Immer mit ganzer Kraft

Widerstand gegen Hitler: Zum 100. Geburtstag von Ursula Goetze
Von Cristina Fischer
|    Ausgabe vom 25. März 2016

Ursula Goetze (geboren am 29. März 1916, ermordet am 5. August 1943) gehört, anders als Mildred Harnack, Libertas Schulze-Boysen, Greta Kuckhoff und Hilde Coppi, zu den kaum bekannten Frauen der sogenannten „Roten Kapelle“.
Sie war als zweites Kind des Kaufmanns Otto Goetze und seiner Frau Margarete in einem bürgerlichen Haushalt in Berlin zur Welt gekommen. Mit 16 Jahren wurde sie auf eine Handelsschule geschickt, um einen kaufmännischen Beruf zu erlernen. Ihr älterer Bruder studierte Medizin und schloss sich den „Roten Studenten“ an. Ursula, in dieser unruhigen Zeit ebenfalls früh politisiert, wurde Mitglied des Kommunistischen Jugendverbands (KJVD).
„Ungerechtigkeiten, von denen sie erfuhr, konnten sie direkt seelisch und körperlich krank machen“, berichtete ihr Vater. Deshalb sei sie schon bald mit Polizei und Gericht in Konflikt gekommen. Die Machtübernahme der Nazis habe sie schwer getroffen. 1933 wurde sie wegen ihres Engagements als Mitglied des KJVD Neukölln kurzzeitig verhaftet.
Da sie die Arbeit als Stenotypistin nicht befriedigte, holte sie 1938 bis 1940 ihr Abitur nach und ließ sich danach an der Berliner Universität für das Fach Neuphilologie immatrikulieren. Außerdem reiste sie durch Deutschland und Europa, um sich weiterzubilden.
„Sie war eine Natur, die immer alles mit ganzer Kraft anfasste“, schrieb ihr Vater, „so ist sie denn auch ganz für ihre Idee aufgegangen“.
Während ihrer Ausbildung hatte sie den Romanisten Werner Krauss und den Psychologen John Rittmeister kennengelernt. So fand sie Anschluss an die Widerstandskreise um Harro Schulze-Boysen und Arvid Harnack, die später von der Gestapo als „Rote Kapelle“ bezeichnet wurden.
Mit ihren Freunden sammelte sie für politisch Verfolgte, hörte verbotene Sender ab, um die Nachrichten u. a. an Zwangsarbeiter weiterzugeben und half bei der Herstellung illegaler Schriften. In der Wohnung, die ihre Eltern ihr überlassen hatten, fanden Treffen von Widerstandskämpfern statt. Zusammen mit Werner Krauss nahm sie im Mai 1942 an der Zettelklebeaktion der Gruppe um Schulze-Boysen gegen die Nazi-Hetzausstellung „Das Sowjetparadies“ teil.
Im Oktober wurde sie verhaftet und bereits im Januar 1943 vom Reichskriegsgericht wegen „Hochverrat und Feindbegünstigung“ zum Tode verurteilt.
Doch es war nicht das schreckliche Urteil, das sie quälte, sondern – wie mehrere Zeitzeugen berichteten – die Sorge, dass sie durch ihre Aussagen den von ihr verehrten Werner Krauss belastet hatte, der ebenfalls zur Höchststrafe verurteilt worden war. Deshalb beantragte sie noch am Tage ihrer Hinrichtung eine Wiederaufnahme ihres Verfahrens. Vergeblich.
Doch was ihr nicht glückte, gelang Krauss. Er erhielt in einem erneuten Prozess nur eine Zuchthausstrafe und überlebte den Krieg.
Die erst 27-jährige Ursula wurde zusammen mit drei Männern und zwölf Frauen der „Roten Kapelle“ an einem Augustabend in Berlin-Plötzensee enthauptet.
Ein Beamter bezeugte später, sie sei äußerst gefasst in den Tod gegangen.

( Archiv)


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