Olympia und die deutschen Olympier

Vor 100 Jahren sollten die Spiele in Deutschland stattfinden
Von Klaus Huhn
|    Ausgabe vom 8. April 2016
Parade von Turnern bei der Eröffnung des Stadions für die Sommerspiele 1916. Die Spiele waren 1912 nach Deutschland vergeben worden. (Foto: George Grantham Bain/Library of Congress, Prints & Photographs Division, [reproduction number, e. g., LC-B2–2765-5])
Parade von Turnern bei der Eröffnung des Stadions für die Sommerspiele 1916. Die Spiele waren 1912 nach Deutschland vergeben worden. (Foto: George Grantham Bain/Library of Congress, Prints & Photographs Division, [reproduction number, e. g., LC-B2–2765-5])

Man möge es mir nachsehen – ich begebe mich einmal mehr in die Vergangenheit.
1916 – also vor hundert Jahren – sollten die Olympischen Spiele erstmals im damaligen Deutschland stattfinden. Als 1914 die kaiserlichen Truppen Europa überfielen, glaubte man wohl an einen schnellen Sieg, denn in der Illustrierten „Fußball und Leichtathletik“ vom 3. September 1914 las man, dass Olympia nicht ausfallen würde, „deshalb werden wir Deutschen, die wir jetzt mit dem Schwert in der Hand die Menschheitskultur verteidigen, unbedenklich 1916 in Frieden eintreten können – dass uns die Engländer, die größten Versager von 1912, die Belgier und Franzosen, die in Stockholm Nullen waren, nicht in Berlin besuchen werden, dessen können wir sicher sein“. Mithin: Deutschland träumte von einem schnellen Sieg und glaubte dann bei Olympia nur jene starten zu lassen, die der Kaiser eingeladen hatte.
Daraus wurde bekanntlich nichts, aber das deutsche Olympische Komitee sorgte dennoch für Spektakel.
Zu Beginn des Jahres 1917 erfuhr die Öffentlichkeit, dass der Deutsche Reichsausschuss für Olympische Spiele – so hieß damals das deutsche Olympische Komitee – zu einer wichtigen Tagung nach Berlin eingeladen habe. Die Zeitungen widmeten der Sitzung schon im Vorhinein enorme Aufmerksamkeit: „Die heutige Hauptversammlung in Berlin bringt eine Tagesordnung von außerordentlicher Bedeutung. So verbirgt sich hinter dem Antrag des Vorstandes auf Änderung des Namens in ‚Deutscher Reichsausschuss für Leibesübungen‘ die ganze Entwicklungsgeschichte dieser großen Vereinigung aller deutschen Leibesübungen betreibenden Verbände.“ Die Gründung hatte am 13. Dezember 1895 stattgefunden, doch war der Ausschuss nach der offiziellen Ablehnung der Teilnahme an den I. Olympischen Spielen in Athen für die zweite Olympiade 1900 in Paris neu gegründet worden. Nun sollte also „Olympia“ aus dem Namen verschwinden, eine Tatsache, die in der Regel heutzutage von den Historikern unterschlagen wird – ein Grund, weshalb wir sie in Erinnerung rufen.
Für die Tagung war als Redner ein junger Leutnant als Referent eigens von der Front beurlaubt worden. Sein Name: Carl Diem. Als man die Hauptversammlung in Berlin eröffnete, wurde zunächst ein Telegramm an den Kaiser gesandt: „Ew. Majestät bitten die hier zu einer Hauptversammlung vereinigten Verbände für Pflege von Leibesübungen Deutschlands, Ew. Majestät wollen die Versicherung unverbrüchlicher Treue und Liebe entgegennehmen. Wir werden auch in Zukunft auf das eifrigste bestrebt sein, die Männer und Frauen Deutschlands durch Leibesübungen zu stählen, damit sie für die großen und schweren Aufgaben, welche ihnen bevorstehen, zum Segen unseres geliebten Vaterlandes gerüstet sind.“
Die Versammlung hatte sich allerdings auch mit einem Brief zu befassen, der dafür plädierte, den Namen beizubehalten. Seine Mahnung wurde in den Wind geschlagen, der Ausschuss umbenannt. Der Berichterstatter der „Leipziger Neuesten Nachrichten“ meldete von der Sitzung: „Mit dem Kriegs- und Kultusministerium sollen Besprechungen erbeten werden, um für die leibliche Ausbildung der Jugend in den Vereinen bestimmte Leitsätze nach den Wünschen der Heeresverwaltung auszuarbeiten.“ Bliebe von der Tagung noch zu berichten, dass der von der Front beurlaubte Leutnant Carl Diem zum Generalsekretär des umbenannten Ausschusses gewählt wurde.
Der Mann, der 1896 die Mannschaft nach Athen gebracht hatte, Dr. Gebhardt, hoffte dann in einem Brief an das Außenministerium der Weimarer Republik den Schritt rückgängig zu machen. Allerdings vergeblich. Dafür traf der Präsident des IOC, Baron de Coubertin, klare Entscheidungen: Die deutschen IOC-Mitglieder ließ er für tot erklären und schloss Deutschland von den Spielen 1920 und 1924 aus.
Diem aber machte Karriere: Er wurde von den Nazis in das Org-Komitee der Olympischen Spiele 1936 berufen, trommelte am Olympiastadion am 19. März 1945 eine Schar Jugendlicher zur Verteidigung Berlins zusammen und wurde 1950 zum Sport­referenten der Bundesregierung ernannt. Die meinte, auch die von Diem projektierte Langemarckhalle, die an eine der blutigsten Schlachten des Ersten Weltkriegs erinnerte, vor der Fußball-WM 2006 rekonstruieren zu müssen!


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Leserbrief zu »Olympia und die deutschen Olympier«, UZ vom 8. April 2016





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