Widerstandsfähiger

Landwirtschaft in der DDR
Von Nina Hager
|    Ausgabe vom 25. März 2016

Bernd Büttner/Ernst Junghans/Hans Müller: LPG. Zwangskollektivierung oder Zukunftsmodell? Hrsg. Katrin Rohnstock. Debug-Verlag – edition berolina. Berlin 2015. 160 Seiten. 9,99 Euro

Wie sind die historischen Ereignisse um die Bodenreform im Osten nach der Zerschlagung des faschistischen Deutschlands zu bewerten? Wie die Entstehung von Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften (LPG)? Wie sich nach 1990 zeigte, so Karin Rohnstock in ihrer Einleitung zum von ihr herausgegebenen Buch „LPG. Zwangskollektivierung oder Zukunftsmodell?“, erwies sich nach 1990 keine Eigentumsstruktur der DDR als so widerstandsfähig und nachhaltig wie die Genossenschaften.
Wie ist das zu erklären? Mit dem primitiven Schema einer „Zwangskollektivierung“, von „Unrecht und Gewalt“, das in westdeutschen Medien schon früh genutzt wurde, um die Kollektivierung in der DDR zu „erklären“ und das auch nach 1990 benutzt wurde, wohl kaum. Dabei wurde und wird meist verschwiegen, dass in der DDR – anders als bei der Kollektivierung in der Sowjetunion die Genossenschaften zwar Zusammenschlüsse landwirtschaftlicher Produzenten waren, um gemeinsam den Boden zu nutzen und zu bewirtschaften, der Boden aber blieb grundsätzlich Eigentum des Genossenschaftsmitglieds (S. 7). An bestehenden Grundbucheinträgen wurde nichts verändert.


( Bundesarchiv, Bild 183-T0608-0003 / CC-BY-SA 3.0)

In diesem Buch wird versucht Antworten zu finden und der realen Entwicklung in der Landwirtschaft der DDR gerecht zu werden, auch über die Umbrüche in den Lebensverhältnissen und über Probleme wird berichtet, denn so einfach war es nicht, „diese radikale betriebswirtschaftliche, soziale und kulturelle Strukturveränderung – von der Familienwirtschaft zu einem gemeinschaftlichen Wirtschaften – durchzusetzen“ (Einleitung, S. 10–11) und gewiss gab es nicht wenige Konflikte. Alle drei Autoren, die ihre Erlebnisse selbst aufgeschrieben haben oder „interviewt“ wurden, sind vom „Fach“. Das bedeutet, sie haben selbst in der Landwirtschaft gearbeitet.
Bernd Büttner, der aus Thüringen kommt und auf einem kleinen Bauernhof aufwuchs, wurde Diplom-Agrar-Ingeneur-Ökonom, leitete landwirtschaftliche Betriebe und später Schlacht- und Verarbeitungsbetriebe. Er macht in seinem Beitrag faktenreich zunächst auf die Ausgangslage auf dem Gebiet der sowjetischen Besatzungszone aufmerksam.
Zu den ersten Maßnahmen gehörte dort 1945 die Durchführung einer Bodenreform, mit der vor allem die Großgrundbesitzer enteignet werden sollten. Boden sollten vor allem landlose und landarme Bauern, Umsiedler erhalten.
Im am 11. Juni 1945 erschienenen Aufruf der KPD hieß es unter Punkt 7: „Liquidierung des Großgrundbesitzes, der großen Güter der Junker, Grafen und Fürsten und Übergabe ihres ganzen Grund und Bodens, sowie des lebenden und toten Inventars an die Provinzial- bzw. Landesverwaltungen zur Zustellung an die durch den Krieg ruinierten und besitzlos gewordenen Bauern. Es ist selbstverständlich, dass diese Maßnahme in keiner Weise die Wirtschaft der Großbauern berühren werden.“ Unter Großbauern verstand man damals Bauern, die eine Fläche von 20 bis 100 Hektar bewirtschafteten. Noch im Sommer 1945 begannen die Vorbereitungen zur Bodenreform. Verordnungen wurden erarbeitet und auf dieser Grundlage Gesetze verabschiedet. Bis zum 1. Januar 1949 wurden in der sowjetischen Besatzungszone über 7 000 Güter aus Privatbesitz mit über 100 ha (1 ha = 10 000 m2) enteignet. Hinzu kamen weitere 4 278 Betriebe unter 100 ha. Das Land, das landlose, landarme Bauern, Umsiedler und andere erhielten, wurde in das Grundbuch eingetragen. Büttner beschreibt dann die weitere Entwicklung – die Entstehung von Vereinigungen der gegenseitigen Bauernhilfe usw. Notwendig wurde – das wurde im Laufe der Zeit erkannt – Kräfte zusammenzufassen, Technik einzusetzen und auch größere Flächen zu schaffen, aber auch der Abwanderung in den Westen entgegenzuwirken, auf dem Lande neue Wirtschafts- und Lebensverhältnisse zu schaffen. 1960 waren fast alle landwirtschaftlichen Betriebe in der DDR in einer Genossenschaft aufgegangen. Büttner verschweigt dabei aber auch nicht auftretende Probleme, neue Herausforderungen und die „Tücken der Planwirtschaft“.
1990 glaubten viele Menschen auch in der Landwirtschaft: „Jetzt bekommen wir alles: die konvertierbare Währung, die Reisefreiheit, die Redefreiheit – und die vorhandenen sozialistischen Sicherungssysteme und die Arbeitsplätze bleiben unangetastet.“ (S. 69) – Eine Illusion. Nur die Privatisierung konnte, soweit der Boden Eigentum der Genossenschaftsmitglieder war, nicht so wie in der Industrie ablaufen …
In weiteren Beiträgen erzählen Ernst Junghanns, auch aus Thüringen stammend, über den Weg zur LPG: „Die LPG – erst Fluch, dann Segen“ und Hans Müller, dessen Eltern aus dem Emsland kamen, in „Ein Leben für die Landwirtschaft – Aufstieg und Fall der LPG“ über die Entwicklung in einem kleinen Ort nahe der Stadt Wittenburg (Mecklenburg-Vorpommern). Als seine LPG liquidiert wurde, war er Mitte 50 und musste sich eine neue Arbeit suchen.

Bernd Büttner/Ernst Junghans/Hans Müller: LPG. Zwangskollektivierung oder Zukunftsmodell? Hrsg. Katrin Rohnstock. Debug-Verlag – edition berolina. Berlin 2015. 160 Seiten. 9,99 Euro


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Leserbrief zu »Widerstandsfähiger«, UZ vom 25. März 2016





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