Die Träume haben sich nicht erfüllt

Vor 100 Jahren scheiterte der Osteraufstand in Irland
Von Hermann Glaser-Baur
|    Ausgabe vom 22. April 2016
Nach den offiziellen Gedenkfeiern der Karneval: Verkleidet in die Uniformen der Kämpfer von damals. (Foto: William Murphy/flickr.com/CC BY-SA 2.0)
Nach den offiziellen Gedenkfeiern der Karneval: Verkleidet in die Uniformen der Kämpfer von damals. (Foto: William Murphy/flickr.com/CC BY-SA 2.0)

Leseempfehlungen:
Thomas Metscher: „The Marxism of James Connolly“
Herausgegeben von der KP Irlands – erhältlich beim UZ-Pressefest
Priscilla Metscher: „James Connolly und die erweiterte Klassenpolitik des Jahres 1916“
Marxistische Blätter 2/16

Die Paukenschläge und die Flötenklänge sind verhallt, die vielen grün-weiß-orangenen und wenigen roten Fahnen eingerollt – die irische Insel ist nach dem wegen des frühen Osterzeitpunkts eigentlich mehrere Wochen vor der Zeit gefeierten „Jahrhundert-Ereignis“ wieder zum Alltag übergegangen.
Die Kommentare in der Presse zu den Feierlichkeiten anlässlich des 100. Jahrestages des Osteraufstandes wichen sehr schnell der journalistischen „Normalität“:
Wie viele Arbeitsplätze wird die bevorstehende Abwicklung von „British Steel“ in England auf der „Zuliefererinsel“ Irland vernichten? War die Entlassung, die 1 000 Arbeiter als „Ostergeschenk“ von Shorts/Bombardier in Belfast erhielten, der Anfang vom Ende der ältesten und lange Zeit größten Flugzeugfabrik der Erde? Wie lange wird die Werft Harland & Woolf noch existieren, bei der zwei Wochen vor Ostern ein Drittel der Belegschaft die Kündigung erhielt und die jetzt gerade noch 120 Leute beschäftigt?
Die Frage, ob, und wenn ja, welche Bedeutung der Aufstand heute hat, erfordert einen Exkurs in die Vergangenheit.
Gleich vorweg: Der Osteraufstand, organisiert und vorbereitet von der Irisch-Republikanischen Bruderschaft bzw. deren Militärrat und von den Truppen der britischen Kolonialmacht brutal niedergeschlagen, war keine sozialistische Revolution, wie ihn gern auch heißblütige Freunde der grünen Insel auf der ganzen Welt als eine solche – zumindest als den Versuch einer solchen – darzustellen versuchen. Er war auch nichts Irland-Spezifisches, sondern Teil eines weltweit stattfindenden Aufbegehrens gegen die koloniale Unterdrückung kleiner Nationen durch die großen, durch Aussaugen „ihrer“ Kolonien reich gewordenen Staaten. In Irland fand dieses Aufbegehren später statt als anderswo auf der Erde. Dies lag an der lange intakt gebliebenen Feudalstruktur der Gesellschaft, an der langsamen, nur in Teilen des Landes fortschreitenden Entwicklung des Kapitalismus und am starken Einfluss der Religion. Die katholische Kirchenobrigkeit predigte ihren Gläubigen – großenteils anti-englische Iren – immer eine „brave“ Haltung, pflegte, oft unter großen Schwierigkeiten, die alten Traditionen und die Landessprache, aber Angriffe, besonders gewalttätige, gegen die Herrschenden waren nie ihr Plan, fanden keine Unterstützung. „Gib Gott, was Gottes, gib dem Kaiser, was des Kaisers …“
Irland war längere Zeit Kolonie als irgendeine andere Nation. Seit 1690 mit der Schlacht am Boyne-Fluss die endgültige Unterwerfung durch die Truppen Cromwells besiegelt wurde, regierte die Krone ihren „Lieblingskartoffelacker“ mit eiserner Faust. Und wo Druck ist … seitdem gab es immer wieder Versuche der landlos gewordenen Bauern, der Entrechteten, der Hungernden, sich der Großmacht zu widersetzen. Diese waren oft isoliert voneinander, spontan und ohne jede Aussicht auf Erfolg. Das vollkommene Fehlen von Transport- und Kommunikationsmitteln, die gnadenlose Armut der Menschen und die fehlende Bildung ließen organisierte Rebellion nicht zu. Ein Beispiel, das den Zustand des Landes verdeutlichen mag: Auf den Blasket-Inseln vor der Westküste gab es bis zum Wegzug der letzten Bewohner in den 50er Jahren des 20. (!) Jahrhunderts nie ein Fahrrad oder ein Auto.
Der erste wirklich organisierte und breit bekannt gewordene Versuch, die verhassten Besatzer loszuwerden, ließ gut hundert Jahre auf sich warten Die „United Irishmen“ (Vereinte Iren), eine Gruppe von Intellektuellen um Theobald Wolfe Tone und Henry Joy McCracken, legten mit dem Aufstand von 1798 die Grundlage für landesweite Unruhe. Die Anführer, meist aus der besitzenden Schicht kommende Leute, wurden von der Obrigkeit, der sie entstammten, geschlachtet – bis heute hängt an dem Gebäude in Belfast, in dem McCracken öffentlich enthauptet wurde, eine Erinnerungstafel.
Der Fortschrittlichste unter den Anführern des Osteraufstands, James Connolly, maß der heute weitgehend vergessenen Rebellion von 1798 große Bedeutung zu. Sein wohl wichtigstes Buch „Die Arbeit in der irischen Geschichte“ (Labour in Irish History) widmet dem Aufstand mehrere Kapitel und er wies immer wieder auf die Bedeutung der demokratischen Prinzipien der Aufständischen und ihrer Ideen hin, die man mit „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ umschreiben kann.
Nach der Niederschlagung der Rebellion von 1798 sollte es wieder gut hundert Jahre dauern, bis die Wut über die bittere Armut, der Hass auf die Kolonialmacht und deren Unterdrückung jeglicher Art „nichtbritischer Kultur“, der alten Landessprache und auch der ausübung der katholischen Religion in das umschlugen, was wir als Osteraufstand kennen.
Auf halbem Weg dazwischen ereignete sich eine außerhalb Irlands wenig bekannte Katastrophe, deren tiefe Wirkung auf das Bewusstsein der Menschen selten richtig bewertet wird: Die Periode des „großen Hungers“ (Great Famine) zwischen 1847 und 1850.
Nach zwei durch Kartoffelfäule vollkommen fehlgeschlagenen Ernten bei gleichzeitiger Weigerung der (großenteils englischen) Grundbesitzer, die Getreidespeicher für die Hungernden zu öffnen und auch nur vorübergehend den Export dringend benötigter Nahrungsmittel zu stoppen, verlor Irland gut die Hälfte seiner Bevölkerung durch Auswanderung oder Hungertod. Es gibt keine Gegend auf der Insel, wo nicht bis heute grausame Spuren dieser Zeit zu sehen sind: Massengräber, Friedhöfe, auf denen verhungerte Kinder verscharrt wurden, die „Lazy beds“, im Moor mit den Händen aufgeworfene Schollen, in denen die Menschen verzweifelt versuchten, irgendwelche Nahrungsmittel anzubauen.
Die „Famine“ hat wie kein anderes Ereignis in der Geschichte das antienglische Denken der Menschen in Irland erzeugt und befördert.
Als am 24. April 1916 die Irish Volunteers (Irische Freiwillige) und die Citizen’s Army(Bürgerarmee) eine Reihe von Gebäuden in Dublin und in anderen Städten besetzten, in der Dubliner Hauptpost ihr zentrales Quartier einrichteten und die Erklärung des siebenköpfigen Militärrats der provisorischen Regierung „Poblacht na ­hÉireann“ (An das irische Volk) durch den Dichter Padraig Pearse verlesen wurde, waren zwei Dinge klar: Der Aufstand konnte nicht erfolgreich sein, aber auch: Die nachfolgende Periode der Unruhe, das wachsende Bewusstsein, dass es so nicht weitergehen könne, würden der Anfang vom Ende britischer Kolonialherrschaft auf der irischen Insel sein.
Sowohl zahlenmäßig wie auch von der Bewaffnung waren die Rebellen der Besatzerarmee hoffnungslos unterlegen. Die wenigen Gewehre – viele davon veraltet – und Pistolen waren der schweren Atillerie, die gegen die besetzten Gebäude aufgefahren wurde, nicht gewachsen. Die „Four Courts“(Gerichtsgebäude) wurden sogar von den Engländern bombardiert. Die einzige Stärke gegenüber der Kolonialmacht, die sich vor allem in den folgenden Jahren des Bürgerkriegs als schwerwiegend erweisen sollte, war die Unterstützung der Aufständischen, besonders im Umland bei der ländlichen Bevölkerung, „save houses“ (sichere Häuser) und materielle Unterstützung seitens selbst sehr armer Menschen. Von Kritikern wurde die Aktion als putschistisch und vorschnell bezeichnet. Diese Argumentation lehnte Lenin, der sich in einem Aufsatz mit dem Osteraufstand beschäftigte, vehement ab, von Putsch könne man nur sprechen, wenn ein Aufstand keine Unterstützung im Volk habe.
Es dauerte eine Woche, bis der Osteraufstand niedergeschlagen war. Alle seine Anführer wurden hingerichtet, unter ihnen auch der erklärte Marxist James Connolly. Er konnte nicht erfolgreich sein, weil die mittlerweile im hochindustrialisierten Norden starke und gut organisierte Arbeiterbewegung und ihre Gewerkschaften ihre Unterstützung versagten, bestenfalls halbherzige Sympathie zeigten. Auch die schwache und schlecht organisierte Arbeiterklasse des Südens war nicht zur Unterstützung der Ziele des Aufstandes zu gewinnen und – in dieser Situation wohl am wichtigsten – die englischen Gewerkschaften zeigten großenteils die kalte Schulter. Der Zusammenhang zwischen antikolonialem Kampf und Kampf für die Befreiung der Arbeiterklasse war zu diesem Zeitpunkt selbst fortschrittlichen Führern der Arbeiterbewegung nicht oder nicht ausreichend bewusst. James Connolly – von britischen Sozialisten wegen seiner Unterstützung des Aufstandes kritisiert – sagte wenige Stunden vor seiner Hinrichtung zu seiner Tochter Nora: „Die werden nie verstehen, warum ich hier bin. Sie vergessen, dass ich Ire bin.“
Es sollte fünfzig Jahre dauern, bis die Arbeiterbewegung den Osteraufstand als das erkannte und würdigte, was er war: Fanal – wenn auch vielleicht zu früh gekommen – für das endgültige Ende der kolonialen Supermacht England. Dieses späte Verstehen ist ohne den Schatten eines Zweifels das Verdienst der irischen Kommunisten. Die 70 000 Menschen, die am 18. April 1966 hinter dem Banner des Gewerkschafts-Dachverbandes und den Fahnen der Einzelgewerkschaften zum 50. Jahrestag des Osteraufstandes demonstrierten, wurden im wahrsten Sinne des Wortes von den Genossinnen und Genossen der CPI (Communist Party of Ireland) angeführt. Ein historisches Foto, in der vergangenen Woche von der KP-Wochenzeitung „Unity“ reproduziert, zeigt die erste Reihe, in der ausschließlich Kommunisten zu sehen sind: Andy Barr, Betriebsratsvorsitzender auf der Werft Harland & Wolff, Sean Morrissey, ebenfalls dort Betriebsrat, Lankes Noakes, Arbeitervertreter bei Bombardier, Jimmy Stewart, dem der DDR-Schriftsteller Walter Kaufmann Jahre später den Roman „Wir lachen, weil wir weinen“ widmete, und viele andere. Vor ihnen ging Betty Sinclair. Die Arbeiterin und Betriebsrätin in Irlands größter Leinenspinnerei war damals 1. Sekretärin des Gewerkschaftsverbands und sollte eine der Hauptrednerinnen bei der Kundgebung sein. Dies wurde vom nationalistischen „Verband Gälischer Sportarten“ (GAA) in letzter Minute verhindert, die Verbandsoberen drohten, den Kundgebungsort – das Stadion – zu schließen, wenn auf seiner „heiligen Erde“ eine Kommunistin spreche.*

Die Jahrhundertfeiern von 2016 waren anders, jedenfalls die meisten. Von Politikerreden dominierte Festakte, bei denen die neuen Herren den geladenen Gästen ihre jeweilige Interpretation von staatstreuem Nationalismus nahezubringen versuchten. Der irische Präsident Michael D. Higgins in Dublin bei der Hauptveranstaltung: „Die Führer der Rebellion von 1916 waren vorausschauende Denker, selbstlose Frauen und Männer, die alle Risiken auf sich nahmen, um sicherzustellen, dass die Kinder Irlands in Zukunft in Freiheit leben können und ihren gerechten Anteil am Reichtum der Nation genießen … Lasst uns dieses beste Versprechen von 1916 neu beleben: Auch die kommenden Generationen sollen in Freiheit im wahrsten Sinne des Wortes leben – Freiheit von Armut, Freiheit von Gewalt und Unsicherheit, Freiheit von Angst.“ (Übers. H. G.-B.)
Diese Freiheit sieht im Irland von 2016, dem der ehrenwerte Präsident vorsteht, etwa so aus:
• Jeder vierte Bewohner der irischen Insel lebt laut Statistik in Armut, bei Kindern ist es jedes zweite.
• Das Gesundheitswesen steht sowohl in Nordirland als auch in der Republik vor dem Zusammenbruch, die Wartezeiten auf Betten und lebensnotwendige Operationen sind die längsten in Europa.
• Gewalt gegen Frauen hat laut Polizeiangaben das Stadium einer akuten Krise erreicht.
• Die Studiengebühren an den Universitäten liegen bei etwa 5 000 Euro pro Jahr, das ist Weltspitze.
• Kindersterblichkeit steigt, die Lebenserwartung sinkt, sie liegt im Moment fast fünf Jahre unter der der Menschen auf Kuba.
• Jeder zweite Bewohner Irlands unter 25 Jahren möchte das Land verlassen, so die Statistik.

Eine der „anderen“ Veranstaltungen zum 100. Jahrestag des Osteraufstands fand in Belfast statt. Viel kleiner als vor fünfzig Jahren, aber von Menschen besucht und organisiert, die nicht bereit sind, ihre Zukunft den Predigern des staatstreuen Nationalismus unter den Fittichen der EU zu überlassen. Mehrere hundert meist junge Gewerkschafter zogen in den Westen der Stadt, der Urenkel von James Connolly sprach zu ihnen – und der neugewählte Präsident des Gewerkschaftsdachverbandes ICTU, Brian Campfield, der eine Connolly-Statue enthüllte. Er sagte uns: „Die Träume Connollys, dass der Aufstand von 1916 zu einer besseren, letztendlich einer sozialistischen Gesellschaft führen würde, haben sich nicht erfüllt. So gesehen ist die Rebellion „unfinished business“, eine unvollendete Aufgabe. Diese ist schwer, kann nur von uns zu Ende gebracht werden. Im existierenden System lässt sich das nicht machen.“ Brian Campfield ist – das lässt sich unschwer erraten – Kommunist.

* Beim UZ-Pressefest wird es erstmalig in Deutschland eine Ausstellung über Betty Sinclair geben,
am Stand der KP Irlands werden Dokumente und Fotos der Textilarbeiterin und Kommunistin gezeigt,
auch die von irischen Gewerkschafterinnen verfasste Broschüre „A woman’s fight for socialism“ wird dort zu haben sein.

 

Samstag, 21. Mai, 19 Uhr, Nürnberg 17 Uhr Irisches Abendessen,
Stadteilladen Schwarze Katze im KOMM e. V., Untere Seitenstraße 1, Gostenhof

Easter Rising – Irischer Widerstand gestern und heute
Am Ostermontag vor hundert Jahren versuchten irische Republikaner durch einen Aufstand die Unabhängigkeit Irlands von Großbritannien zu erzwingen. Die brutale Niederschlagung der Unruhen und die standrechtliche Exe­kution der Anführer führten zu einem Flächenbrand, der schließlich im irischen Unabhängigkeitskrieg 1919–1921 gipfelte. Seitdem wurde es nicht mehr ruhig auf der grünen Insel. Den Kampf der IRA in den folgenden Jahrzehnten verbinden die meisten damit. Doch wie sah es mit den fortschrittlichen Bewegungen außerhalb der IRA aus? Was passierte seit dem „Karfreitagsabkommen“ genannten Ende des militärischen Konflikts? Und was hat es mit dem Protest gegen die Erhöhung der Wassergebühren auf sich, die auch hierzulande in den Medien aufgegriffen wurden? Wir freuen uns sehr zu diesem Thema unseren irischen Genossen Hermann Glaser-Baur zu begrüßen, der uns nicht nur von der Geschichte des irischen Widerstands, sondern auch von dessen aktueller Praxis erzählen wird. Vor der Veranstaltung wird es ein irisches Abendessen geben.



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Thomas Metscher: „The Marxism of James Connolly“
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