Begreifen des Einzelnen und des Ganzen

Brechts „Maßnahme“ in Berlin mit Massenchor und Orchester nach Eislers Maßgabe
Von Hilmar Franz
|    Ausgabe vom 15. April 2016
Im Studio der Schallplattenfirma Homocord bei der Aufnahme des „Songs von der Ware“: Der Tenor Erik Wirl, Bertolt Brecht und Hanns Eisler. (Foto: Archiv Jürgen Schebera)
Im Studio der Schallplattenfirma Homocord bei der Aufnahme des „Songs von der Ware“: Der Tenor Erik Wirl, Bertolt Brecht und Hanns Eisler. (Foto: Archiv Jürgen Schebera)

8. April 2016: Probentag und szenisch-oratorischer Aufführungsabend mit überschwänglich langem Beifall in der Berliner Philharmonie. Gespräche noch länger danach, auch draußen. Möglich, dass die Erinnerungen noch lange wach bleiben, bei einem Großteil der Tausendzweihundert, die Bertolt Brechts und Hanns Eislers oratorisches Lehrstück „Die Maßnahme“ erstmals wieder nah an der letzten Originalfassung von 1931 für Massenchor und vier Spieler mitgestalten und/oder miterleben durften. Zum satten Klang der Trompeten, Posaunen und Hörner, zu mobilisierenden Schlagwerkimpulsen entfaltete sich das machtvoll drängende Vokalwerk aus etwa 300 Kehlen eines vier- bis sechsstimmig gemischten, zehnfach zusammengesetzten Berliner Gesamtchors. Laien können die stimmlichen Anforderungen bewältigen. Sie freuen sich über den Drive, sobald die kleinen Hürden metrischer Raffinesse genommen sind.
Schönbergs begabtester Schüler Hanns Eisler hat diese erste Brecht-Zusammenarbeit mit einem breit gefächerten musikalischen Ausdruckskanon gewürzt. In einem dialektischen Miteinander von „Abwägung und Klage, möglicherweise auch proletarische Passion“, wie der Musikwissenschaftler Gerd Rienäcker analysierte: Dass sie instrumental mit den ersten Takten der Bachschen Matthäus-Passion anhebt, treffe ins Zentrum.
Zehn „Maßnahme“-versierte Instrumentalisten hat der musikalische Leiter Marcus Crome für die Mitwirkung im zeitaufwendig vorbereiteten Projekt gewonnen. Dazu die ideale Eisler-Sopranistin Winnie Böwe für den bekannten „Song von der Ware“, für die Soli im „Gesang der Reiskahnschlepper“. Das Chorwerk mit dem Herzstück „Ändere die Welt, sie braucht es!“ kennt Crome seit beinah zwanzig Jahren so gut wie seine wieder eingesetzten Musiker oder „alte“ zuverlässige Amateursänger. Seine aufführungspraktischen musikalischen Fähigkeiten in erarbeiteten Repertoire-Vorstellungen an bisher zwei Berliner Theatern sind auch für den heutigen Erfolg des abschließenden Werks der Brechtschen Lehrstück-Reihe maßgebend.
Die Szene, sparsam, unaufdringlich an der „Rampe“ des Arena-Podiums (Fabiane Kemmann, Barbara Nicolier) gehörte deutlich artikulierenden, immer präsenten Schauspieler/innen für vorgezeichnetes und vorzuzeigendes Berichten. Eine aus dem halbkolonialen China zurückkehrende Gruppe illegaler Moskauer Agitatoren stellt diskursiv, mit wechselnden Identitäten, die Tötung eines mutigen Kämpfers und hilfsbereiten Genossen zur Bewertung. Diese nacheinander vervielfachte Problemfigur, bei nachgestelltem Verhalten in Darstellerwechseln präsent, hatte sich angesichts des vorgefundenen proletarischen Elends „linksradikalisiert“. Dadurch wurde der fortzuführende Gruppenauftrag zunichte, den Unzufriedenen und Unterdrückten beim allmählichen Sammeln und planvollen Eingliedern ihrer Verbände und Verbündeten in die „Front der bewaffneten Revolution“ zu helfen: Denn in der Selbstüberschätzung, eine unbewaffnete Revolte der Arbeitslosen sofort, umzingelt von Kanonenbooten und Panzerzügen, anführen zu können, hat sich dieser emotionale Genosse hinausschreiend enttarnt.
Das brachte nicht nur die übrigen Mitglieder in die Krise. Die Ausnahmesituation hätte weiter eskalieren, Aggressionen von unabsehbarer Tragweite gegen ihr Heimatland schaffen können, das eben erst die Folgen der Interventionskriege und den beginnenden sozialistischen Aufbau zu bewältigen hatte. Zu spät einsichtig geworden im Interesse des Kommunismus, einverstanden mit dem Vormarsch der proletarischen Massen aller Länder, Ja sagend zur Revolutionierung der Welt, hatte sich der junge Genosse schließlich einverstanden erklärt mit der nicht leichthin vorgeschlagenen „Maßnahme“: Er wurde als „Sicherheitsrisiko“ für ihre rettende Flucht getötet, sein bis zur Unkenntlichkeit auszulöschender Leichnam einer Kalkgrube überantwortet.

Uraufführung der „Maßnahme“ durch den Arbeiterchor Groß-Berlin am 10.12.1930 in der Philharmonie Berlin.

Uraufführung der „Maßnahme“ durch den Arbeiterchor Groß-Berlin am 10.12.1930 in der Philharmonie Berlin.

( Archiv Jürgen Schebera)

Nachdenken über eine bessere Möglichkeit
Brecht, der 1929/30 in den Klassenschlachten Berlins „in einem Schlachtfeld“ lebte und sich, obwohl parteilos, als militärisch geschulten Kommunisten verstand, baute im gnadenlosen Zwang dieser konsequent zuende gedachten Parabel ein retardierendes Moment ein. Auch das Publikum möge nachdenken über „eine bessere Möglichkeit“ angesichts „äußerster Verfolgung und Verwirrung der Theorie“. Die ausweglos angehaltene Szene verlief schweigend. Bei der „Grablegung“ füllte einer der Berichtenden selber die am Boden markierten Gestaltumrisse des verlorenen Kämpfers aus.
Die einzelnen Werkabschnitte kündigten Sprecher links und rechts von der „Tribüne“ des Massenchors an. Wo sich dieser aus seiner kontrollierenden, bestätigenden oder kommentierenden Funktion heraus direkt ans Publikum wandte („Wer bist du?“), es aufforderte, die inhumanen Verhältnisse dringender denn je zu einer humanen Welt umzuwälzen, stand ihm ein universal dolmetschender Gebärdensprachchor zur Seite. Im rhythmischen Sprechchorteil des Schlußappells steht ernsthaft in dialektischer Beziehung, wieviel Brecht und Eisler dafür nötig hielten: Zorn und Zähigkeit, Wissen und Empörung, schnelles Eingreifen, tiefes Bedenken, kaltes Dulden, endloses Beharren, Begreifen des Einzelnen und Begreifen des Ganzen.

Wer den Verzweifelten hilft
„Wir singen hier nicht ‚Im schönsten Wiesengrunde‘. Wir singen: Die Maß-nah-me!“ ermahnte uns Marcus Crome mehrfach auf Proben seines „Maßnahme“-Projektchors. Ihm geht es um deutlichen, nicht um geschönten Ausdruck: „Welche Niiee-drig-keit be-gingst du nicht, um die Nie-drigkeit auszu-til-gen? Könn-test du die Wel--tt end-lich ver-än-dern, wofür wäärst du dir zu-u gut? Das muss scharf und mit langem Atem rüberkommen!“ Dieser reaktivierte Teilchor der werktätigen Berliner Volksbühne stand neben anderen engagierten Genossen auch relativ ungeübten Seiteneinsteigern wie mir offen. Der 85-jährige Günter Wendel aus dem Ernst Busch Chor ist stolz auf die hier aufgewendeten Zusatzstunden bis zu diesem krönenden Abschluss seiner Amateursängerkarriere. Er warb unermüdlich für das große Projekt und förderte es auch finanziell mit respektablen Beträgen. „Wer den Verzweifelten hilft, der ist der Abschaum der Welt!“ Diesen expressiven Chorsatz so zu singen, dass er tatsächlich „hängenbleibt“ und draußen breit weitergetragen werden kann, legte uns Marcus Crome immer wieder ans Herz.
Im Ernst Busch Chor, im hardChor „ELLA“, selbst im großen, Maßstäbe setzenden Hanns Eisler Chor gab es mitunter Zweifel, ob provozierende Textzeilen, im Eislerschen Ohrwurm-Gewand inzwischen beständige Tagesbegleiter, berechtigt seien. Können Sängerinnen, die Brechts Bekenntnis zu dieser zukünftigen Form des Theaters verinnerlichen, „Abschaum“ sein? Ist das Streiklied „Komm, heraus, Genosse“ noch konsensfähig? Und Jean Ziegler, an prominenter Stelle nicht nur für die gerechte Änderung der Welternährung engagiert, wurde freudig Pate dieser Aufführung.

Dramatische Versuchsanordnung
Selbstverständlich fragen wir uns auch nach den spontan ausgelösten Diskussionsanläufen in der Stadt: Ist Niedrigkeit mit Niedrigkeit austilgbar? Der profunde Eisler-Kenner und linke Radio-Publizist Stefan Amzoll vertrat auf der internationalen wissenschaftlichen „Maßnahme“-Konferenz 1998 den Standpunkt: „Strafbarkeit politisch abweichenden Verhaltens weit von sich weisend, setzt ‚Die Maßnahme’ Humanität zu einem Zeitpunkt dialektisch ins Recht, da der Humanismus im Begriff war, offen in sein Gegenteil umzuschlagen. Einer zusehends aus den Fugen geratenden politischen Ethik setzt sie im gegebenen Augenblick ein Optimum an sittlichem Ernst entgegen.“ Das bezieht sich auf den Versuch, im deutschen Arbeiterpublikum menschliche Anteilnahme auf erstmals neue, deutliche Weise zu organisieren.
Dass wir fertig werden mit den Gesprächen, war bei diesem „offenen“ Stück Brechts und Eislers erstmals eingreifender Mitwirkung nicht zu erwarten. Beide wollten, dass „Möglichkeiten gezeigt“ werden, um „eine neue Freiheit des Einzelnen und Diszipliniertheit des Gesamtkörpers zu erzielen“. Die Grundfragen, mit denen sie sich an die Seite der revolutionären Arbeiterbewegung stellten – nach Recht, Unrecht, Opferung, Gewalt, Gegengewalt, Tötung, Mord, Bestrafung, Buße – führten zu Belehrungszwecken in ihre dramatische Versuchsanordnung. Im Lehrstück wird kein Urteil gesprochen. Kritik und Änderungen wurden als improvisatorische Bestandteile des schöpferischen Verfahrens mit festem Ziel ausprobiert, wie der Montagecharakter oder der Einsatz des Jazz als „Technikum“ seit dem Ende der Spielabstinenz zeigen. Bis in die 90er Jahre hinein blieb die Musik unbekannt. Wenigstens fanden Texte wie „Sprechchor über ein Lenin-Zitat“ oder „Lob der Partei“„ (Chor-Ode) einen eigenständigen Platz in sozialistischen Feierstunden.“
Für Klaus Völker, Präsident der Internationalen Hanns Eisler Gesellschaft, gibt der Text folgendes zu verstehen: Das, was den politischen Kampf erfordert und was ihn provoziert, ist immer auch gleichzeitig das, was ihn unmöglich macht. „Die Partei ist die Summe von einzelnen Genossen, denen, wie dem jungen Genossen, die Fähigkeit nicht abhanden kommen darf, Konflikte in aller Widersprüchlichkeit und nicht vom Menschen losgelöst zu betrachten.“ Und Brecht-Biograf Werner Mittenzwei schrieb: „Die Welt verändern kann nicht der einzelne. Die Einzelaktion ist der Schritt, der den Rückschritt bewirkt.“


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Leserbrief zu »Begreifen des Einzelnen und des Ganzen«, UZ vom 15. April 2016





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