Alle Kräfte sammeln

Erinnerung an Peter Gingold
Von Martina Lennartz
|    Ausgabe vom 18. März 2016
100 Jahre Peter Gingold, Matinee in Frankurt, Esther Bejarano mit Die Grenzgänger und Tacheles & Schmu (Foto: Tom Brenner)
100 Jahre Peter Gingold, Matinee in Frankurt, Esther Bejarano mit Die Grenzgänger und Tacheles & Schmu (Foto: Tom Brenner)

Da sich im März 2016 der Geburtstag des im In- und Ausland bekannten Frankfurter Antifaschisten und Kommunisten Peter Gingold zum 100. Mal jährt, luden die Ettie-und-Peter-Gingold-Erinnerungsinitiative und die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten (VVN-BdA e. V.) Frankfurt am 13. März von 11–13 Uhr zu einer Matinée in das Haus Gallus in Frankfurt am Main ein.

An der Veranstaltung nahmen gut 500 Freunde, Genossen, Mitkämpfer und Verwandten von Peter Gingold teil. Diese Veranstaltung hat neben vielen Anwesenden auch mich sehr gerührt und dazu motiviert in seinem Sinne weiter zu kämpfen.

Das Haus Gallus war voll, der Hausmeister musste weitere Stühle organisieren. Der obere Rang war ebenso besetzt, der ein oder andere konnte nur noch auf der Treppe einen Platz finden.

Mathias Meyers eröffnete die Feier und stellte das Programm vor. Er nannte alle Unterstützer und Sponsoren, die diese Veranstaltung mittrugen und auch finanziell unterstützt haben. Bruni Freyeisen und er sind Mitglieder der Etti- und-Peter-Gingold-Erinnerungsinitiative und waren letzten Endes die maßgeblichen Organisatoren, denen wir es zu verdanken haben, dass diese Feier in diesem Rahmen stattfinden konnte.

Die jungen Musiker der Klezmer-Band „Tacheles & Schmu“ spielten zwischen einzelnen Beiträgen traditionelle und neuere jiddische Partisanenlieder. (Das Gründungsmitglied Joscha ist der Sohn von Silvia Gingold). Zwischen den einzelnen Beiträgen sahen wir zudem kurze dokumentarische Filmbeiträge von Philipp Teubner aus einem Interview, anhand derer wir uns zurückerinnern konnten, wie lebendig Peter immer wieder erzählte und uns aufrief wachsam zu sein, in Bewegung zu bleiben, sich zu organisieren und dabei aber auch frohen Mutes bleiben sollen. Er erzählte von seiner Familie, seinem Leben, seiner Frau Etti und seiner Arbeit als Widerstandskämpfer und Kommunist, bei der sein Leben immer wieder bedroht war.

Elke Sautner (SPD), Stadträtin der Stadt Frankfurt, sprach im Namen des Oberbürgermeisters Feldmann ein Grußwort an die Familie und alle Anwesenden. Sie berichtete, dass 1991 Peter und Ettie Gingold mit der Johanna-Kirchner-Medaille der Stadt Frankfurt am Main für ihren Widerstand gegen die NS-Diktatur ausgezeichnet wurden. Am 12. Dezember 2004 wurde ihm in Berlin von der Internationalen Liga für Menschenrechte die Carl-von-Ossietzky-Medaille verliehen. Sie betonte, dass es wichtig sei, dass seine Erfahrungen und Kenntnisse weiter gereicht werden müssen. Außerdem wurde in FFM die Anne- Frank- Begegnungsstätte gebaut, die ein Erfolg von Peter Gingold sei.

Im Anschluss sprach Ulrich Schneider, Generalsekretär der Internationale Föderation der Widerstandskämpfer (FIR). Er erzählte über Peters Emi­gration als jüdischer Kommunist. Peter hatte in Frankreich früh Interesse an politischer Arbeit gewonnen, weil er die Missstände und Ungerechtigkeiten erkannte und den Zusammenhang der faschistischen Politik.

Zusammenfassend betonte Ulrich Schneider, dass Peter immer sagte, dass die Faschisten nicht stärker gewesen seien. Alle Gegner hätten sich zu einer Einheitspartei zusammenfinden müssen. Die Menschen damals konnten die Faschisten nicht einschätzen, sie hatten keine Erfahrung. Heute allerdings weiß man sehr wohl um die Gefahren. Peter würde heute dafür kämpfen, dass sich alle Kräfte sammeln, um gegen Rechts vorzugehen und uns auffordern mitzugehen.

Ein sehr bewegender Augenblick und absolute Ruhe trat ein, als der Bruder Siegmund Gingold, Jahrgang 1922 gemeinsam mit Anne Jolet die Bühne betrat. Das Sprechen fiel ihm schwer, aber es war ihm wichtig uns daran zu erinnern niemals aufzugeben. Nie wieder Faschismus – Nie wieder Krieg! Er zog Parallelen von 1933 zu heute und wiederholte die Parole der Französischen Revolution: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit (französisch Liberté, Égalité, Fraternité). Er rief auf für eine bessere Welt zu kämpfen.

Anne berichtete von der Zeit, die sie mit Peter in Paris verbrachte. Sie zitierte ihn: „Das Leben ist kurz, es gibt viel zu tun. Ihr müsst in Bewegung bleiben, ihr müsst euch organisieren.“

Sie appellierte auch mit den Flüchtlingen respektvoll und menschlich umzugehen. Der Antikommunismus sollte endlich ein Ende haben, denn der Kapitalismus werde weitere Kriege mit sich bringen.

Die vierköpfige Musikgruppe „Grenzgänger“ stellte Lieder aus dem Widerstand vor. So spielten sie das Lieblingslied von Sophie und Hans Scholl „Schließ Aug’ und Ohr“ und Hanns Eislers und Bertold Brechts „Einheitsfrontlied“, zu dem viele Anwesende mitsangen.

Als Esther Bejarano, Vorsitzende des Ausschwitz-Komitees in der BRD, die Bühne betrat, wurde es wieder augenblicklich still in der großen Halle. Sie hatte Peter, ihrem Freund, zu seinem 100. Geburtstag einen Brief geschrieben, den sie vortrug. Bewegend und rührend, zuweilen heiter und herzlich authentisch.

Juri Czyborra, Enkel von Etti und Peter, überlegte sich, dass es im Zeitalter der vielen Handys, Smartphones und Nutzer mit ihren unendlichen Möglichkeiten, für jede Gelegenheit Apps runterladen zu können, dass es eine Peter-Gingold-App geben sollte, die den Jugendlichen und anderen Nutzern den richtigen Weg zeigen sollte.

Peter Christian Walter, VVN – BdA, hielt das Schlusswort, in welchem er die Arbeit und Unterstützung von Mathias Meyers und Bruni Freyeisen betonte und sich herzlich bedankte, ohne deren Fleiß es diese Matinée nicht gegeben hätte.

Alle Akteure sammelten sich zum Schluss auf der Bühne und sangen gemeinsam ein Lied mit Esther.


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Leserbrief zu »Alle Kräfte sammeln«, UZ vom 18. März 2016





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