Putin erklären?

Ich und die Sowjetunion, heißt das.
Von Hannes Stütz
|    Ausgabe vom 1. April 2016

Eine mir sehr liebe Bekannte, christlich geprägt, hat mich angefragt Putin zu erklären. Ich habe stattdessen, aber hinführend, Biographisches erzählt. Das Echo war gut – deshalb weitere, diesmal unverlangte Mitteilung. Für die deutsch-russischen Beziehungen.

Als 8-jähriges Kind war ich damit konfrontiert. Über den Gmünder Marktplatz zogen abends manchmal etwas zerzauste Zweierkolonnen, seitlich begleitet von einigen Männern mit Gewehren in unserer von mir vergötterten Uniform. Mein Vater war schließlich auch im Krieg und er sollte gewinnen. Woher die kamen und wohin die gingen, wusste ich nicht – aber dass es „Russen“ waren, habe ich herausbekommen.

Ob das schon vorher geschehen ist oder danach – ich hatte jedenfalls aus der Buchhandlung Stiegele ein winziges Wörterbüchlein Deutsch-Russisch, fast aus Holz, zwei Streichholzschachteln groß mit Redewendungen. Da ging ich eines Abends zu einem der letzten der Kolonne und fragte aus dem Büchlein „Wie geht es Ihnen?“. Er hat mich unwillig zurückgestoßen, nicht brutal, eher wortlos weggewischt.

Dann war 45 und die Witze, obwohl bei uns die Amis waren, aber die Russen gehörten zu den Siegern, das war wohl schon klar – diese Russenwitze waren endlos und nichts weiter als die anekdotische Fortsetzung der Untermenschen – weiß ich heute. Damals hab ich mitgelacht. Über Striekzimmer z. B, wenn die alle zuhause erzählten, dort gäbe es angeblich Striekzimmer in den Wohnungen und auf dortige Nachfrage erklärten: Mensch, du ziehst an Striek und weg ist die Scheiße! Der eigentliche Witz an der Sache war: wir wohnten im Freudenthal 4, zweiter Stock, mit einem Plumpsklo auf der Treppe. Aber wir haben gelacht.

Erst in meinem Geschichtsstudium wurde mir allmählich klar, was mit diesem Land, seinen Menschen und seiner Revolution vom allerersten Anfang an geschehen ist – bis zum faschistischen Ausrottungskrieg mit Anschluss an den Kalten – und alles bis heute zugedeckt mit Stalin. Den kennt inzwischen jede(r). Inzwischen kannte ich aber auch die Opferzahlen des Krieges, kannte den Kommissarbefehl, wusste, dass die Elite der KP an vorderster Front gegen die Faschisten stand, wusste, dass auch und nicht zuletzt mit ihnen der Sieg errungen wurde, wusste, wie sehr sie nach dem Sieg gefehlt hatten, und es ging unter den 25 Millionen nicht „nur“ um ein paar Hundert, sondern um Aber- und Abertausende von denen, die noch so dringend gebraucht worden wären. Ist natürlich kein deutsches Thema.

Aber da hat die Ausrottung ganz gut funktioniert.

1962 waren die Weltjugendfestspiele in Helsinki. Da wollte ich hin und hab mich beim Vorbereitungskomitee gemeldet. Ich glaube, da war sogar ein protestantischer Pastor an der Spitze, einer jener großartigen Christen, die ihr Christsein auch außerhalb der familiären Rituale leben wollten. Der Weg nach Helsinki war leicht. Nach Berlin musste man selber kommen, also nach Berlin-Ost, ab da stellte die DDR-Reichsbahn auch für die westdeutschen Teilnehmer einen Sonderzug bereit. In den stieg ich ein. Der hielt durch Polen und die baltischen Sowjetrepubliken hin und wieder, mit Aussteigen und Empfangskomitees – natürlich organisiert, wie sonst auch.

Dann kam die Strecke bis Leningrad, Sowjetunion. Wieder ein Halt. Diesmal bin ich nach Zögern ausgestiegen, hab mich abseits gehalten. Da stand auch einer so abseits, etwas jünger, aber nicht viel. Wir haben uns angeschaut und vorsichtig angesprochen. Seine Familie war durch die deutschen Faschisten umgebracht, vielleicht war er nur neugierig, wie das Volk der Henker aussieht.

Ich bin wieder eingestiegen in den Sonderzug mit zugeschnürter Gurgel. Adenauer ging mir durch den Kopf, wie er von den „Soffjetts“ redet – wie von gefährlichem Müll.

Dann kam Leningrad itself. Und ich bin auf dem Friedhof der Hunderttausende gestanden und spätestens dann steigt Hass auf in dir gegen die, die das zu einer deutschen Randnotiz machen.

Die Minuten auf diesem Hügel haben mich zu einer Entscheidung gedrängt.

25 Jahre später war ich drei Monate auf der internationalen Lenin-Schule in Moskau. Und hab mich rumgetummelt im Alltag dort. Noch nie habe ich in der Breite irgendwo auf der Welt kenntnisreichere Menschen getroffen, nachdenklichere. Es war 1976 – und über Stalin wollte keiner reden – er ist mit ihrer Größe verbunden und ist ihre Wunde zugleich.

Dann kamen nach dem Sieg der Konterrevolution die „neuen Russen“ – das ist ein russischer Begriff von damals aus der Bevölkerung. Über Nacht entstanden Millionäre und Milliardäre – die Geschichte mit den Tellerwäschern aus den USA hat sich bis heute keiner hier getraut aufzulegen, aber nachgefragt hat auch keiner, wie das so schnell geht. Jelzin bin ich 1986 kurz begegnet, damals noch ein Gebietssekretär aus Sibirien. Das war April, kurz nach Tschernobyl. Er hat alles geleugnet, keine Katastrophe, alles im Griff, westliche Panikmache. Und er selbst ein feudal-proletarisches Monster, gegen das man den Adel verteidigen muss.

Er wurde der Liebling hierzulande, nachdem er das Parlament niederschießen ließ und den Sommerschlussverkauf der verbliebenen sowjetischen Güter annoncierte. Eine kapitalistische Orgie. Seit Montezuma selten.

Dann kam dieser merkwürdige Putin aus den Reihen der „neuen Russen“ der Millionäre und Milliardäre. Nicht alle haben ihm vertraut, wollten lieber direkt ran an die Legislative und Exekutive wie damals in Italien Berlusconi – also z. B. Chodorkowski. Das Ergebnis ist bekannt. Direkt ging es nicht. Nun ist Putin ihr Mann – und er besorgt ihre Profite. Aber Jelzins Ausverkauf ist gestoppt und die besonnene und trotzdem entschiedene Außenpolitik Lawrows ist alte sowjetische Schule – vielleicht führt sie ja zu einem Reset der Aggression gegen Syrien. Ich unterscheide Putin innen, da hab ich nichts mit ihm zu tun, und Putin außen – da sehr wohl.

Hier in Bremen gibt es wie überall viele Straßenmusiker mit ihren kleinen Köfferchen oder Gefäßen vor ihrem Sitz. Meist waren es ältere und oft phantastische Instrumentalisten. Die Phantastischen kamen fast ausnahmslos aus der alten Sowjetunion. Ist schon was her mit dieser Szene.

Du stehst davor, die verkommenen Kolonnen aus Gmünd tauchen auf, die Mamai-Hügel von Stalingrad, das Gräberfeld einer einzigen Stadt, Leningrad, die entsetzlichsten Opfer, die wohl jemals in einem Krieg erbracht wurden, um die deutsche faschistische Kriegsmaschinerie niederzuringen – und nun saßen „sie“ da mit ihrem Können und bettelten – und du fragst dich, womit dieses Volk das verdient hat – während die Macher der Kriege sich in ihren Badewannen suhlen.

Ende.


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Leserbrief zu »Putin erklären?«, UZ vom 1. April 2016





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