Außenseiterklub wird englischer Fußballmeister

… aber auch hinter Leicester City steht ein Milliardär
Von Klaus Huhn
|    Ausgabe vom 13. Mai 2016
 (Foto: Pioeb / pl.wikipedia.org / CC BY-SA 4.0)
(Foto: Pioeb / pl.wikipedia.org / CC BY-SA 4.0)

Vor sechs Jahren hatte sich der Wirtschaftsredakteur der FAZ mit dem Geschäft im Sport befasst und geschrieben: „Es ist wieder ein Sommer der Kauflust. Erst erwirbt ein Mitglied der Herrscherfamilie des kleinen Emirats Katar den spanischen Fußball-Erstligaklub FC Malaga für 25 Millionen Euro. Dann vermeldet der niederländische Ehrendivisionär Vitesse Arnheim, fortan einem reichen Georgier zu gehören. (…) Der Russe, in der Forbes-Liste der reichsten Menschen mit einem Vermögen von angeblich mehr als elf Milliarden Dollar, symbolisiert als Eigentümer des FC Chelsea auf eindrucksvolle Weise einen Trend im globalen Sport, in dem nicht mehr nur Verbände und Vereine und eine alte Traditionskultur Einfluss haben. Eine neue Sportwelt ist entstanden (…) Sport als Teil der Unterhaltungsindustrie gewinnt immer mehr an Bedeutung. Noch mehr gilt dies für den Fußball. Von dieser neuen Kraft fühlen sich viele Menschen angezogen. Auch die Superreichen, die sich den Glamour des Sports und die Aufmerksamkeit mit spektakulären Beteiligungen kaufen. Das jeweilige Ego ist bei solchen Deals nicht zu unterschätzen‘, sagt Philipp Grothe. Der Mitbegründer der Vermarktungsagentur Kentaro mit Hauptsitz in London erhält schon mal Anfragen aus sehr wohlhabenden Kreisen, die Übernahme eines Fußballklubs zu vermitteln.“

Der Autor wollte seinen Lesern einreden, dass sich schon immer die Reichen für den Sport interessiert hätten und das Wettgeschäft dieses Interesse befördert hätte. Nun ist mit Leicester City eine Mannschaft britischer Meister geworden – und hat Clubs wie Manchester, Chelsea und Arsenal hinter sich gelassen – und die Medien nennen es einen „Außenseiter-Sieg“. Kein Zweifel, dass Trainer Claudio Raniera mit nur 23 Spielern ein kleines Wunder vollbrachte – an den Wettschaltern kassierten diejenigen, die ein britisches Pfund zu Beginn der Saison auf Leicester gesetzt hatten, 5 000 Pfund – aber im Hintergrund stand der thailändische Milliardär Vicha Srivaddhanaprabha, dessen Sohn Vizepräsident von Leicester ist.

Indes: Die Milliardäre verschenken nicht nur Rubel oder Dollar, sie versuchen auch Geld zu „machen“. Weltweit. Und werden zuweilen auch erwischt: Die portugiesische Polizei hatte eine russische Mafiabande verhaftet, die im Verdacht steht, mehrere finanziell angeschlagene Fußballklubs aufgekauft und zur Geldwäsche benutzt zu haben. Mehr als 70 Beamte durchsuchten vier Vereine, darunter den ehemaligen portugiesischen Erstligisten Uniao de Leiria. Laut EU-Polizeibehörde Europol stamme das „schmutzige Geld“ vornehmlich aus kriminellen Geschäften, die außerhalb Europas abgewickelt worden waren. Drei Funktionäre aus Leirlas Klubführung wurden festgenommen. Einer der drei war ein Russe. Er war Präsident des Klubs und soll früher mal ein renommierter russischer Nationalspieler gewesen sein. Sein Name: Alexander Tolstikow.

In Leicester bemühte man sogar angesichts des sensationellen Triumphs die Geschichte. Letztes Jahr hatte man unter einem Parkplatz die Gebeine des Königs Richard III. gefunden und feierlich im Dom beigesetzt. Er war 1485 in der Schlacht bei Bosworth gefallen. Einige Kirchgänger hatten den Meistertitel damit in Zusammenhang bringen wollen, aber der Dekan widersprach: „Ein außergewöhnliches Team hat außergewöhnlich gut gespielt und damit der Stadt Selbstbewusstsein gegeben.“

Übrigens ging der Titel an eine Stadt, die ihn auch moralisch verdiente. Ständig besuchen Delegationen aus Frankreich, Deutschland und Russland Leicester, um zu erfahren, wie eine Stadt funktioniert, von der man andernorts wohl nur sagen würde, dass sie ein Ausländerproblem habe. Die Stadt hat mehr indische Spezialitätenrestaurants als Bombay. In manchen Schulen werden bis zu 78 Sprachen gesprochen. Der damalige Bürgermeister Peter Soulsby versicherte, jeder sei in Leicester willkommen. Die Stadtverwaltung veröffentlicht ihre Informationen heute in sechs Sprachen.


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Leserbrief zu »Außenseiterklub wird englischer Fußballmeister«, UZ vom 13. Mai 2016





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