Freibier oder Vaterland

Erfahrungen aus der dörflichen Politik von Theodor Weißenborn
|    Ausgabe vom 25. März 2016

Als wir aufs Land zogen, Lissi und ich, haben mir wohlmeinende Freunde geraten, mich in die dörfliche Kommunalpolitik zu mischen, denn ich hätte das Zeug und folglich die Verpflichtung hierzu. Je nun, das Zeug – wenn‘s nur darum geht, so hätte ich auch Messdiener, Diakon oder Triakon werden können. Aber ich ließ mich überreden und trat gelegentlich der Kommunalwahlen im Jahr 89 bei der Veranstaltung einer großen christlichen Volkspartei in Aktion, wo die Bombe, die ich zu legen gedachte, soviel Schaden stiftete wie eine Handgranate, die in einer leeren Gummizelle krepiert.
Die Veranstaltung war an einem Sonntagnachmittag im Gasthof „Zur Post“, dem einzigen Haus am Platz, und natürlich hatte ich zuvor recherchiert und die Arbeitsbedingungen der Heimarbeiter vor Ort erkundet, wobei der Rote Matti mein Informant gewesen. Der Rote Matti ist Waldarbeiter, liest archäologische Bücher, hat die Mosaikböden der römischen Villa Tibor freigelegt und ist der einzige Wähler im Dorf, der sich offen zur SPD bekennt. Kandidat der großen christlichen Volkspartei war der Grundschullehrer Dollmann (über Namen scherzt man nicht), der die neu angesiedelte Kleinindustrie pries und insonderheit den Mausefallenfabrikanten Spelthahn (von Spelthahn GmbH. & Co. KG) als einen Wohltäter des Orts bezeichnete. Dieser Mann, so sagte er, lasse sich auch unternehmerisch von seinem christlichen Gewissen leiten und verteile die vorhandene Arbeit so gerecht, dass keiner seiner Heimarbeiter mehr als der andere, nämlich mehr als monatlich 450 Mark verdiene.
Ich erklärte dem Kandidaten der großen christlichen Volkspartei, Herr Spelthahn habe aus Landesmitteln für die Schaffung eines jeden der neuen Arbeitsplätze 15 000 DM erhalten, was bei 100 Stellen exakt der Summe von 1,5 Millionen DM entspreche, die seine Villa am Ortsrand von Gelsberg gekostet habe. Der Monatslohn der Arbeiter sei so gering, weil Spelthahn dadurch die Sozialabgaben spare, und wie im übrigen denn er, der Lehrer, darüber denke, dass seine Schulkinder, anstatt ihre Hausaufgaben zu machen, den heimarbeitenden Müttern des Nachmittags beim Einpacken der Mausefallen helfen müssten, nur damit die pro Stück Entlohnten auf einen halbwegs annehmbaren Stundenlohn kämen.
Und ich zitierte aus einem Artikel mit der Überschrift „Kinderarbeit im Hunsrück“, den Georg Weerth im Jahre 1847 in der „Neuen Rheinischen Zeitung“ veröffentlichte und der mir von bemerkenswerter Aktualität erschien.
Hierauf erhob sich Unmut im Saal, denn Spelthahn gibt beim Sängerfest Freibier aus (und da dürfen die Kinder – so assoziierte ich – auch schon mal ein Schlückchen mittrinken, wenn die Eltern dabei sind, und gute Zeugnisse sind nicht so wichtig, weil ja sowieso alle zu Spelthahn gehn, der zwar keine Lehrlinge ausbildet, aber noch ungelernte Kräfte als Lageristen einstellt. Und da ich die Anwesenden murren hörte, begriff ich sehr schnell: Die Heimarbeiterlöhne hätten sogar noch niedriger sein können als sie ohnehin waren, und sollte Spelthahn eines Tages auf die Idee kommen, sie zu senken – wer wollte es ihm verargen! Und darum lautet das Motto der Katholischen Arbeitnehmerbewegung zu Recht: „Wir sind Beschenkte und dürfen danken!“
Spelthahn, der zugleich Jagdpächter ist, überlässt übrigens dem Wirtschaftsminister des Landes alljährlich im Herbst einen kapitalen Hirschen zum Abschuss. Der lässt dann dafür die Sau raus, und da gibt‘s dann auch wieder Freibier, diesmal für die Treiber, Halali! (Und Spelthahns Villa, hinter vergoldetem Gitter, wird geziert von ionischen Säulen – der Architekt muss aus Dallas stammen.)
Dies war das Ende meiner Laufbahn als Kommunalpolitiker. Nun ist mein Ehrgeiz gekühlt, und wenn ich mich irgendwo ungebeten zu Wort melde, muss es um Tod und Leben gehn, darunter tu ich‘s nicht mehr. Und anders als Sokrates setze ich meine Hoffnung nicht auf Einsicht und guten Willen, sondern allein auf den Leidensdruck. Indes, nach Tschernobyl scheint auch das mir inzwischen vermessen, denn wer irgendein hirnrissiges Warum hat – das kann Vaterland oder Freibier heißen –, erträgt fast jedes Wie.


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Leserbrief zu »Freibier oder Vaterland«, UZ vom 25. März 2016





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