Arbeiterparteien ehrten Kämpfer der Roten Ruhrarmee

In Pelkum wurde 300 Opfern des weißen Terrors von 1920 gedacht
|    Ausgabe vom 8. April 2016
Detlev Beyer-Peters (VVN-BdA und DKP) während seiner Rede am Mahnmal für die Opfer des Kapp-Putsches in Pelkum. (Foto: UZ)
Detlev Beyer-Peters (VVN-BdA und DKP) während seiner Rede am Mahnmal für die Opfer des Kapp-Putsches in Pelkum. (Foto: UZ)

In jedem Jahr erinnert der Arbeitskreis „Blumen für Pelkum“ an die Opfer der Märzkämpfe 1920. Am 2. April begrüßte Terry ter Horst im Namen des Arbeitskreises „Blumen für Pelkum“ die etwa 50 Teilnehmer zu der diesjährigen Mahnveranstaltung.
Neben dem Veranstalter kamen Marc Herter (Mitglied des Landtags von Nordrhein-Westfalen, parlamentarischer Geschäftsführer der SPD-Fraktion und stellvertretender Landesvorsitzender der SPD Nordrhein-Westfalen) und Detlev Beyer-Peters (Kreisvorsitzender der der VVN-BdA Recklinghausen und stellvertretender Kreisvorsitzender der DKP Recklinghausen) zu Wort. Marc Herter verwies auf die Fehler, die die Arbeiterbewegung und Sozialdemokratie damals gemacht haben. Insbesondere, dass nach der gemeinsamen Niederschlagung des Kapp-Putsches es leider nicht gelungen war, die Einigkeit weiter fortzusetzen. Aus seiner Sicht starteten marodierende Freikorps mit dem Kampf gegen die Arbeiter im Ruhrgebiet. Leider hätten Kräfte der regierenden SPD den Truppen dann keinen Einhalt geboten, sondern sie zur Niederschlagung der Roten Ruhrarmee genutzt.
Danach übermittelte die Partei „Die Linke“ aus Hamm ein Grußwort. Am Schluss der Veranstaltung legten die Teilnehmer in alter Tradition Blumen und Gestecke am Mahnmal nieder und ehrten die ermordeten Kämpfer der Roten Ruhrarmee.

Aus dem Redebeitrag von Terry ter Horst
„Wer nicht aus der Vergangenheit lernt, ist dazu verflucht sie zu wiederholen.“
1920 haben die Arbeiter mit ihren gewerkschaftlichen und politischen Organisationen den Kapp-Putsch zurückweisen können, aber in der Folge haben Sozialdemokraten, Kommunisten und Gewerkschaftler aufgrund ihrer Uneinigkeit mit dazu beigetragen, dass die Machtübertragung an Hitler und der brutale Kriegszug der Faschisten nicht verhindert werden konnten.
Aus der Vergangenheit zu lernen bedeutet also auch heute noch, Einigkeit zu schaffen im Kampf gegen den Faschismus, breite Bündnisse zu schmieden gegen NPD, AfD, die RECHTE und alle neo- und altfaschistischen Organisationen.
Dieser Doppelcharakter: Kampf dem Kriege und Kampf dem Faschismus kommt in der alten, aber bis heute gültigen Formulierung der Überlebenden von Buchenwald zum Ausdruck, wenn sie fordern: Nie wieder Faschismus! Nie wieder Krieg!

Aus dem Redebeitrag von Detlev Beyer-Peters
Die Novemberrevolution von 1918 markierte nicht nur das Ende des 1. Weltkrieges, sondern setzte auch der Monarchie in Deutschland ein Ende. Zu den Errungenschaften der erstarkten Arbeiterbewegung gehörte dabei nicht nur die bürgerliche Demokratie sondern auch:
die Anerkennung freier Gewerkschaften,
das Verbot „gelber Gewerkschaften“,
das Frauenwahlrecht,
das Betriebsrätegesetz,
der Achtstundentag,
das Tarifvertragsgesetz und
das Sozialisierungsgesetz.
Mit dem Kapp-Putsch am 13. März versuchten 1920 die aggressivsten Kreise der herrschenden Klasse, die Errungenschaften der Novemberrevolution 1918 zurückzudrängen. Dieser Rechtsputsch wurde von der Reichswehr geduldet von den Freikorps massiv unterstützt. Anstelle der verhassten Demokratie sollte eine Militärdiktatur errichtet werden. Bereits Monate vor dem rechten Staatsstreich waren starke Einheiten der Reichswehr, Sicherheitspolizei, Freikorps und Freiwilligenverbände um das Ruhrgebiet zusammengezogen worden. Diese Einheiten zählten etwa 50 000 Mann, die über ein reichhaltiges Waffenarsenal verfügten. Befehlshaber des Wehrkreises IV in Münster war General Watter, der sich seit langen im Bunde mit den Verschwörern befand. So war es nicht überraschend, dass er nicht gegen die Kapp-Putschisten vorging und sich ausschließlich aus taktischen Erwägungen „neutral“ gab.
In den Tagen des Generalstreiks bildeten sich im gesamten Ruhr- und Rheingebiet bewaffnete Arbeitereinheiten. Am 15. März kam es bei Wetter und Herdecke zu einem ersten erfolgreichen Gefecht zwischen einrückenden Freikorps und Kämpfern der „Roten Ruhrarmee“.
Der Widerstand der Arbeiterschaft beendete den Putsch schon nach fünf Tagen und vermittelte die wichtigste Lehre: Der erste Anlauf der Ultrarechten auf die Weimarer Republik konnte durch die zunächst einheitlich handelnde Arbeiterbewegung beendet werden. 13 Jahre später kam eine solche Einheit nicht mehr zu Stande. Die Machtübergabe an die Faschisten konnte von der Arbeiterbewegung nicht verhindert werden.
Nach der Niederschlagung des Kapp-Putsches wuchs bei vielen Arbeitern die Erkenntnis, dass es nicht genügte, die Putschisten zu schlagen, sondern dass es notwendig war, den Einfluss der Monopole, der Junker und Militaristen aus Staat und Gesellschaft auszuschalten und eine wirkliche Wende in der deutschen Politik herbeizuführen, nicht zuletzt, um einen weiteren Putsch auszuschließen. „Wir knüpfen nicht mehr da an, wo man am 13. März aufgehört hat. Wir wollen Neuordung der Dinge“, erklärte der stellvertretende Vorsitzende des ADGB, Peter Graßmann, während einer Verhandlung mit Regierungsvertretern am 18./19. März. Die zurückgekehrte Reichsregierung gab den Gewerkschaften dazu aber nur Versprechungen und sicherte zu, dass die bewaffneten Arbeiter im Ruhrgebiet nicht angegriffen würden. Diese Vereinbarungen führten dazu, dass der Generalstreik am 20. März beendet wurde. In der Folge wurden im Auftrag der Reichsregierung in Bielefeld Verhandlungen geführt – ohne Vertreter der „Roten Ruhrarmee“. Auch hier gab es nur Versprechen für die Arbeiter, keinerlei Garantien. Die in dem Bielefelder Abkommen festgelegten Zusicherungen „sofortige Entwaffnung und Bestrafung der am Putsch Beteiligten“ oder die „sofortige Inangriffnahme der Sozialisierung“ wurden nicht eingehalten. Es gelang, die Arbeiter auseinander zu dividieren, Zwietracht zu säen, die gemeinsame Front aufzuweichen. Etliche Arbeiter gaben die Waffen ab, vertrauten den Versprechungen. Aber nicht nur das. Die Reichsregierung und das Militär nutzten die Zeit, um weitere Freikorpseinheiten aus dem gesamten Reich um die Industriereviere an Rhein und Ruhr zusammenzuziehen. Am 28. März stellte die Reichsregierung den Arbeitern an der Ruhr ein Ultimatum, das durch Zusätze des General Watters noch verschärft wurde. Entgegen politischer Vereinbarungen stieß die Reichswehr vorfristig in die Reviere vor und hinterließ eine blutige Spur bis hinein ins bergische Land. Allein in Pelkum wurde nach dem „Kriegstagebuch“ der hier hausenden Bayerischen Schützenbrigade unter Oberst Epp die Zahl der toten Arbeiter mit 300 beziffert. Hier an dieser Stelle liegen etwa 80 dieser Opfer.


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Leserbrief zu »Arbeiterparteien ehrten Kämpfer der Roten Ruhrarmee«, UZ vom 8. April 2016





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