Kriege töten zweimal

Ein seltenes Stück Wahrheit im deutschen Fernsehen
Von bro
|    Ausgabe vom 1. April 2016

Das erste Opfer des Kriegs, das weiß man, ist immer die Wahrheit. Diese Aussage bezieht sich vor allem auf den Anlass des Krieges, die Begründung, die fast immer dazu dient, den wahren Kriegsgrund zu verschleiern. Im Fall des Krieges der USA und ihrer Verbündeten, der damaligen „Koalition der Willigen“, wurde seinerzeit erklärt, der Irak besitze Nuklearwaffen und mobile Labore für die Herstellung von Chemiewaffen, dazu auch die notwendigen Trägermittel. Außerdem sei der Irak unter Präsident Saddam Hussein ein Herd künftiger Kriege und ein Hort des Terrorismus.

Genau das Gegenteil war der Fall. Die angeblichen Massenvernichtungswaffen konnten weder gefunden noch der Öffentlichkeit präsentiert werden. Der Terrorismus, der Jahre später seine zugespitzte Form in der Entstehung des „Islamischen Staates“ fand, erlebte seine Höchstform, nachdem die USA und ihre Koalitionäre das Land bereits in eine Trümmerwüste verwandelt und ihren Erzfeind Saddam Hussein gegen jedes Völkerrecht in einer Prozess-Farce zum Tode verurteilt und ermordet hatten. Der eigentliche Grund für diesen Krieg war ein ganz anderer, nämlich – kurz gesagt – die Umsetzung des in Washington entwickelten Konzepts eines „Größeren Nahen Ostens“, das die Umgestaltung der Region entsprechend den politischen, wirtschaftlichen und militärischen Interessen der Machthaber in den USA vorsah.

All das ist mehr oder weniger allgemein bekannt. Was jedoch bis heute verschwiegen wird, auf keinen Fall allgemein bekannt werden soll, ist, dass die Trümmerwüste, in die das einst blühende Land zerbombt und zerschossen wurde, auch heute noch tötet. Den Journalisten Karin Leukefeld und Markus Matzel ist es zu verdanken, dass dieser Vorhang des Schweigens und der Lüge nun ein wenig gelüftet werden konnte.

Zu später Nachtzeit, eine halbe Stunde vor Mitternacht, sendete das Erste Deutsche Fernsehen vor zwei Wochen die Dokumentation „Was von Kriegen übrig bleibt“. Aufmerksame Zuschauer wissen, dass das deutsche Fernsehen solche Beiträge gern um diese Zeit ausstrahlt – und auch so gut wie keine Werbung dafür macht. Der Grund ist einfach: Einerseits kann man behaupten, wahrheitsgemäße Sendungen im Programm zu haben, und andererseits sorgt man dafür, dass möglichst wenige Zuschauer dann noch diese Sendungen sehen.

Was Karin Leukefeld und Markus Matzel den Zuchauern präsentierten, ist auch für hartgesottene Zuschauer schwer verdaulich. Zuweilen entstand der Wunsch, einfach die Augen zu schließen, um das Grauen nicht sehen zu müssen. Genau das darf man jedoch nicht. Wir dürfen die Augen nicht verschließen vor den Verbrechen, die von Militärs begangen wurden und werden, vor den Kriegsverbrechen, die von gewissenlosen Politikern vorbereitet und die dann im Interesse derjenigen verübt werden, die daran verdienen, die damit ohne jegliche Skrupel ihre Macht- und Profitinteressen durchsetzen.

Während der massiven Angriffe einer gnadenlosen militärischen Übermacht gegen die irakische Armee und die Bevölkerung des Zweistromlandes – sowohl bei der als „Befreiung“ verschleierten Eroberung des Irak, als auch beim zermürbenden Krieg gegen übrig gebliebene Verteidiger des Landes, wie zum Beispiel bei der Belagerung, Zerstörung und Einnahme der Stadt Falludscha – wurden Waffen eingesetzt, deren zerstörende Wirkung und technische Ausgereiftheit bis dahin nie bekannt war. Dazu gehörten auch bis zu 400 Tonnen DU-Munition – DU steht für „Abgereichertes Uran“. Deren Einsatz wird bis heute weitgehend geleugnet, ist aber durch Aussagen von Augenzeugen und durch wissenschaftliche Untersuchungen längst nachgewiesen.

Die gesamte Wirkung solcher DU-Munition ist wahrscheinlich noch nicht bekannt, wird zumindest von den Verantwortlichen nicht zugegeben. Nicht zu leugnen ist jedoch ein bis dahin ungekannter Anstieg von Krebserkrankungen und genetischen Veränderungen bei Menschen, die den Krieg überlebten. Der Krieg, der im Jahr 2003 von den USA in den Irak getragen wurde, tötet heute noch. In den am stärksten umkämpften Gebieten werden Kinder mit grauenvollen Missbildungen geboren, viele von ihnen haben nicht die geringste Chance, die ersten Stunden oder Tage nach der Geburt zu überleben. Die Bilder dieser dem Tod geweihten Kinder sind so grausam, dass man sie nicht sehen möchte, aber eigentlich doch zeigen sollte, um das Ausmaß der Schrecken des Krieges deutlich zu machen, der offiziell seit Jahren beendet ist und dennoch auch heute seine Opfer fordert. Viele nach dem Krieg geborene Kinder haben überlebt, leiden jedoch unter Krebserkrankungen, die unter den Bedingungen des immer noch weitgehend zerstörten Landes kaum behandelbar sind.

Der Irak, der von den USA und ihren Alliierten nach dem Krieg geschaffen wurde, ist ein gescheiterter Staat. Seine Regierung und seine Behörden sind nur in den seltensten Fällen in der Lage, mit den immer noch tödlichen Folgen des Krieges umzugehen, Der Film zeigt Kinder, die unmittelbar neben den zerstörten, mit Uran verseuchten Resten irakischer Panzer Fußball spielen, nicht ahnend, welcher Gefahr sie ausgesetzt sind …

Der Film zeigt aber auch, wie die Sieger von damals an der Weiterentwicklung der Waffen arbeiten, wie auf der Internationalen Waffenmesse IDEX im nahen Abu Dhabi mit solchen Waffen gehandelt wird als seien es Nähmaschinen. Der Waffen- und Abrüstungsexperte Jan van Aken weist darauf hin, dass bei ausgestellten Nähmaschinen im Normalfall auch das damit hergestellte Produkt präsentiert wird, wie zum Beispiel ein schönes Brautkleid. Die Aussteller der Waffen jedoch zeigen nicht ihr „Endprodukt“, nämlich die Toten und Krüppel.

Man möchte die Augen verschließen. Das geht aber nicht. Denn Karin Leukefeld und Markus Matzel zeigen auch, wie die USA an der Entwicklung einer modernisierten Atombombe arbeiten. Und die ist nicht irgendwo weit entfernt von uns. Sie soll auch in dem Luftwaffenstützpunkt der deutschen Bundeswehr in Büchel stationiert werden. Wir dürfen die Augen nicht verschließen.

Die Sendung „Was von Kriegen übrig bleibt“ kann unter ardmediathek.de aufgerufen werden.


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Leserbrief zu »Kriege töten zweimal«, UZ vom 1. April 2016





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