Tatort: Mallinckrodtstraße, Dortmund

Demonstration zum zehnten Jahrestag der Ermordung von Mehmet Kubasik
Von Ula Richter
|    Ausgabe vom 25. März 2016
 (Foto: Seibert)
(Foto: Seibert)

Es geschah vor zehn Jahren: Am Mittag des 4. April 2006 wurde der türkische Familienvater Mehmet Kubasik in seinem Kiosk erschossen. Acht Kugeln wurden auf ihn abgefeuert, zwei davon in den Kopf. Es war eine Hinrichtung. Die Polizei ermittelte „in alle Richtungen“, nur gegen Rechts ermittelte sie nicht, da lagen keine Erkenntnisse vor.
Der Vermutung von Tochter Gamze und Ehefrau Elif, es könnten Nazis gewesen sein, schenkte sie keine Beachtung. Im Gegenteil: Die Familie wurde verdächtigt, in mafiose Strukturen verwickelt zu sein, das Verbrechen wurde unter die sogenannten „Dönermorde“ eingeordnet. Fünf Jahre lang waren die Kubasiks übelsten Verdächtigungen ausgesetzt, bis dann im Jahr 2011 der NSU und seine Mordtaten aufflogen.


Warum Mehmet Kubasik?
Wie kommt eine in Thüringen beheimatete faschistische Mörderbande auf einen Dortmunder Kioskbesitzer? Woher hatten sie Namen, Adresse und Lebensumstände ihres Opfers? Wie ignorant müssen Ermittler sein, nicht an Kontakte zur Dortmunder gewalttätigen Nazi-Szene zu denken und dort zu recherchieren?
Mit vier Morden an drei Polizisten und einem Punker taugten sie in ihrer verbrecherischen Mentalität durchaus als Partner des NSU. In der Nähe des Kiosk gab es einen bekannten Nazi-Treff und auch der berüchtigte „SS-Siggi“ wohnte nicht weit. Auch eine Zelle des „combat 18“ (militärischer Arm des verbotenen Netzwerks „blood and honour“) existierte damals in Dortmund und wurde direkt nach dem Mord aufgelöst. Der berüchtigte Marko Gottschalk, Chef der Naziband „oidoxie“, setzte sich ins Ausland ab und kehrte vor kurzem erst wieder nach Dortmund zurück.
Tief enttäuscht vom Verlauf des Münchener NSU-Prozesses sind die Frau und die Tochter von Mehmet Kubasik, denen Angela Merkel rückhaltlose Aufklärung versprochen hatte. Die Wahrheit bleibt bei diesem inzwischen zwei Jahre dauernden Prozess auf der Strecke. Nur die Vermutung, dass hinter dem Mord-Trio ein Netz aus Nazis, Geheimdiensten und Verfassungsschutz tätig war und es weiter ist, wird immer drängender.


Demonstration zum 10. Jahrestag
Am 4. April 2016 findet eine Demonstration zum 10. Jahrestag der Ermordung von Mehmet Kubasik statt. Beginn ist um 18.00 Uhr am Gedenkstein für Mehmet Kubasik vor seinem ehemaligen Kiosk, Mallinckrodtstraße 190. Die Schlusskundgebung ist am Denkmal für alle Opfer der NSU-Morde vor der Auslandsgesellschaft NRW (Nordausgang Hauptbahnhof). Es spricht u. a. Karsten Ilius, Nebenklagevertreter der Familie Kubasik im NSU-Prozess.
Im Anschluss an die Schlusskundgebung findet in der Auslandsgesellschaft NRW eine Podiumsdiskussion zum Thema „Alltäglicher Rassismus“ statt, Beginn ca. 19:00 Uhr.


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