Nur bei Gold Rente

Betrachtungen zum deutschen Sportfördersystem
Von Klaus Huhn
|    Ausgabe vom 25. März 2016

Innenminister de Maizière ließ sich feiern. Nicht in seinem Amt, wo er ja derzeit wieder mal viel Ärger hat, sondern bei den Sportlern. Denen spendierte er eine neue „Rente“,  die er „BMI-Sprungbrett“ taufen ließ und die einmal mehr nach Jahrzehnten ein Kapitel DDR-System kopiert. Das „Sprungbrett“ – so der offizielle Titel – soll den „in Zusammenarbeit mit der Deutschen Sporthilfe erfolgreichen Athletinnen und Athleten ermöglichen, im Anschluss an ihre Leistungssportkarriere eine berufliche oder wissenschaftliche Weiterqualifikation zu erlangen. Aufgrund des zeitintensiven Leistungssports kann damit oft nicht begonnen oder eine entsprechende berufliche Qualifikation noch nicht abgeschlossen werden.“ Dieses Manko hatte der Innenminister jetzt entdeckt und beiseite geräumt. Die erste Athletin, die davon profitiert ist die Sprint-Europameisterin von 2010, Verena Sailer, inzwischen Masterstudentin der Wirtschaftspsychologie. Der Innenminister: „Wir sehen uns in der Pflicht, herausragende Top-Athleten nach Beendigung ihrer aktiven Laufbahn bei ihrem Schritt in die berufliche Karriere zu unterstützen. Denn wir wollen, dass unsere Top-Athleten auch im Arbeitsmarkt erfolgreich ankommen. Sie haben unser Land bestens repräsentiert und dafür auf vieles verzichtet. Ihre sportlichen Erfolge haben wir bejubelt. Jetzt wollen wir gemeinsam mit der Sporthilfe die duale Karriere unserer Spitzensportler weiter befördern und Vorbilder für zukünftige Sportlergenerationen schaffen.“
Der Minister teilte bei dieser Gelegenheit einmal mehr mit, dass – wie Verena Sailer – die Aktiven nicht nur Goldmedaillen erkämpft hatten, sondern eben auch „unser Land bestens repräsentiert“ hatten. Deshalb nun also jenes „Sprungbrett“. Um allen Irrtümern vorzubeugen: Wir gönnen der Verena die Drei-Jahres-“Rente“ von Herzen, wundern uns aber ein wenig, dass der Innenminister erst 2016 darauf kam, beim Weg der Medaillen-Athleten ins Arbeitsleben behilflich zu sein. Auch weil in der Bundesrepublik seit Jahr und Tag die „Deutsche Sporthilfe“ existiert, die die Erfindung des „Sprungbretts“ mit einem dezenten Hinweis auf die eigenen Bemühungen ergänzte: „Derzeit genießen rund 3 800 erfolgreiche und hoffnungsvolle Nachwuchs- und Spitzensportler deren Förderung – über 47 000 sind es bereits seit der Gründung im Jahr 1967. In dieser Zeit hat die Sporthilfe über 400 Millionen Euro aufgewendet und Athleten aus über 50 Sportarten unterstützt. Die Fördersumme lag in der vergangenen Olympiade bei jährlich zwischen 10 und 12,5 Millionen Euro. Die Leistungen der Sportler bei internationalen Wettkämpfen sind dabei das entscheidende Kriterium, im Nachwuchsbereich wird besonders die Leistungsperspektive berücksichtigt. In fast fünf Jahrzehnten Tätigkeit für den Spitzensport hat die Sporthilfe wirksame und zeitgemäße Förderkonzepte für ihre Athleten entwickelt.“
Erwähnt werden soll auch ein Umstand, der im bundesdeutschen Sport blanke Rarität ist: Chef des Sporthilfe-Aufsichtsrats ist ein gewisser Werner E. Klatten, aber eine der beiden Vizepräsidentinnen ist der DDR-Schwimmstar Franziska van Almsick, die vermutlich über die vorbildliche berufliche Förderung im sonst nur des Dopings geschmähten DDR-Sports Auskunft gibt.
Könnte die Frage aufkommen, wozu man das „Sprungbrett“ brauchte, da doch die Sporthilfe so erfolgreich war? Eine Spur führt zum letzten Start der Sprinterin Sailer. Der fand beim Berliner Sportfest ISTAF letzten Sommer statt. Die Sailer wurde in 11,37 Sek. fünfte und soll schon vorher angekündigt haben, ihr letztes Rennen zu bestreiten, weil sie sich künftig ihrem Beruf widmen muss. Der Innenminister hatte nun die Sailer eingeladen und verkündete, dass sie die erste „Sprungbrett“-Nutzerin sein werde und drei Jahre lang 1 000 Euro im Monat ausgezahlt bekommt. Allerdings hat das „BMI-Sprungbrett“ nur ein jährliches Volumen von 600 000 Euro, die aus dem Etat des Bundesinnenministeriums zur Verfügung gestellt werden. Die Unterstützung soll künftig unmittelbar nach Ende der sportlichen Laufbahn beginnen und bis zum Abschluss der Weiterqualifikation (maximal drei Jahre) in Anspruch genommen werden. Aufschlussreich: Um auf das „Brett“ zu gelangen, muss der Athlet „Zugangskriterien“ erfüllen, die am „nachhaltigen“ sportlichen Erfolg bemessen werden. Also – auch dafür gilt: Nur bei Gold Rente!


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Leserbrief zu »Nur bei Gold Rente«, UZ vom 25. März 2016





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