Generation Allah

Rezension zum Buch von Ahmad Mansour
Von Birgit Gärtner
|    Ausgabe vom 18. März 2016

Ahmad Mansour: Generation Allah, S. Fischer, Frankfurt 2016, 271 S., 19,99 Euro

Als die Hamas im August 1988 in ihrer Charta schrieb, sie begreife sich als Teil einer weltumspannenden Bewegung, klang das gelinde gesagt absurd. Knapp 30 Jahre später wissen wir, dass islamischer Fundamentalismus tatsächlich ein globales Problem ist. „Und schon lange ist klar, dass wir auch in Deutschland von der Gefahr des islamischen Radikalismus betroffen sind“, schreibt der in Berlin lebende und in Israel geborene palästinensische Psychologe Ahmad Mansour in seinem Buch „Generation Allah – Warum wir im Kampf gegen religiösen Extremismus umdenken müssen“.
Die Frage, mit der Mansour sich beschäftigt: Wieso fühlen sich in Europa aufgewachsene, sozialisierte, gebildete und ausgebildete Jugendliche von solchen reaktionären Ideen so angezogen, dass sie bereit sind, dafür alles aufzugeben? Der Psychologe versucht in seinem Buch Antworten auf diese Frage zu geben. Und auch auf die Frage, was zu tun sei, um die Jugendlichen von diesem Weg abzubringen.
Der wohl bemerkenswerteste Satz des Buches lautet: „Wir haben es hier nicht mehr mit Migranten zu tun, sondern mit deutschen Jugendlichen.“ Ihr und Wir, solange dieses Schema nicht passé sei, werde immer wieder neu der Grundstein für die Radikalisierung gelegt, so der Autor. „Diese Jugendlichen sind Teil unserer Gesellschaft – und deshalb sind auch ihre Probleme und die Herausforderung, vor die sie uns stellen, Teil unserer Gesellschaft.“
Offiziellen Schätzungen zufolge sind bislang etwa 700 junge Männer und Frauen aus Deutschland in den Dschihad gezogen. Mansour hält diese Zahl für sehr niedrig gegriffen: „Man muss momentan mindestens von einer Zahl zwischen 1 500 und 1 800 ausgehen. Auch die Zahl der Salafisten ist gestiegen. Sie liegt derzeit meiner Einschätzung nach bei etwa 10 000 Menschen. Das sympathisierende Umfeld ist aber noch um ein Vielfaches höher.“
Der Autor nennt sechs Gründe für diese Entwicklung: 1. das gestiegene Selbstbewusstsein dieser Gruppe, die in der Lage sind, ihre Vorstellungen offen zu artikulieren, 2. Zunahme der Bedeutung von Religion, 3. die politische Situation in den muslimisch geprägten Herkunftsländern der Familien der Jugendlichen, 4. Ausgrenzung durch die weiße Mehrheitsgesellschaft, 5. gezielte Missionierung durch die Regierungen der muslimisch geprägten Länder, und in Verbindung damit 6. die gestiegene Anzahl fremd finanzierter radikaler Prediger.
Mansour teilt den islamischen Fundamentalismus in drei Gruppen ein: ganz oben El Kaida und IS, Boko Haram (Nigeria) und Al Shabaab (Somalia) sowie Hamas und Hisbollah. In der Mitte die Muslimbrüder und das Islamverständnis des türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan, der über den Verband DITIB, die deutsche Sektion der Türkischen Religionsbehörde DIB (Präsidium für Religionsangelegenheiten), besagte Missionierung betreibt. Wie auch die Muslimbrüder von Ägypten oder Katar oder die Salafisten von Saudi-Arabien aus.
Das Fundament aber, auf dem dieses Konstrukt fußt, bilden laut Mansour „diejenigen, die ich Generation Allah nenne … sie bilden die Basis für den Radikalismus, und diese Basis ist breit.“
Vielfach wird der Zusammenhang zwischen dem „friedlichen“ und dem „politischen“ Islam, also den friedlich vor sich hin betenden Geistlichen und Gläubigen einerseits, und den radikalen Salafisten oder gar den Gotteskriegern andererseits, bestritten. Mansour hingegen sieht in den reaktionären Inhalten, die in vielen (bei weitem nicht allen) Moscheen ganz friedlich vermittelt werden, in der teilweise sehr rückständigen Weltsicht der zumeist älteren Muslime und in den daraus resultierenden restriktiven (Familien)Traditionen und -gesetzen den Boden, auf dem die Bereitschaft wächst, sich radikalen Predigern anzuschließen und schlussendlich in den Dschihad zu ziehen. Gepaart mit dem Gefühl, ausgeschlossen zu sein, keine Perspektive zu haben und der Erwartung, im Kalifat endlich „anzukommen“.
Das deckt sich mit Erfahrungen aus Prozessen gegen heimgekehrte Gotteskrieger. So sagte z. B. im Wiener „Islamisten-Prozess“ ein Angeklagter aus, ausschlaggebend für den Entschluss nach Syrien zu reisen sei gewesen, dass seine Burka-tragende Freundin vielen Anfeindungen ausgesetzt gewesen sei. Die junge Familie habe gehofft, dass im Kalifat ein Leben nach ihren Vorstellungen möglich sei. Ähnliches sagte auch eine junge österreichische Muslima aus, die sich auf den Weg nach Syrien gemacht hatte.
Natürlich ist nicht im Umkehrschluss jede Muslima und jeder Muslim eine Schläferin oder ein verkappter Gotteskrieger. Aber zu behaupten, der radikale Fundamentalismus habe nichts mit dem Islam zu tun, ist ungefähr so logisch, wie zu behaupten, Exorzismus habe nichts mit dem Katholizismus zu tun.
Mansour fordert, dass Integration eine Aufgabe für staatlich und weltlich ausgebildete PädagogInnen und SozialarbeiterInnen sein sollte, die allerdings in diesen Fragen besser ausgebildet werden müssten. Ihnen müsste im Rahmen des Studiums Wissen über den Islam vermittelt werden. Ebenso müssten sie Lösungen bei der Radikalisierung von Jugendlichen parat haben. Dabei müsste seiner Ansicht nach der Islam kritisiert werden dürfen. Das reaktionäre Frauenbild, Radikalisierung, Ehrenmorde und Antisemitismus müssten klar verurteilt werden. Allerdings ohne pauschal alle Muslime auszugrenzen, so der Psychologe.
Mit der Ausbildung hapert es allerdings noch gewaltig. „Transkulturelle Kompetenz ist das Zauberwort.“ Eigentlich gar nicht so zauberhaft, schon gar kein Mysterium. Etwas genauer hingucken würde oft schon reichen. So beschreibt Mansour Begegnungen mit Pädagoginnen und Pädagogen, die von einem extrem hohen Anteil „Türken“ in ihren Klassen sprachen. Mansours Nachfrage ergab, dass von „türkisch-stämmig“ die Rede war. Das waren allerdings nur zwei von angeblich 28. Die anderen 26 hatten einen libanesischen, palästinensischen, bosnischen oder marokkanischen Hintergrund. Einige Missverständnisse wären der betroffenen Lehrerin erspart geblieben, z. B. Verwirrung über den islamischen Fastenmonat Ramadan, der nicht in allen muslimischen Ländern gleichzeitig begangen wird.
Solche Nachlässigkeiten, aus Bequemlichkeit oder schlicht Desinteresse, führten dazu, dass die Jugendlichen sich zu dieser Gesellschaft nicht zugehörig fühlten, so der Autor, dem die Frage „Wie lange wollen Sie denn in Deutschland bleiben?“ bei der Grenzkontrolle am Flughafen durchaus geläufig ist.
Das Buch bietet keine Patentrezepte für das geschilderte Problem, sondern Denkanstöße für alle, die interessiert sind an einer bunten, vielfältigen Gesellschaft. Ein „must read“ für alle Menschen, die beruflich mit Jugendlichen zu tun haben, egal welcher Nationalität oder mit welchem ethnischen Hintergrund. Denn längst nicht alle Jugendlichen, die sich auf den Weg ins IS-Kalifat nach Syrien machen, haben familiäre Wurzeln in muslimisch geprägten Ländern.

Ahmad Mansour: Generation Allah, S. Fischer, Frankfurt 2016, 271 S., 19,99 Euro


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Leserbrief zu »Generation Allah«, UZ vom 18. März 2016





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