Freie Fahrt für Kreuzfahrtschiffe

Kapitalinteressen am Canal della Giudecca
Von Uwe Koopmann
|    Ausgabe vom 22. April 2016
Kreuzfahrtschiff Celebrity Summit am Haken des Schleppschiffes Vanna C beim Verlassen Venedigs. Im Hintergrund die Basilika Santa Maria della Salute (Mai 2009). (Foto: Peter Haas / wikimedia.com / CC-BY-SA-3.0)
Kreuzfahrtschiff Celebrity Summit am Haken des Schleppschiffes Vanna C beim Verlassen Venedigs. Im Hintergrund die Basilika Santa Maria della Salute (Mai 2009). (Foto: Peter Haas / wikimedia.com / CC-BY-SA-3.0)

Dem Canal della Giudecca, der die gleichnamige Insel von Venedigs Stadtteil Dorsoduro trennt, hat das Verwaltungsgericht von Venetien Verkehrsregeln verpasst. Nicht für einen der etwa 500 Gondolieri – und kaum zu seinem Schutz: Ozeanriesen über 96 000 Bruttoregistertonnen (BRT), 300 Meter Länge und 15 Stockwerke Höhe dürfen weiterhin passieren. Es dürfen auch mehr als fünf Schiffe pro Tag sein, die über 40 000 BRT haben. Die Größe, gemessen in BRT, hat Einfluss auf Tiefgang, Strömung und Wellen bis hin zum Uferbereich.
Nicht nur in den engen Gassen herrscht Gedränge – auch auf den vermutlich 175 Kanälen mit 38 Kilometer Länge. Die Tageszeitung „Corriere della Sera“ zählte 3 500 Schiffe, Wassertaxis (Vaporetti) und Gondeln. Der Chef der Gondolieri-Gewerkschaft, Aldo Rato, versicherte dem Blatt nach einem tödlichen Unfall auf dem Canale Grande: „Ich habe schon oft gesagt, dass der Verkehr zu viel und zu schnell ist.“ Die 425 Gondolieri lehnen den Vorschlag ab, den Gondelverkehr zu beschränken. Die Gefahren gehen von den anderen Schiffen aus.
Wenn Schiffe in dieser Größenordnung wegen der Beschränkungen Venedig nicht mehr anlaufen dürften, dann bedeutet dies ein Minus von 200000 bis 300 000 Passagieren pro Jahr. Die Passagiere sind Tagestouristen. Die Angaben schwanken für ein Jahr zwischen 20 (Italia Nostra) und 30 Millionen Besuchern (Unternehmer und Bürgermeister Luigi Brugnaro). Das sind mehr als die rund 60000 der registrierten Bewohner (1970: 120000). Etwa 40 000 Pendler kommen hinzu. Sie wohnen nicht in der Lagunenstadt, weil sie die Mieten nicht mehr bezahlen können. Während die Einwohnerzahl drastisch abnahm, steigerte sich die Zahl der Kreuzfahrtpassagiere nach Angaben der „Neuen Zürcher Zeitung“ seit 1997 um 440 Prozent auf heute 1,6 Millionen pro Jahr.
Seit 2014 sollte die Anzahl der Kreuzfahrtschiffe mit mehr als 40 000 BRT von 1 639 auf 1 300 auf dem Canale della Giudecca vermindert werden. Eine Alternative zu dieser Route wurde vorgestellt: Die Schiffe fahren nicht mehr durch den Giudecca-Kanal, sondern durch die „Südtrasse“ (Canale Contorta Sant’ Angelo). Die Passagiere der mehr als 700 dieser Ozeanriesen hätten nach Recherchen des „Tagesspiegels“ dann aber keinen Blick mehr auf Dogenpalast, Markusplatz und Campanile. Das Gericht entschied anders: Die großen Schiffe dürfen weiterhin den Canale della Giudecca passieren. Diese Erlaubnis gilt aber nur, bis der Canale Contorta Sant’ Angelo fertig ist. Kosten? 100 Millionen Euro werden genannt.
Und eine weitere Alterative ist in der Diskussion: Die Duferco-Gruppe, ein Schweizer Stahlkonzern mit Reederei-Aktivitäten, hat den Bau einer künstlichen „Insel“ angeregt. Das Projekt heißt „Venis Cruise 2.0“, wird auf 128 Millionen Euro Baukosten geschätzt und liegt östlich von Venedig zwischen Punta Sabbioni und dem Flughafen von Lido. An einer 940 Meter langen Pier sollen fünf Kreuzfahrtschiffe gleichzeitig abgefertigt werden können. Zubringerboote mit Elektroantrieb übernähmen mit jeweils 800 Personen die Passage in die Stadt.
Die Klassenfronten: Tourismusunternehmen und der venezianische Kreuzfahrt-Terminal VTP (Venezia Terminal Passeggeri) forderten die Durchfahrt für die Megaliner. Ebenso die Reedereien Costa, MCS, Carnival, Celebrity, Royal Caribbean, Princess und Norwegian. Bevor das Verwaltungsgericht das Verbot der traditionellen Durchfahrt aussetzte, hatten die Reedereien ihre größten Pötte bereits in andere Häfen umgesteuert. Die Hafenbetreiber sehen 430 Millionen Euro an Einnahmen für die Stadt und 5 000 Arbeitsplätze gefährdet, wenn die Ozeanriesen Venedig nicht mehr anlaufen können.

Venedig,: Der Markusplatz unter Wasser. Der rege Verkehr der Ozeanriesen führt zu weiteren Umweltschäden.

Venedig,: Der Markusplatz unter Wasser. Der rege Verkehr der Ozeanriesen führt zu weiteren Umweltschäden.

( Lisa/flickr.com/CC BY-SA 2.0/)

Die Venezianer dagegen fordern das Verbot der Durchfahrt zwischen den venezianischen Inseln Giudecca und Dorsoduro, denn von den Ozeanriesen werden die Fassaden der Häuser (Weltkulturerbe!) angegriffen, die Luft wird dezent durch Feinstaub, Schwefel und Stickoxide verpestet und das Wasser ökologisch beeinträchtigt. Die „Queen Mary 2“ hat einen Stromverbrauch, der einer Stadt von 200000 Einwohnern entspricht – auch dann, wenn sie im Hafen festgemacht hat. Der Dreck eines Kreuzfahrtschiffes entspricht dem von 14 000 Autos, sagen die Umweltschützer der Initiative „No grandi navi“. Wörtlich zu nehmen ist der Hinweis, dass die Stadt sinkt.
Wer zum Beispiel mit der „AIDAbella“ (Meyer-Werft Papenburg/Ems) nach Fahrplanänderung von Venedig aus ins östliche oder westliche Mittelmeer stechen möchte, der weiß, dass es neben, über und unter seiner Kabine noch 1 024 weitere für 2 050 Passagiere gibt, die angeblich alle gekommen sind, um die Reproduktion ihrer Ware Arbeitskraft zu erreichen – während andere ihre Arbeitskraft verkaufen: 607 Kolleginnen und Kollegen gehören zur Besatzung der „AIDAbella“. Das mag wenig erscheinen im Vergleich zur „Allure of the Seas“ (Royal Caribbean), die für maximal 6 296 Passagiere auf eine Crew von 2 165 Personen kommt. Die Arbeitsverdichtung zur Steigerung des Mehrwerts variiert eben auch auf einem Erholungsdampfer. Das gilt ebenso für die Profiterwartungen.
Dieser „Gewinn nach Steuern“ verlangt von den Reedereien Investitionen, zumal wenn der Blick auf das Weltkulturerbe Venedig nicht mehr aus nächster Nähe möglich sein sollte. Statt vom „Promenadendeck“ auf die gefährdeten Häuser zu blicken, gibt es neue Touristenziele direkt an Bord. Die „Seven Seas Navigator“ von Regent Seven Seas Cruises wird zum Beispiel zur Zeit für das Luxussegment umgebaut. Für ihre Flotte investiert die Reederei 125 Millionen Dollar. Vorbild ist die „Seven Seas Explorer“ mit dem „erweiterten Kulturangebot“ von neuen Suiten, Kasino, Boutiquen und Bibliothek.
Vormerken: Am 3. Mai legt die „Seven Seas Navigator“ in Venedig nach Barcelona ab (10 Übernachtungen, ab 5 259 Euro). Umgekehrt ist es von Barcelona nach Venedig unmerklich teurer: ab 5 939 Euro. Der Turn beinhaltet aber auch 14 Übernachtungen. Wer’s billiger haben möchte, der bucht von Rom (Civitavecchia) nach Venedig (ab 4 155 Euro, 7 Übernachtungen). Oder noch billiger: Venedig – Piräus für 10 Übernachtungen und 2 599 Euro. Gute Fahrt!


  Leserbrief schreiben

An die UZ-Redaktion (redaktion@unsere-zeit.de):

Leserbrief zu »Freie Fahrt für Kreuzfahrtschiffe«, UZ vom 22. April 2016





Wir bitten darum, uns kurze Leserzuschriften zuzusenden. Sie sollten unter der Länge von 1800 Zeichen bleiben. Die Redaktion behält sich außerdem vor, Leserbriefe zu kürzen und kann nicht versprechen, dass jeder Leserbrief beantwortet oder veröffentlicht wird. Anonyme Leserzuschriften werden in der Regel nicht veröffentlicht.