Das Instrument der Könige 
und der Engel

Die irische Harfenistin Dearbhla McTaggart kommt zum Pressefest
Von Hermann Glaser-Baur
|    Ausgabe vom 13. Mai 2016

Seit hunderten von Jahren ist die Harfe in vielen Teilen der Welt als das Instrument der Höfe, der Könige und des Adels bekannt. Auch Engel spielen zarte Weisen auf dem noblen Teil, wie uns religiöse Schriften und Bilder von pausbäckigen, goldgelockten geflügelten Harfenistinnen sagen.


Der wichtigste Grund, wegen dem das schwierigste aller Musikinstrumente nie in großem Stil Eingang in die Folk-Traditionen der Völker fand, ist die aufwändige und sehr teure Herstellung. Die Dudelsäcke der Hirten, die Waschbretter der Hausfrauen und Wäscherinnen, die Trommeln der Krieger und die Flöten der Bauern konnten selbst unter ärmlichsten Bedingungen angefertigt werden, die aus edlen Hölzern gefertigte und hohe Meisterschaft im Instrumentenbau erfordernde Harfe blieb für den Musiker aus dem Volk in der Regel unerschwinglich.

In Europa kennen wir nur eine Ausnahme: Irland, aber auch dort nur eine kleine Region im Nordwesten. In der Grafschaft Derry ließen sich im 17. Jahrhundert mehrere Harfenbaumeister nieder. Fasziniert von der Qualität der zur Verfügung stehenden Hölzer – sowohl Eiche als auch Esche wachsen im Nordwesten der irischen Insel besonders gut – und der selbst im kunstbegeisterten Irland außergewöhnlich hohen Dichte an Musikern in diesem Gebiet begannen sie, Harfen zu bauen, Handwerker in ihrer Kunst auszubilden und gründeten „Volks“-schulen, in denen junge Menschen aus nicht begüterten Verhältnissen das Instrument der Reichen spielen lernten. Die wohl bekannteste dieser alten Harfen ist die 1702 von Cormac O’Kelly in Ballynascrenn gebaute, die der weltberühmte blinde Harfenist Hempson im 18. Jahrhundert spielte. Die steinreiche englische Guinness-Familie kaufte später das Instrument. Heute steht es im Museum der Brauerei, sein Bild wird als Markenzeichen auf 10 Millionen Einheiten (Pints) pro Tag weltweit verkauft. Gespielt werden darf die wunderbare Harfe nicht mehr, nicht mal fotografiert.

Der Feldzug der Guinness-Barone zur Zerstörung der alten irischen Braukunst und sämtlicher dabei im Wege stehenden Klein- und Mittelbetriebe war erfolgreich – das Umfunktionieren der Harfe zum sinnentleerten kapitalistischen PR-Symbol war es nicht.

Nach wie vor werden im Nordwesten Irlands Harfen gebaut – der Instrumentenbauer Seamus O’Kane aus Dungiven reproduzierte vor drei Jahren die „Downhill Harp“ nach alten Plänen, die Guinness entgangen waren.

In dieser Enklave des einstigen „Volksinstuments Harfe“ wächst Dearbhla McTaggart auf. Sie ist die älteste von fünf Kindern. Die Tochter einer Angestellten beim Arbeitsamt und eines Maurers, der seit der Krise seine Brötchen in England zu verdienen versucht, gehört zu denen, die normalerweise nicht von Harfen träumen können.

Als sie zehn Jahre alt war, schrieb die Vereinigung zum Erhalt der irischen Sprache und Kultur einen Wettbewerb aus, bei dem die talentiertesten Bewerber eine Schulharfe (kleineres, etwas vereinfachtes Instrument) und Unterrichtsstunden bei der Harfenmeisterin Nodhlaig Brolly gewinnen konnten. Diesen Preis griff Dearbhla ab, wie sie auch seither alle traditionellen Wettbewerbe (Fleadhs) im Sturm nahm.

Das außergewöhnliche Talent blieb dem großen Musiker und Meister der Fusion verschiedener Stile, Willie Drennan, nicht verborgen – er stellte die junge Künstlerin bei mehreren Konzerten als „special guest“ einem breiten Publikum vor. Das geschah auch beim kultigen „Yard-Fest“ an der alten Flachsmühle von Marion Baur. Die Weberin und Kommunistin war begeistert und der Weg zum UZ-Pressefest von da an geebnet.

Dearbhla Mc Taggart ist eine der jüngsten Künstlerinnen, die je auf den Bühnen des Pressefests standen. Die jetzt 14-Jährige – durch große Opferbereitschaft der Eltern wurde im vergangenen Jahr eine hochwertige Konzertharfe für sie erworben – spielt traditionell irische Musik – meist Tänze – auf der Harfe. Neben mehreren Auftritten mit Willie Drennan am irischen Stand und auf den großen Pressefest-Bühnen steht sie auch für Solo-Gigs bereit.


  Leserbrief schreiben

An die UZ-Redaktion (redaktion@unsere-zeit.de):

Leserbrief zu »Das Instrument der Könige 
und der Engel«, UZ vom 13. Mai 2016





Wir bitten darum, uns kurze Leserzuschriften zuzusenden. Sie sollten unter der Länge von 1800 Zeichen bleiben. Die Redaktion behält sich außerdem vor, Leserbriefe zu kürzen und kann nicht versprechen, dass jeder Leserbrief beantwortet oder veröffentlicht wird. Anonyme Leserzuschriften werden in der Regel nicht veröffentlicht.