhundert existiert kein Warschauer Vertrag, kein sozialistisches Lager mehr; nicht wenige unserer bürgerlichen Friedensfreunde glaubten, dass mit dem Ende des Systemkonflikts eine „Friedensdividende“ fällig, zumindest die Gefahr eines – angesichts der Atombombe noch weit verheerenderen – dritten Weltkriegs gebannt sei. Doch vergessen wir nicht: Weder der 1. noch der 2. Weltkrieg, der bereits fünfmal soviele Opfer gefordert hat wie der erste, war Resultat eines Systemkonflikts oder, um einen seit den 1970er Jahren gängigen Begriff aufzugreifen, eines Konflikts zwischen antagonistischen „Supermächten“. Beide Kriege wurden von imperialistischen Mächten um imperialistischer Ziele willen vom Zaun gebrochen und mit den damals modernsten, tödlichsten Waffen geführt. Die Existenz und militärische Stärke der Sowjetunion und des sozialistischen Lagers – was immer man von den inneren Verhältnissen der dazu zählenden Länder halten mag – setzte dem Expansionsstreben der imperialistischen Mächte Grenzen, war vor allem die wichtigste Voraussetzung für den Erfolg des Entkolonialisierungsprozesses nach Ende des 2. Weltkriegs.

Der jetzt wieder rückgängig gemacht wird: Wir erleben derzeit eine Re-Kolonialisierung und eine Kolonialisierung selbst von Ländern, die noch nie Kolonien waren: mit politischen und ökonomischen Mitteln, wo möglich (das keineswegs dramatischste, aber derzeit bekannteste Beispiel ist Griechenland) – mit militärischen, wo nötig, und immer häufiger nötig. Auch mit Waffen unterhalb der Atombombe machen „wir“, machen die USA und die Nato mit ihren gefügigen Hilfstruppen heute ganze Länder ungestraft dem Erdboden gleich, wie das Beispiel Syrien, wie das Beispiel Libyen, wie das Beispiel Irak, wie das Beispiel Afghanistan zeigt.
Gewiss: Ohne dass gleich die Welt untergeht! Immerhin hat der Ukrainekonflikt – er wurde von den USA laut eigenem Bekunden mit der bescheidenen Summe von 5 Milliarden Dollar gesponsert – auch der deutschen Bevölkerung gezeigt, dass nicht nur „weit, hinten in der Türkei, die Völker aufeinanderschlagen“; dass der Krieg uns näher rückt. Was der Grund war, warum die „Montagsmahnwachen“ in Deutschland eine Zeitlang so großen Zulauf erhielten. Derzeit köchelt dieser Konflikt auf Sparflamme, und so „segnet“ der Bürger, um noch einmal Goethes „Faust“ zu zitieren, auch bei uns wieder „Fried’ und Friedenszeiten“.
Aber: Auch das heute wieder kapitalistische Russland verfügt über Atomwaffen, und über Atomwaffen verfügt auch die Volksrepublik China, über deren sozialen Charakter sich die marxistischen Gelehrten sicher noch lange streiten werden, in der jedenfalls die USA heute ihren gefährlichsten Konkurrenten sehen.
Vor diesem Hintergrund können eigentlich nur Traumtänzer die Gefahr eines dritten, alles vernichtenden Weltkriegs ausschließen.
Denn, um zu unserem Ausgang zurückzukehren: „Immer trägt diese gewalttätige und chaotische Gesellschaft in sich den Krieg. Und es gibt nur ein Mittel, den Krieg zwischen den Völkern abzuschaffen, nämlich Schluss zu machen mit dem ökonomischen Krieg – der in den allgemeinen Kampf auf den Schlachtfeldern mündet“. Erst „mit dem Gegensatz der Klassen im Innern der Nation [nämlich] fällt die feindliche Stellung der Nationen gegeneinander.“ (Jaurès)
Dass dies heute noch richtig ist, davon bin ich, davon sind, vermute ich, wir alle überzeugt. Damit diese Überzeugung zur „materiellen Gewalt“ wird, muss sie aber „die Massen ergreifen“ – und das geht nur, wenn wir gemeinsam mit diesen „Massen“, zunächst: mit unseren nichtmarxistischen Friedensfreunden, für Übergangsforderungen, für das Nächstliegende kämpfen.
Im Kampf für dieses Nächstliegende werden sie auf Widerstände stoßen, die auch ihnen zeigen können: Ein „dauerhafter Friede“ wird ohne eine Überwindung der Klassengesellschaft, ohne Sozialismus nicht möglich sein.

(Teil I erschien in der UZ vom 20. Mai.
Aus einem Referat auf einer Veranstaltung der Partei der Arbeit der Schweiz am 30. April 2016)


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Leserbrief zu »„Der Kapitalismus trägt den Krieg in sich wie die Wolke den Regen“«, UZ vom 27. Mai 2016





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