Der Grabstein in der Diele

Erinnerung an Adolf Bauer, von den Faschisten im Juli 1932 ermordet
Von Heinz Stehr
|    Ausgabe vom 6. Mai 2016

Wer in den letzten 30 Jahren unseren Genossen Bernd Frohböse zu Hause in Brunsbüttel besuchte, musste fast zwangsläufig am Grabstein vorbei. Neuen Besuchern musste Bernd die Geschichte des Steins erklären. Seine Inschrift lautet: „Hier ruht unser Gen. Adolf Bauer, geboren am 6. Juni 1906, am 10. Juli 1932 von Nazis ermordet. Sein Leben war nur Kampf.“ In den roten Marmor sind Hammer und Sichel eingraviert.
Wer aber war Adolf Bauer, der bereits 1932, also noch vor der Machtübertragung an Hitler, im Alter von 26 Jahren Opfer des Faschismus wurde?

Keine Drohung und kein Terror konnten ihn abhalten
In der „Arbeiter-Illustrierte-Zeitung“, Nr. 31 aus dem Jahr 1932, heißt es: „Adolf Bauer lebte in den ärmlichsten Verhältnissen. Er stammt aus Württemberg und arbeitete dort als Goldschmied. Nach langer Erwerbslosigkeit kam er nach Schleswig-Holstein und war dort in Süder-Dithmarschen als Landarbeiter tätig.
Unter schwierigsten Umständen arbeitete Bauer in dieser Nazi-Hochburg für die revolutionäre Bewegung. Er fuhr täglich 30 bis 40 Kilometer ab, um die Landarbeiter und werktätigen Bauern mit der A-I-Z und den sonstigen revolutionären Massenzeitschriften bekannt zu machen. Er war in den Landarbeiterkämpfen um höheren Lohn führend tätig, fehlte auf keiner Zwangsversteigerung gegen werktätige Bauern. Keine Exmission erwerbsloser Arbeiter wurde in der Umgebung von Marne durchgeführt, bei der nicht Adolf Bauer mit seinen Genossen auftrat. Mancher Gewaltstreich konnte durch seinen Mut, durch seine Tatkraft verhindert werden.“ Und weiter heißt es über ihn: „Unzählige Mal trat Bauer als Diskussionsredner in Naziversammlungen auf. Keine Drohung und kein Terror konnte ihn abhalten, immer wieder die Demagogie der Hitlergarden zu entlarven.“
Fotos der A-I-Z zeigen ihn als RFB-Mitglied, als radelnden Agitator, als Akteur gegen Zwangsräumungen und -versteigerungen. Adolf Bauer muss erfolgreich gewirkt haben. Der Mord an ihm war brutal geplant und wurde feige ausgeführt.
Spätere Recherchen ergaben, dass Adolf Bauer nach einer Veranstaltung in der Nacht vom 10. zum 11. Juli 1932 noch mit einer Freundin auf einer Bank sitzend gesehen wurde und gegen zwei Uhr mit dem Rad nach Hause fahren wollte. Die Nazis lauerten ihm auf und erstickten ihn im Schlamm eines Entwässerungsgrabens. Dies ergaben die Ermittlungen der Polizei und die medizinischen Untersuchungen, wie in der Marner Zeitung vom 13.7.1932 mitgeteilt wurde. Es wurden 1 000 Reichsmark Belohnung für die Aufklärung der Mordtat geboten.
Die Täter wurden niemals gefasst, obwohl die möglichen Tatbeteiligten bereits vorher ihre Tat angekündigt hatten. Dies war auch Gegenstand eines Berichtes in der Marner Zeitung vom 21.7.1932: „Bauer ist zuletzt am 10. Juli gegen 1 Uhr 30 Min. morgens in Marne gesehen worden und wollte sich nach Hause begeben. Er hatte dort in Ortsbereich Westerdeich mit einem Mädchen auf einer Bank gesessen. Nach dessen Bekundungen sind kurz nach Mitternacht zwei Radfahrer in Uniform der N. S. D. A.P. an ihnen vorbei gekommen, die in nur 5 Meter Entfernung abstiegen und sich 5 Minuten aufhielten. Kurz nachher waren zwei junge Leute in Uniform der Nationalsozialisten auf einem Motorrad gekommen, die Bauer und seine Begleiterin anleuchteten und sich dann in Richtung Neufeld entfernten, wobei der eine sagte: ‚Hast du gesehen, das war Bauer.’ Bauer, der vergebens durch Wegwendens seines Gesichts verhindern wollte, dass er erkannt werde, äußerte zu seiner Begleiterin die Befürchtung, dass die Nazis ihn, wenn sie ihn kriegten, umbringen würden.“
Heute, nach über 80 Jahren, bemühen sich Antifaschisten zusammen mit Historikern um die Herausgabe der Akten und die weitere Aufarbeitung des Mordes.

Der Stein des Anstoßes
Bernd Frohböse wurde vom Fernsehen des Schleswig-Holstein Programms des NDR zur Geschichte des Steins interviewt. Er berichtet, wie er in den 80er Jahren von einem älteren antifaschistischen Freund, der zeitweilig auf dem Friedhof arbeitete, informiert wurde, dass der Stein auf der Steinhalde lag, um entsorgt zu werden. Bernd fuhr hin, lud ihn in seinen Transporter und stellte ihn in seiner Diele auf. Sein Ziel war es, diesem Stein einen würdigen Platz in Marne zu geben, um ihn auch als antifaschistisches Mahnmal vor allem für die Jugend zugänglich zu machen.
Das war allerdings nicht so einfach, es gab mehrere Ansätze: die örtliche Friedensinitiative versuchte es in den 80er Jahren, allerdings ohne Erfolg, vor ca. 15 Jahren wollte ein örtlicher Initiativkreis den Grabstein auf einer historischen Ausstellung im Heimatmuseum zeigen, die Marner Politiker (CDU und SPD) verhinderten das.
Erst 2016 kam Bewegung in die Sache: Anlässlich eines Schulprojekts erarbeitete ein Geschichtslehrer mit seinen Schülern eine Broschüre mit dem Titel „Auch in unserer Stadt“, in der u. a. der Mord an Adolf Bauer behandelt wurde.
Der Förderverein für das Heimatmuseum beschäftigte sich mit dem Mord und dem Grabstein, über die Diskussion mit dem Pastor kam das Thema in den Kirchenvorstand. Ein einstimmiger Beschluss führte zur Aufstellung auf dem kircheneigenen Friedhof im Eingangsbereich.
Der Grabstein Adolf Bauers steht jetzt in einer Reihe mit dem Ehrenmal für die Gefallenen der „Schleswig-Holsteinischen-Erhebung“ 1848–51, der bürgerlich-demokratischen Revolution in Schleswig-Holstein.
Am 18. April 2016 wurde der Stein im Rahmen einer kleinen Feierstunde aufgestellt. Marnes ehemaliger Pastor Dr. Dietrich Stein informierte über seine Forschungen zu den zwei Prozessen, die es in diesem Fall gegeben hatte. Der zweite fand Anfang der 50er Jahre statt. Wenn weitere Ergebnisse seiner Untersuchungen vorliegen werden, ist zu hoffen, dass es nicht nur eine juristische, sondern auch eine politische Aufarbeitung der Umstände der Tat und der politischen Verhältnisse 1932 und 1950 geben wird.

Was bleibt zu tun?
Die Einordnung dieses Mordes gehört zur Auseinandersetzung mit den Geschehnissen in der Zeit vor dem Faschismus, der Kollaboration der damaligen Macht mit den Nazis.
Doch es geht auch um die Umstände in der Zeit des Kalten Krieges: Die Täter müssen auch Anfang der 50er Jahre bekannt gewesen sein. Doch man handelte dem antikommunistischen Zeitgeist des Kalten Krieges entsprechend, denn faschistische Täter waren allzu oft auch Protagonisten des neuen Antikommunismus, während Kommunistinnen und Kommunisten erneut verfolgt wurden – nicht selten von den selben Polizisten und Juristen aus der Nazizeit.
Es bleibt auch aufzuklären, wieso es gelang, zur Beerdigung Alfred Bauers 1 200 Menschen zu bewegen – Eiserne Front und RFB, KPD und SPD dabei zusammenzuführen. Und wieso dieser antifaschistische Zusammenhalt nicht ausreichte, den Faschismus zu verhindern. Örtliche Erfahrungen aus jener Zeit können helfen, dieses schwierige Problem besser zu verstehen, auch um daraus Schlussfolgerungen zu ziehen.

In seinem letzten Artikel in der A-I-Z schrieb Adolf Bauer: „Viele revolutionäre Arbeiter und Bauern fallen unter den Kugeln der braunen Mörder. Es ist notwendig, die großen und kleinen Leistungen dieser Genossen festzuhalten. Wir fordern alle auf, uns Erinnerungen an die ermordeten Kämpfer zu schicken. Zeigt, wie die Opfer des Klassenkampfes ihren Mann gestanden haben, wie sie ihre Kleinarbeit geleistet haben, damit wir von ihnen lernen können.“
Auch dieses Vermächtnis gilt es für heute und die Zukunft zu bewahren.
Dass dieser Stein des Anstoßes und der Erinnerung jetzt auf dem Marner Friedhof fest einzementiert steht, kann noch zu manchen Erkenntnissen beitragen.


  Leserbrief schreiben

An die UZ-Redaktion (redaktion@unsere-zeit.de):

Leserbrief zu »Der Grabstein in der Diele«, UZ vom 6. Mai 2016





Wir bitten darum, uns kurze Leserzuschriften zuzusenden. Sie sollten unter der Länge von 1800 Zeichen bleiben. Die Redaktion behält sich außerdem vor, Leserbriefe zu kürzen und kann nicht versprechen, dass jeder Leserbrief beantwortet oder veröffentlicht wird. Anonyme Leserzuschriften werden in der Regel nicht veröffentlicht.