Sein Deutschland war ein anderes

Zu Johannes R. Bechers 125. Geburtstag
Von Rüdiger Bernhardt
|    Ausgabe vom 27. Mai 2016
Johannes R.Becher 1951 im Gespräch mit Jungen Pionieren im Zeltlager der Pionierrepublik „Ernst Thälmann“in der Wuhlheide. (Foto: Bundesarchiv Bild 183-M0213–0306)
Johannes R.Becher 1951 im Gespräch mit Jungen Pionieren im Zeltlager der Pionierrepublik „Ernst Thälmann“in der Wuhlheide. (Foto: Bundesarchiv Bild 183-M0213–0306)

Es ist still geworden um Johannes R. Becher, dessen Texte in der DDR in den Schulbüchern standen und der nichts Geringeres sein sollte als der höchste Repräsentant sozialistischer deutscher Literatur. In seinem Schritt der Jahrhundertmitte (1958) sah er sich selbst kritisch und weniger repräsentativ als Dichter, der von der Gemeinschaft mitgenommen werde. Bereits vor 1989 standen sich jedoch ein offizielles Bild vom Dichter und Minister und ein widersprüchliches Bild eines Poeten, der neben offiziellen Hymnen – auch Goethe schrieb solche für seine herzogliche Familie – ergreifende Gedichte über Heimat, Vaterland und Deutschland geschrieben hatte.
Bechers lebenslange Konflikte kann man ermessen, wenn man Begriffen wie „Leid“ und „Angst“ in seinem Werk folgt. Da fällt jeder Ikonencharakter, wie ihn bürgerliche Literaturwissenschaftler propagierten, in sich zusammen: Becher war seit seiner Jugend ein Mensch, der Konflikte durchlebte und diese in Dichtung umsetzte. Dichtung bewahrte ihn selbst vor dem Tod und gab ihm Hoffnung.
Seine Konflikte betrachtete er nie als persönliche, sondern sah sie immer im Zusammenhang mit seiner Heimat, seinem Deutschland. Auch diesen Begriffen kann man mühelos im Gesamtwerk folgen. Bereits in der frühen Kleist-Hymne „Der Ringende“, Bechers erster Veröffentlichung 1911, zum 100. Todestag Kleists, stehen sich Schutz und Bedrohung gegenüber, nicht nur Kleist meinend, sondern auch ein Zeitgefühl vor dem Ersten Weltkrieg: „Mein dunkel Haus im Geheul wuchtscharfer Donner stand,/In der Nacht, da ein finsterer Wüterich seine blutnarbige Hand/Um dich blaues Land, mein deutsches Vaterland,/Schloss …“.
Sein Deutschland war ein bedrohtes Land, das es vor allem vor den Deutschen selbst, vor dem wilhelminischen Kleinbürger ebenso wie vor dem nationalsozialistischen Verbrecher, zu retten und dem es eine Zukunft zu schaffen galt. Sein Deutschland war kein nationalistischer Wunsch, sondern ein fragiles Gebilde: „Heimat, meine Trauer,/Land im Dämmerschein -/Himmel, du mein blauer,/Du, mein Fröhlichsein“. In der Sammlung „Neue deutsche Volkslieder“ (1950) trug dieses schöne Gedicht den Titel „Deutschland“. „Deutschland“ stand auch in einer anderen Fassung der beiden ersten Verse für „Heimat“: „Deutschland, meine Trauer,/Trümmer Wüstenein“.
Während nach dem Herbst 1989 das Bild des sozialistischen Nationaldichters von den „Bürgerrechtlern“ und neuen Wortführern in Politik und Kultur nicht kritisch gewertet – was wie bei allen Dichtern nötig ist –, sondern rabiat zerstört und Becher zum „allertotesten der toten Dichter“ gemacht wurde, wie Bechers klug wägender Biograf Jens-Fietje Dwars feststellte, zogen die gleichen „friedlichen Revolutionäre“, die ihn verdammten, mit den Worten „Deutschland einig Vaterland“ durch die Straßen, ohne zu wissen, dass sie damit Becher zitierten. Es war nicht nur ein Zitat Bechers aus der Nationalhymne der DDR, sondern es war die Metapher für den Lebenswunsch des Dichters. Dass die Hymne in der DDR später meist nicht mehr gesungen, sondern nur gespielt wurde, hing mit diesem Deutschlandbild zusammen, das bis in die fünfziger Jahre hinein zu den Hoffnungen des jungen Staates gehörte, aber mehr und mehr durch Aggression, Hass und unsägliche staatlich sanktionierte Angriffe von westlicher Seite zur Illusion geriet. Erst heute, wenn die sich brüstenden „Zeitzeugen“ zu Wort kommen, wird erkennbar, wie gezielt und planmäßig eine Armee von Fluchthelfern, Abwerbern und „Kritikern“ an der Vernichtung der DDR arbeiteten, um ihr „Deutschland den Deutschen“ durchzusetzen.
Bechers „Der Ringende“ stammt aus seinen expressionistischen Anfängen. Bereits dort finden sich Bechers Ansichten zu Deutschland und Heimat, die er bis ins Spätwerk modifizierte, nicht grundsätzlich änderte. Wie wichtig ihm der expressionistische Beginn war, wird darin deutlich, dass er kurz vor seinem Tod mit Erich Arendt über eine Sammlung „Dichter des Expressionismus“ sprach, die 1958, fünfzig Jahre nach der „Menschheitsdämmerung“, erscheinen sollte. Arendt legte eine Liste mit 97 Namen von Kurt Adler bis zu Paul Zech vor, die Becher allerdings für zu umfangreich und auch durch unbedeutende Dichter belastet hielt; die Anthologie kam nicht zustande. Es ist eines von vielen Beispielen, dass Becher sich bemühte, für seine Vorstellungen von Deutschland ein breites Bündnis unterschiedlicher Denker und Autoren zu gewinnen. Das Beispiel Gerhart Hauptmann ist bekannt (s. UZ vom 10.10.2008 zu Bechers 50. Todestag): Obwohl Becher als Dichter Hauptmann kritisch sah („Er ruhe in Frieden, den er mit den herrschenden Mächten geschlossen“), setzte er auf ihn als Verbündeten bei der Gründung des Kulturbundes, weil er in ihm eine Person sah, die verirrte Deutsche für das andere Deutschland gewinnen könnte, nachdem das „Deutschland den Deutschen“, mit dem auch Bürgerrechtler von 1989 nun 2015/16 auf die Straße gehen, nicht nur verheerendes Unheil über die Welt gebracht hatte, sondern auch in selbst verschuldeten Trümmern lag. In seinem Sonett „Vom Sinn der Niederlage“ (1946) hoffte er: „So reift aus unserm Leiden eine Frucht./So können im Zusammenbruch wir siegen“. Dass Becher sich in dieser Zeit in seiner Dichtung vor allem des Sonetts bedient, ist ein Zeichen dafür, wie er das geistige Chaos, das ihn umgab, durch ein strenges Ordnungssystem überwinden wollte, „als Rettung vor dem Chaos – das Sonett“. Bechers Deutschland ist friedlich und tolerant, sozial im Aufbruch, „alte Not gilt es zu zwingen“, ein offenes Deutschland der Traditionen und der Kultur, der Kunst und der Sprache. Unter diesen Aspekten wurde ihm auch Thomas Mann zu einem Verbündeten: Sein Besuch in Weimar zur Verleihung des Goethe-Nationalpreises 1949 veranlasste Becher zum Sonett „Thomas Mann“, in dem er sich mit ihm – „Deutschlands Ruhm und Ehre: Thomas Mann“ – einig sah in der Zugehörigkeit zu Deutschland, bestehend durch „der Sprache Heiligtum“. Arendt, Thomas Mann und J. R. Becher erlebten als Deutsche ein gemeinsames Schicksal als Flüchtlinge und hielten dadurch an ihrem Deutschland fest.
Wer diese Vorstellungen von einem deutschen Vaterland aufgibt, begibt sich in die unselige Tradition nationalistischer Aggressivität. Wer Bechers Dichtung und Denken generell verteufelt, macht sich objektiv zum Fürsprecher dieser Aggressivität.


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Leserbrief zu »Sein Deutschland war ein anderes«, UZ vom 27. Mai 2016





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