Kultur braucht Frieden – Kunst fordert Kultur

Der Kampf gegen Zerstörung der Kultur ist ein aktuelles Thema
Von Jürgen Meier
|    Ausgabe vom 8. April 2016

Am 21. Juni 1935 strömten Tausende Menschen zum Großen Saal der Mutualité in Paris, um die Kultur zu verteidigen. Da der Saal nur 3 000 Teilnehmern Platz bot, übertrugen Lautsprecher die Reden des 1. Internationalen Schriftstellerkongresses auf den Vorplatz. Tausende von Menschen kamen zur Pariser Saint Victor 24, um sich von über 250 Schriftstellern aus 38 Ländern Möglichkeiten im Kampf gegen den Faschismus skizzieren zu lassen. Die Bedrohung durch den deutschen Faschismus, vor dem viele geflüchtet waren, hatte sie zusammengeführt.
Im Aufruf des Organisationskomitees hieß es: „Angesichts der Gefahren, die in einer Anzahl von Ländern die Kultur bedrohen, haben einige Schriftsteller die Initiative zur Einberufung eines Kongresses ergriffen, um die Mittel zu ihrer Verteidigung zu prüfen und zu diskutieren.“ Die „Verteidigung der Kultur“ war ihr erklärtes Ziel. Auch wenn es Anna Seghers und Heinrich Mann nicht gelang, ihr Ziel einer Volksfront gegen den Faschismus zu etablieren – waren doch die Ansichten über die Ziele des Kampfes zu verschieden –, ist diese Konferenz dennoch ein Anfang gewesen, dass Schriftsteller in erster Linie über Kultur und nicht ausschließlich über Kunst sprachen.
Der Kampf gegen die „Vernichtung der Kultur“ – ist das nicht auch ein heutiges Problem? Wird die Kultur nicht auch dort vernichtet, wo Flüchtlingsheime brennen? Wo Menschen aus ihren Ländern flüchten, weil sie zum Hunger, Durst und Bombenhagel keine Alternative mehr sehen? Müssen wir heute wieder zur „Verteidigung der Kultur“ aufrufen, weil die lauten Schreie europäischer Intellektueller die „Verteidigung der deutschen (nationalen) Kultur“ oder die „Konfrontation der Kulturkreise“ beschwören, bei der sich die entsprechende „Leitkultur“ durchsetzen muss? Leitkultur, so der Philosoph Rüdiger Safranski, müsse die deutsche Verfassung sein und nicht die Scharia. Es müsse entschieden werden „welche Kultur integriert“ werden könne. Obgleich Safranski von vielen „Kulturen“ spricht, belässt er den Begriff im Allgemeinen, unterstellt lediglich, dass es Menschen oder Völker gibt, die besser in der Lage sind, Kultur zu leben, als andere. Der Begriff Kultur, wenn auch im Plural gebraucht, bleibt im Allgemeinen stecken. Dass Kultur etwas Allgemeines meint, das mit dem einzelnen Menschen in besonderer Beziehung steht, wird ignoriert. Wer von Möbeln spricht, wird nicht auf die Idee kommen, er meine damit nur die Stühle oder nur die Tische oder nur die Schränke. Die Erkenntnis der sich in der konkreten Wirklichkeit vollziehenden Dialektik von Allgemeinem, Besonderen und Einzelnem ist aber entscheidend, um beurteilen zu können, was unter Kultur zu verstehen ist. Denn das Allgemeine ist kein Schlusspunkt des Denkens. Ohne Bezug zum Einzelnen und Besonderen lässt sich vieles unter einem Begriff vorstellen. Da kann Kultur alles sein. Alles was sich die Denker und Politiker gerade darunter vorstellen, so, wie es in ihr Konzept passt. Die Mystifizierung des Allgemeinen ist ein wichtiger Stützpfeiler der spätbürgerlichen Ideologie. Sowie sie von der Allgemeinheit der Kultur spricht, so spricht sie auch von der Allgemeinheit der Ökonomie, worunter sie die kapitalistische meint. Diese einmal als Allgemeinheit Ökonomie gesetzt, bekommt sie einen Ewigkeitsstatus und wird geschichtslos.
Was aber ist gemeint, wenn wir von Kultur sprechen? Wer nur sagt, bei uns herrsche Gleichheit aller Bürger und glaubt, er habe gesagt, was Kultur sei, der irrt, denn er beschreibt lediglich eine gesellschaftlich einzelne Erscheinungsform, die in der Verfassung eines Staates beschrieben steht. Dass diese Gleichheit oder Demokratie nur eine formale ist, dürfte ein Blick auf die wachsende Zahl der Milliardäre verdeutlichen, die stets ein geschicktes Händchen beweisen, wenn es um die Durchsetzung ihrer Interessen geht. Ist das die „Leitkultur“, die Safranski meint?
Werfen wir einen Blick auf die Debatte des 1. Schriftstellerkongresses, die vor dem Hintergrund der faschistischen Kriegsvorbereitungen die „Vernichtung der Kultur“ verhindern wollte. Wer heute über Kultur spricht, sollte sich in der Kontinuität dieser Debatte sehen.
Die Mystifizierung des Begriffs Kultur spielte in der damaligen Debatte des Pariser Kongresses eine wichtige Rolle. Gustav Regler berichtete dem Auditorium, dass der Sekretär des PEN-Klubs, Hermon Ould, vorgeschlagen habe, „man möchte den Namen unserer Organisation ‚für die Verteidigung der Kultur‘ ändern, da die Nationalsozialisten behaupten könnten, sie hätten ebenfalls eine Kultur zu verteidigen. Dankbar für diesen Hinweis, glaube ich diesem Kongress und seiner so lebendigen Zuhörerschaft einige Beispiele der Nazikultur vorlegen zu dürfen. …
Hören Sie, was im Zeitalter der Giftgase vom deutschen Lehrer verlangt wird; keine erhöhte Alarmbereitschaft zum Schutz der Menschlichkeit, keine Aufklärung über die Schrecken des Krieges, keine Analyse der Geschichte:
,Der deutsche Lehrer muss sich an erster Stelle – als Soldat fühlen.‘ Und es verwundert auch Sie wohl nicht mehr, wenn Sie hören, mit welchem Satz ein Professor der Kunstgeschichte (!) an der technischen Hochschule Berlin sein Kolleg begann: ‚Meine Herren, Sie sind keine guten Deutschen, wenn Sie eine Kathedrale nicht in erster Linie als guten Beobachtungsstand für unsere Artillerie ansehen.‘ Nazikultur. Sie bekämpfen heißt die Kultur verteidigen.“
Regler zeigt an konkreten Beispielen aus Deutschland, mit welcher abscheulichen Besonderheit die Menschlichkeit und die Menschheit im Einzelnen zerstört und wie Menschen für die Vernichtung der Kultur manipuliert wurden. Wird die Menschlichkeit durch Antisemitismus und Rassismus zerstört, so kann von Kultur nicht mehr die Rede sein.
Konsequent setzt Regler den Begriff „Nazikultur“ als Negation dessen, was es wert ist, Kultur genannt zu werden, und macht deutlich, dass der Begriff Kultur nicht allein von Vorstellungen, Ideen, Konzepten der Menschen definiert werden kann, die diesen Begriff in seiner Allgemeinheit belassen, um ihn in ihrem Sinne benutzen zu können, sondern dass das Leben, das Tun und die Handlungen der Menschen entscheidend sind.
Bertolt Brecht analysierte zum Schrecken einiger Konferenzteilnehmer, die die Bildung der Volksfront gefährdet sahen, sehr ausführlich die Hintergründe des Faschismus und dessen Kulturvernichtung. Er begann mit den Worten, „(Ich will) etwas über die Bekämpfung jener Mächte sagen, welche heute sich anschicken, die westliche Kultur in Blut und Schmutz zu ersticken, oder die Reste der Kultur, welche ein Jahrhundert der Ausbeutung uns übriggelassen hat … Als wir zum ersten Male berichteten, dass unsere Freunde geschlachtet wurden, gab es einen Schrei des Entsetzens und viele Hilfe. Da waren hundert geschlachtet. Aber als tausend geschlachtet waren und des Schlachtens kein Ende war, breitete sich Schweigen aus, und es gab nur mehr wenig Hilfe. So ist es. Wenn die Verbrechen sich häufen, werden sie unsichtbar. Wenn die Leiden unerträglich werden, hört man die Schreie nicht mehr. Ein Mensch wird geschlagen, und der zusieht, wird ohnmächtig. Das ist nur natürlich. Wenn die Untat kommt, wie der Regen fällt, dann ruft niemand mehr Halt … Die Rohheit kommt nicht von der Rohheit, sondern von den Geschäften, die ohne sie nicht mehr gemacht werden können … Die Destruktion von Schlachtvieh und die Destruktion von Kultur haben als Ursache nicht barbarische Triebe. In beiden Fällen (es herrscht da eine enge Verwandtschaft) wird von nicht ohne Mühe erzeugten Gütern ein Teil vernichtet, weil er zur Last geworden ist. …Wir haben heute in den meisten Ländern der Erde gesellschaftliche Zustände, in denen die Verbrechen aller Art hoch prämiiert werden und die Tugenden viel kosten. … Viele von uns Schriftstellern haben sie noch nicht verstanden, haben die Wurzel der Rohheit, die sie entsetzt, noch nicht entdeckt. Das hindert sie sehr im Kampf. Es besteht immerfort bei ihnen die Gefahr, dass sie die Grausamkeiten des Faschismus als unnötige Grausamkeiten betrachten. Sie halten an den Eigentumsverhältnissen fest, weil sie glauben, dass zu ihrer Verteidigung die Grausamkeiten des Faschismus nicht nötig sind. Aber zur Aufrechterhaltung der herrschenden Eigentumsverhältnisse sind diese Grausamkeiten nötig. Damit lügen die Faschisten nicht, damit sagen sie die Wahrheit.“
Brecht zeigt, dass der Faschismus nicht etwa ein Ausrutscher der spätbürgerlichen Gesellschaft ist, sondern dass die „Preisgabe einer Kultur, welche sich zu seiner Verteidigung nicht mehr hergibt oder zu ihr nicht mehr geeignet ist“ auf dem Fundament des reaktionärsten Teils der Monopolbourgeoisie gedeihen konnte, die, getrieben von der Konkurrenz auf den Rohstoff- und Absatzmärkten, konfrontiert mit einer starken, wenn auch gespaltenen Arbeiterbewegung, handeln musste, um sagen zu können „heute gehört uns Deutschland und morgen die ganze Welt!“. Die „Preisgabe aller Gesetze menschlichen Zusammenlebens überhaupt“, wie Brecht sagte, womit gleichzeitig die „Preisgabe einer Kultur“ gemeint ist, ist eine Konsequenz dieses Weges.
Heinrich Mann fand in der Absicht, die Volksfront aller Antifaschisten nicht zu gefährden, auf dem Kongress zwar moderatere Töne, stimmte in der Analyse aber sicher Brecht zu. „Wenn die Unterdrücker ihrerseits großtun“, sagte er, „als verteidigten sie irgend etwas, dann wüsste man gern, was. Die westliche Zivilisation? Sie pfeifen drauf und führen sie fälschlich im Munde. Anstandslos opfern sie das Denken, wenn es ihre Interessen bedroht oder ihnen persönlich lästig wird. Schon sind sie da, mit Verbrennungen, Ausbürgerungen und den anderen Mitteln, die der Höhe ihres Geistes entsprechen. Seit einiger Zeit sinkt das Niveau der Mächtigen der Erde. Stellenweise reicht es nur noch bis zur moralischen Unterwelt. So etwas vergreift sich an Religion, Wissenschaft, Gesellschaftslehre, unterschiedslos an allem, was sie nichts angeht. Verstehen kein Wort davon. Losgelassener Zerstörungstrieb, sonst haben sie nichts.“
Die Schriftsteller und viele Künstler der damaligen Zeit wussten: Die Kultur braucht Frieden und Kunst kann nur schaffen, wer Kultur fordert und zeigt, wer oder was Kultur vernichtet.


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Leserbrief zu »Kultur braucht Frieden – Kunst fordert Kultur«, UZ vom 8. April 2016





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