Medien, Kritik und Demokratie

Welchen Bildern können wir noch vertrauen?
Von Hans-Günther Dicks
|    Ausgabe vom 11. März 2016

Man kann es einen Witz nennen oder ein erhellendes Paradoxon, aber das Schimpfwort „Lügenpresse“ – das es 2014 immerhin als „Unwort des Jahres“ zu zweifelhaftem Ruhm brachte – kommt so häufig in politischen Debatten und in den Medien vor, dass es längst jeden einmal getroffen haben dürfte. Vordergründig bedient der Begriff das verbreitete Ohnmachtsgefühl, dass man angesichts der Überflutung mit immer mehr Informationen und Meinungen keinem (Medium) mehr trauen kann – „Die lügen doch alle!“ Doch diese scheinbar beliebige Verwendung ist nicht dem Zufall zu verdanken. Laut Wikipedia waren und sind es historisch meist rechte und konservative Kreise, die mit dem Schimpfwort „Lügenpresse“ ihre politischen Gegner zu diffamieren suchten und ihnen Manipulation vorwarfen.


Von den Massenmedien und der Manipulation in ihnen soll also hier die Rede sein und damit von der Macht und der Wahrheit der Bilder. Ausgehend von zwei Beispielen von nur geringer Massenwirksamkeit werden wir enden bei modernen Suchmaschinen, deren gewaltigen Einfluss als Medium auf unser Tun und Denken wir erst langsam zu begreifen lernen. Als 1895 die Gebrüder Lumière bei der ersten öffentlichen Kinovorführung die „Ankunft eines Zuges auf dem Bahnhof in La Ciotat“ vorführten, sollen die Zuschauer in Panik geraten sein, weil sie fürchteten, real vom Zug überrollt zu werden. Ein

Wir stutzen nicht, wenn wir vom „Assad-Regime“ hören,
wären aber erstaunt, wenn vom „Merkel-Regime“ die Rede wäre.

berühmtes Gemälde des Malers René Magritte zeigt sehr realistisch eine Tabakpfeife und darunter gemalt die Zeile „Ceci n’est pas une pipe“ (übersetzt: Dies ist keine Pfeife) und steht – wie passend für unser Thema! – unter dem Obertitel „La trahison des images“ („Der Verrat der Bilder“). Ob als Jahrmarktattraktion wie bei den Lumières oder still und besinnlich wie bei Magritte, in beiden Fällen geht es um den Unterschied zwischen dem realem Ding und seiner Abbildung. Magrittes Gemälde ist so zugleich ein Medium und seine eigene Kritik.


Mit dem Unterschied zwischen Ding und Abbildung spielt die Manipulation (von lat.: manus, die Hand), die ihren schlechten Ruf eigentlich nicht verdient, weil jede Aussage oder auch künstlerische Äußerung zwangsläufig „manipuliert“ ist, also „behandelt“ durch (bewusste oder unbewusste!) Entscheidungen ihres Machers. Manipulation ist also zunächst neutral, sie wird zur Fälschung oder Propaganda erst, wenn sie mit der gezielten Absicht verbunden ist, den Adressaten („Empfänger“) der Mitteilung zu täuschen oder zu beeinflussen. Der britische Medienwissenschaftler Prof. Brian Wilson erklärte schon 1998 in einem Interview der Zeitschrift „Filmforum“: „Manipulation findet immer statt, schon durch die Wahl des Standorts der Kamera, ihrer Blickrichtung und ihres Bildausschnitts. Die Digitalisierung ist insofern nichts qualitativ neues, sie macht im Ausmaß ihrer Manipulationsmöglichkeiten das Illusionäre dieses Anspruchs nur besonders augenfällig. Damit wird unübersehbar, dass der verbreitete Satz ‚Die Kamera lügt nicht’ von Anfang an selbst eine Lüge war.“


„Gegeninformation“
Beispiele für den gewaltigen, ja sogar tödlichen Einfluss, den Medien in Alltag und Politik haben, gibt es ohne Ende. Sie reichen von der einlullenden Musik in Kaufhäusern, die unseren Konsum – und den Umsatz – steigern sollen, bis zum Realitätsverlust von TV-Zuschauern, die nach dem „Tod“ einer Filmfigur in der Serie „Lindenstraße“ beim Sender anriefen, um die vermeintlich frei werdende Wohnung zu beziehen. Folgenreichstes Beispiel war ein Produkt der US-Werbeagentur Hill & Knowlton, das 1990 die viehische Behandlung Neugeborener in einer kuwaitischen Klinik durch irakische Soldaten „bewies“ und George Bushs ersten Irakkrieg auslösen half. Auftraggeber dieses 10-Millionen-Dollar-Fakes waren die „Citizens for a Free Kuwait“, bezahlt von der kuwaitischen Exilregierung, und die waren „mit unserer Arbeit sehr zufrieden“, erklärte der bei Hill & Knowlton zuständige Manager später dem Dokumentarfilmer David Shulman; auf dessen Nachfrage, ob er nicht Gewissensbisse habe wegen der tödlichen Folgen des Fakes, antwortete er: „Wieso sollte ich? Ich habe doch nicht mitgeschossen.“
Die Wirkung von Medien auf ihr Publikum vor allem in politischen und militärischen Konflikten ist den beteiligten Parteien durchaus bewusst. Wo die Unterdrückung „feindlicher“ Nachrichten durch Zensur nicht mehr ausreicht, greift man aktiv zur Produktion von Gegeninformation, die nicht wahr, aber glaubwürdig sein muss. 1939 steckten die Nazis deutsche Soldaten in polnische Uniformen, um einen polnischen Überfall auf ihren Sender Gleiwitz vorzutäuschen, mit dem sie ihren Einmarsch in Polen begründeten. In Chile richteten die Pinochet-Putschisten ihre Gewehre zuerst auf den sie filmenden Kameramann und erst dann auf fliehende Demonstranten. Im Jugoslawien-Krieg 1991 galten die ersten Bomben der NATO-Angreifer dem Sender Belgrad, und NATO-Sprecher Jamie Shea gab dafür auch eine unverhohlene Begründung: „Das Wichtigste ist, dass der Feind nicht das Monopol auf die Bilder haben darf.“


Unser Bewusstsein für die schier unbegrenzten Möglichkeiten, mit Bildern und Tönen zu täuschen und zu fälschen, ist durch die jedermann zugängliche Technik von Internet, Videokameras, Fotoshop- und anderer Bearbeitungsprogramme in den letzten Jahrzehnten gewiss gestiegen. Aber auf unseren täglichen Umgang mit den Medien scheint dies nur wenig Einfluss gehabt zu haben. In dem Episodenfilm „9/11“ gibt es eine erschreckende Szene, die unsere TV-Gläubigkeit deutlich macht: Die taubstumme Frau eines Mannes, den sie gerade zum Dienst im nahen World Trade Center verabschiedet hat, sieht aus ihrem Fenster die dicken Rauchwolken dort, ohne sich zu beunruhigen. Erst als sie den Fernseher einschaltet und die Bilder der Katastrophe sieht, glaubt sie, was sie sieht.


Wir übernehmen die Sprache der herrschenden Medien, ohne uns ihrer ideologischen Prägung bewusst zu sein, wenn wir die, die uns die Ergebnisse unserer Arbeit nehmen und damit Profit machen, „Arbeitgeber“ nennen. Wir stutzen nicht, wenn wir täglich vom „Assad-Regime“ hören, wären aber arg erstaunt, wenn in den TV-Nachrichten einmal vom „Merkel-Regime“ die Rede wäre. Ohne Nachprüfen übernehmen wir Nachrichten und Bilder, die wir im Fernsehen gesehen haben, als Fakten, so als wären wir persönlich dabei gewesen, als man in Serbien ein Massengrab entdeckte – und nicht nur ein Reporterteam, das Nachrichten liefern muss. Wie oft sagen wir: „Das habe ich doch selber gesehen“ und meinen damit die Bilder von „Tagesschau“, „ZDF heute“ oder anderen, meist als vertrauenswürdig geltenden Medien? Den Hill & Knowlton-Film über die Brutkastenbabys in Kuwait konnte man seinerzeit auch dort sehen. Haben wir daraus irgendetwas gelernt?


Welchem Bild können wir heute noch vertrauen? „Keinem mehr“, meint Prof. Wilson und rät, statt der Bilder nur ihren Machern zu trauen, „und dies auch nur so lange, bis wir sie bei der ersten Täuschung erwischt haben.“ Daraus zieht er als Konsequenz Forderungen an wirklich demokratische Medien: „So muss man auch lernen, gewissen Filmemachern, gewissen TV-Kanälen mehr und anderen weniger zu vertrauen. … Hier liegt ein ernstes Problem. TV-Nachrichten tragen keine Autorennennung, und von ihrem Selbstverständnis her betrachtet, also ideologisch, können sie das auch gar nicht, weil doch angeblich eine Nachricht per se eine Nachricht ist. Wenn man aber so tut, als gäbe es keinen Autor dahinter, dann ist man ernsthaft in Schwierigkeiten, was das Vertrauen angeht. Wir werden also mehr als bisher auch TV-Nachrichten mit Nennung der Autoren haben müssen.“ Was Wilson wohl noch nicht ahnte: Heute müssen sich die Fälscher und NATO-Nachbeter à la „Tagesschau“-Chefredakteur Gniffke & Co. nicht einmal in der Anonymität verstecken. So verdienstvoll auch Initiativen wie die von Volker Bräutigam und anderen sind, die ihnen genau auf die verfälschenden Finger schauen und die Verantwortlichen hartnäckig an ihren öffentlich-rechtlichen Programmauftrag erinnern – wieso unterstützen wir sie nicht durch massive Leserbriefkampagnen? Weil Springer & Co. noch übler fälschen? Weil wir gerade zur nächsten Mahnwache unterwegs sind? Oder weil wir schon längst resigniert haben und nur noch unseren eigenen, wenig wirksamen Medien glauben, als wären die über jeden Täuschungsverdacht erhaben und könnten im luftleeren Raum reiner Wahrheiten arbeiten? Eine Information wird nicht wahrer, bloß weil sie unserem Weltbild besser entspricht oder ihr Übermittler uns sympathischer ist.


Die neuen Medien
Gewiss, dank besserer Medienerziehung durch Schulen und alternative Quellen wächst in der Bevölkerung langsam die Aufmerksamkeit für Manipulation und Fälschung in den traditionellen Medien (Film, Fernsehen, Print etc.). Wer am Zeitungskiosk nach dem „Lügenblatt“ fragte, konnte schon vor zwanzig Jahren damit rechnen, dass man ihm ohne Nachfragen die Zeitung mit den vier Buchstaben reichte. Doch es ist ein Wettlauf mit der Zeit. Denn in neuen, „modernen“ Medien wie Google, Facebook und anderen „sozialen Netzwerken“ – wieder so ein perfekter Verschleierungsbegriff! – ziehen weit größere Gefahren herauf, die den Nutzen an Informationsgewinn bei weitem übersteigen.


In Kürze erscheint ein Buch von Prof. Robert Epstein mit dem Titel „The New Mind Control“, das das Online-Magazin Aeon in einem Vorabdruck vorstellt (https://aeon.co/essays/how-the-internet-flips-elections-and-alters-our-thoughts). Epstein ist leitender Forschungs-Psychologe am Amerikanischen Institut für Verhaltensforschung und Technologie in Kalifornien und befasst sich mit dem Einfluss der neuen Medientechnologie auf das menschliche Verhalten. Dies ist keine so junge Disziplin, wie man denken könnte. Schon 1950 erschien das Buch „Die geheimen Verführer“ des US-Publizisten Vance Packard, und schon vor ihm hatte der britische Ökonom Kenneth Boulding vor den Gefahren massenhafter Datensammlung und -auswertung gewarnt: „Man kann sich eine Welt vorstellen mit nie erlebter Diktatur, die immer noch die äußeren Formen demokratischer Regierung benutzt.“ (zitiert in Vance Packard: The Hidden Persuaders, 1950) Zu Zeiten von Boulting und Packard gab es Computertechnik allenfalls in Anfängen, Netzwerke wie Facebook und Twitter oder Suchmaschinen wie Google hatten nicht einmal die Autoren von Zukunftsromanen erdacht. Inzwischen sind diese zur alltäglichen Realität geworden, die Menge gesammelter Daten steigt exponentiell und verdoppelt (!) sich jährlich oder noch schneller, und damit steigen auch die Möglichkeiten, mit diesen Daten kommerzielle und sogar politische Interessen durchzusetzen. Als Ergebnis seiner Forschungen kommt Epstein zu erschreckenden Schlussfolgerungen: „Google entscheidet, welche Seiten unter den Suchergebnissen auftauchen und in welcher Reihenfolge. Wie sie das machen, ist eines der bestgehüteten Geheimnisse der Welt, so wie die Formel für Coca-Cola. … Wenn also Google bei einer Wahl einen Kandidaten bevorzugt, könnte es mit seiner Wirkung auf unentschlossene Wähler leicht den Ausgang der Wahl entscheiden. … Google hat jetzt die Macht, mehr als 25 Prozent aller Wahlen auf der Welt zu beeinflussen, ohne dass jemand merkt, dass dies passiert.“ Und sein Kollege Jonathan Zittrain kommt für Facebook zu einem ähnlichen Ergebnis: „Jonathan Zittrain, Professor für internationales Recht an der Harvard-Universität, hat darauf hingewiesen, dass Facebook mit dem gewaltigen Umfang an Informationen, die es über seine Nutzer gesammelt hat, ohne weiteres solche Aufforderungen (zur Wahl zu gehen, HGD), gezielt nur an die Leute schicken, die eine bestimmte Partei oder einen bestimmten Kandidaten unterstützen, und auf diese Weise leicht einen knappen Wahlausgang umkippen könnte, ohne dass es jemand erfährt.“ (Epstein a. a. O., zitiert aus „New Republic“)


Solche Forschungsergebnisse sind keineswegs nur Panikmache, sie werden von den Eliten in Politik und Wirtschaft schon längst genutzt. Epstein führt hierzu ein ganz aktuelles Beispiel an, bei dem man das Wort Verschwörungstheorie – auch so ein Wort aus Arsenal der herrschenden Wortverdreher! – gleich mitdenkt: „Im April 2015 heuerte (Hillary, HGD) Clinton Stephanie Hannon (laut „Washington Post“ zuvor bei Google „Direktor Produktmanagement für staatsbürgerliche Innovation und soziale Wirkung“, HGD) als ihre oberste Technologie-Expertin an, und vor ein paar Monaten gründete Eric Schmidt, Chef der Holding, die Google kontrolliert, eine halb-geheime Firma namens The Groundwork mit dem erklärten Ziel, Clinton ins Amt zu bringen. Wegen dieser Gründung von The Groundwork bezeichnete Julian Assange, der Gründer von Wikileaks, Google als Clintons „Geheimwaffe“ im Kampf um die US-Präsidentschaft. (Epstein, a. a. O.) Wenn etwas dran ist an den Mutmaßungen Epsteins (über dessen oder des Aeon-Magazins politische Orientierung mir nichts bekannt ist), müsste uns und der Welt ja ein US-Präsident namens Donald Trump im November erspart bleiben. Aber der hat auf Facebook noch mehr „Freunde“ als Clinton – und auch noch mehr Geld für seinen Wahlkampf. Muss man vielleicht den US-Wahlkampf nicht als Auseinandersetzung von Parteien, sondern als Schlacht Geldmacht gegen Datenmacht deuten? Wir werden sehen. Noch einmal O-Ton Epstein: „Wir leben in einer Welt, in der eine Handvoll Hightec-Firmen, manchmal Hand in Hand mit Regierungen, nicht nur vieles von unseren Aktivitäten beobachten, sondern auch unsichtbar mehr und mehr von dem kontrollieren, was wir denken, fühlen, tun und sagen. Die Technologie, die uns heute umgibt, ist kein harmloses Spielzeug; sie hat Manipulationen ganzer Bevölkerungen möglich gemacht, die man weder aufdecken noch nachverfolgen kann, die in der Geschichte der Menschheit ohne Vorläufer sind und heute außerhalb aller bestehenden Regulierungen und Gesetze stehen. Die neuen ‚geheimen Verführer’ sind größer, stärker und schlimmer als alles, was Vance Packard sich je vorstellen konnte. Wenn wir das ignorieren, tun wir es auf eigene Gefahr.“ (Epstein, a. a. O.)


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Leserbrief zu »Medien, Kritik und Demokratie«, UZ vom 11. März 2016





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