Heute aktuell

Sportler gegen Atomraketen – Sportler für den Frieden
Von Klaus Huhn
|    Ausgabe vom 11. März 2016
1983, Sportler für den Frieden in der Dortmunder Westfalenhalle (Foto: Klaus Rose)
1983, Sportler für den Frieden in der Dortmunder Westfalenhalle (Foto: Klaus Rose)

Nein, kein Jahrestag, der mit Trompeten zu feiern wäre. Und kein runder. Geschehen war es am 11. Dezember 1983. Der Anlass für die Kundgebung in der überfüllten Westfallenhalle war der Boykott der – von der Bundesregierung gefällten – Entscheidung gegen die Teilnahme der Bundesrepublik an den Olympischen Spielen 1980 in Moskau. Noch knapper formuliert: Die BRD boykottierte Olympia auf Weisung aus Washington. Drei Jahre später fand jene Kundgebung statt, an die heute niemand mehr erinnert werden will. Auch in den Akten des damaligen Nationalen Olympischen Komitees findet man heute kaum mehr eine Zeile darüber.
Für uns Grund genug diese Kundgebung nicht in Vergessenheit geraten zu lassen.
Die Rede hielt damals einer der berühmtesten Ruderer der BRD, Olympiasieger Dr. Horst Meyer und was er sagte, ist so aufschlussreich, dass man heute daran erinnern sollte!
Das war seine Rede: „Ich begrüße Sie alle auf herzlichste im Namen der Initiative ‚Sportler gegen Atomraketen – Sportler für den Frieden‘ und der großen Zahl der internationalen Spitzenathleten aus Ost und West ohne Sie und andere Persönlichkeiten im Einzelnen jetzt vorstellen zu können.
Stellvertretend für Sie alle möchte ich nur Herrn Oberbürgermeister Samtlebe und Herrn Dr. Daume nennen. So, wie vor 3 Jahren von gleicher Stelle unsere Athleten bekundet haben Olympia lebt, rufe ich heute allen zu: die Friedensbewegung lebt!
Vielleicht kämpfen noch einige von Euch in diesen Tagen mit einem langsam hochkriechenden Gefühl der Resignation angesichts der unglaublichen Ignoranz, mit der die Mehrheit unserer Volksvertreter und unsere Regierung sich für die atomare Aufrüstung in unserem Lande entschieden haben. Eine Entscheidung, die unter Missachtung des unüberhörbaren NEINS der großen Mehrheit unseres Volkes getroffen wurde und mit der wir der Gefahr eines atomaren Infernos preisgegeben werden. Als erste bundesweite Veranstaltung nach dem Beginn der Stationierung blickt heute die gesamte Friedensbewegung unseres Landes voller Erwartung auf uns. Wir sind uns dieser Bedeutung bewusst und stellen fest:
Zur Resignation gibt es keinen Anlass!
Wer scheinbar ohne Macht ist, muss noch lange nicht ohnmächtig sein. Mit der Erfahrung unserer Sportler, die Niederlagen als Voraussetzung für größere Erfolge sehen und mit der Stärke der Solidargemeinschaft von Gleichgesinnten rufen wir als selbstbewusste Bürger die Mitglieder der Friedensbewegung auf, den politischen Kampf nicht mehr nur auf den Stopp der Raketenstationierung zu richten, sondern auf diejenigen, die dieses zuließen.
Wir sind weder blauäugig noch weltfremde Schwärmer, um nicht zu wissen, dass Auswüchse des Hochleistungssports, Regelverletzungen und Vorteilnahme, Nationalismus und Medaillenhysterie immer wieder an der Glaubwürdigkeit der olympischen Idee rütteln. Eine olympische Idee allerdings, die gegen zahlreiche Widerstände, politisch häufig missbraucht, im verzweifelten Kampf gegen die brutale Wirklichkeit von Kriegen und politisch-militärischen Konfrontationen, wie in Zeiten des Kalten Krieges ihre Überlebenskraft beweisen mußte und auch bewies. Denjenigen, die es immer noch nicht wahrhaben wollen, dass Sport und Politik in einem untrennbaren Abhängigkeitsverhältnis stehen,- werden wir beweisen,
- dass die olympische Idee ihre Stärke gerade in der Friedensstiftung besitzt
- dass spätestens, seit dem die Interessen der Sportler auf dem Altar vernunftloser Machtpolitik durch den Boykott der Olympischen Spiele 1980 geopfert wurden, sie sich zur geistig-politischen Auseinandersetzung in der Friedens- und Überlebensfrage unseres Volkes als politisch mündige Bürger verpflichtet fühlen,
- dass die Sportler die, in den Satzungen der internationalen Sportverbände und der olympischen Charta festgeschriebene, aktiv verpflichtende und nicht nur passive Funktion des Sports für politische Verständigung, den Frieden zwischen den Nationen ernst nehmen, und im Sinne eines demokratischen Gleichheitsprinzips wirken und ihren Beitrag für Frieden und Völkerverständigung leisten werden.
Wir sind dabei über die Notwendigkeit unseres öffentlichen Auftretens für den Frieden bewusst. Darum müssen wir den Friedensgedanken der olympischen Idee stärker in den Vordergrund rücken.
Im ureigensten Interesse können die Sportler nicht abseits stehen, wenn es um die Gefahr des atomaren Holocaust geht. Auch nicht, wenn wir mannigfaltigen Pressionen ausgesetzt sind. Ihr Wort, lieber Herr Daume, der Sie heute mit frohem Herzen und als wahrhafter Freund der Sportler zu uns gekommen sind, wird uns noch zu größeren Anstrengungen und zur Zivilcourage herausfordern. Sie trafen den Kern, in dem Sie sagten:
‚Nur wer kriecht, bleibt vom Risiko des Stolperns verschont.‘“


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Leserbrief zu »Heute aktuell«, UZ vom 11. März 2016





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