Selbstdemontage

Mit „Rock The Kasbah“ unterminiert Barry Levinson sein eigenes Denkmal
Von Klaus Wagener
|    Ausgabe vom 1. April 2016
Immer sollen die anderen schuld sein. (Foto: Verleih)
Immer sollen die anderen schuld sein. (Foto: Verleih)

An den Darstellern jedenfalls hat es nicht gelegen. Bill Murray gibt den aufschneiderischen Looser Richie Lanz mit seinem üblich stoisch-dauerverwirrten Knautschgesicht; Zooey Deschanel die talentfreie Ronnie, die ihren Promoter Richie in Afghanistan kurzerhand mit seiner ohnehin nicht üppigen Restkohle von der sinkenden Fahne geht; Bruce Willis, diesmal erkennbar außerstande die Welt zu retten, hält sich als Bombay Brian mit bewährt-finsterer Miene an seinem M16-Sturmgewehr aufrecht. Und Kate Hudson spielt, so gut sie eben kann, die US-amerikanische Prostituierte Merci, die sich ausgerechnet im zerschossenen Kabul ihren Einstieg in die bürgerliche American-Dream-Existenz in einem elenden Wohncontainer zusammenvögeln möchte und bei der sich nicht nur Bill Murray fragt, warum um Himmels willen sich diese Hollywoodschönheit ausgerechnet auf einen Looser wie Richie Lanz einlässt.

Es ist eigentlich schwer vorstellbar, dass ein überlegter Regisseur wie Barry Levinson, immerhin verantwortlich für Filme wie „Rain Man“ oder herrlich-böse Satiren wie „Good Morning, Vietnam“ oder „Wag the dog“, die Abwesenheit jeglicher Substanz beim Drehbuch von Mitch Glazer nicht erkannt haben soll: Ein abgehalfterter Rockpromoter, der nur von seinen eingebildeten Erfolgen und dem vorgeschossenen Geld seiner talentfreien „Schützlinge“ lebt, wird mit seiner naiven, Coversongs plärrenden Sekretärin zur Truppenbetreuung nach Afghanistan geschickt. Dort, wie beschrieben, Pleite gegangen, verdingt er sich als erfolgloser Waffenhändler und entdeckt nebenbei in einem Paschtunendorf ein Mädchen, das verbotenerweise in einer Höhle steinerweichende westliche Songs singt. Lanz bringt die Kleine kurzerhand in Kabul bei der Talentshow „Afghan Star“ unter, einer Kopie von „American Idol“ („Deutschland sucht den Superstar“). Wo sie natürlich auch gewinnt und dem frauenfeindlich-antiwestlichen Traditionalismus eine herbe Niederlage beibringt.

Das Problem ist natürlich nicht, dass es sich hierbei um ausgemachten Schwachsinn handelt. Satire lebt von der Zuspitzung, der Übertreibung. Also wartet man geduldig, dass die ironische Wendung denn kommen möge, die bildmächtig klarmacht, welchen gewaltigen Scheißhaufen die US-geführten Interventionen seit der Aufrüstung des islamistischen Mittelalters, Anfang der 1980er-Jahre, in diesem geschundenen Land aufgetürmt haben. Allerdings, man wartet vergeblich. Es gibt keine Wendung. Nach und nach wird schmerzlich deutlich: Barry Levinson will uns diesen Blödsinn für bare Münze verkaufen.

Schon klar, es gibt hier keine heile Welt. Kaum in Kabul gelandet, stellt selbst Richie Lanz fest, dass hier niemand etwas im Griff hat. Auch nicht die US-Boys, die in der Person von Private Barnes (Taylor Kinney) bilderbuchmäßig diszipliniert und militärisch knapp-korrekt rüberkommen. Bombay Brian ist gewissermaßen ein Sonderfall und eher in Sachen eigener Autobiographie unterwegs. An Irren mangelt es natürlich nicht. Es sind aber eher jene, die sich und alles mögliche in die Luft sprengen. Da machen sich die Kriegsgewinnler, die in einem alten offenen US-Cabriolet herumkrakeelend und wild um sich feuernd durch Kabuls Straßen rasen, für unseren mitfahrenden Helden fast schon Rock-’n’-Roll-sympathisch.

Die eigentlichen Deppen sind die finster-augenrollenden paschtunischen Dorfbewohner, die – aus guten Gründen, möchte man meinen – verhindern wollen, dass sich ihre Töchter bei einem so kapitalen Bockmist wie einer afghanischen Variante von „American Idol“ zum Affen machen. Natürlich kann man auch den Kampf für das Recht auf eigene Unzurechnungsfähigkeit als emanzipatorisches Globalunternehmen abfeiern, aber warum dabei nun ausgerechnet diesem unterirdischen US-amerikanischen Kulturimperialismus aufs Pferd geholfen werden soll, indem er modisch hip von einem cool-verkrachten Rock-’n’-Roll-Typ vorgetragen wird, der eine paschtunische Dorfgesellschaft mit einem einem ebenso laut wie falsch gegrölten „Smoke on the Water“ zu beeindrucken sucht, diese Antwort bleibt Levinson seinem Publikum dann doch schuldig.

Satire ist das probate Mittel der Schwachen gegen die Willkür der Starken. Wenden es die Starken gegen die Schwachen, gerät Satire regelmäßig zum Zynismus. Es reicht eben nicht hin, ein bisschen Fratzenschneiderei und Situationskomik aneinanderzustoppeln nach dem Motto „Gag komm raus, du bist umzingelt“. Wahre künstlerische Größe ist vom sozialen und humanen, emanzipativ-aufklärerischen Inhalt nicht zu trennen. Und ob der in einem Land, in dem so etwas wie der 30-jährige Krieg im Endzustand tobt, daran festgemacht werden kann, dass ein Paschtunenmädchen in einem albernen Plagiat einer albernen US-Show auftreten kann, darf doch stark bezweifelt werden.

Nach 25 Jahren vorläufigem Endsieg des Kapitalismus und angesichts der islamistischen (Schein-)Alternative scheinen auch die Letzten (inzwischen Besserverdiener) der Rock-’n’-Roll-Generation ihren Frieden auch mit der „Einzigen Weltmacht“ gemacht zu haben. Dieser Schulterschluss hatte immer schon seinen – auch künstlerischen – Preis. Der Film wird selbst von der stramm bellizistischen Presse verrissen. Offenbar ist Barry Levinson, wie andere vor ihm, nicht davor zurückgeschreckt, ihn zu zahlen.


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Leserbrief zu »Selbstdemontage«, UZ vom 1. April 2016





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