Leidenschaftlich und kompromisslos

Das Leben der kurdischen Freiheitskämpferin Sakine Cansiz
Von Birgit Gärtner
|    Ausgabe vom 4. März 2016
Bei Soli-Aktionen für Kurdistan sind die drei ermordeten Frauen präsent. (Foto: r-mediabase.eu)
Bei Soli-Aktionen für Kurdistan sind die drei ermordeten Frauen präsent. (Foto: r-mediabase.eu)

Sakine Cansiz
Mein ganzes Leben war ein Kampf
Mezopotamien Verlags- und Vertriebs GmbH, Neuss, Band 1 und 2, 2015/16, jeweils 20 Euro

Vor etwas über drei Jahren wurden die drei kurdischen Politikerinnen Sakine Cansiz, Fidan Dogan und Leyla Saylemez in den Räumen des Kurdischen Informationsbüros in Paris erschossen: Cansiz und Dogan wurden mit Kopfschüssen, Saylemez mit Schüssen in Kopf und Bauch gezielt und aus nächster Nähe ermordet. Mit Cansiz wurde eine wichtige Persönlichkeit der kurdischen Bewegung liquidiert. Auf der Grundlage persönlicher Aufzeichnungen aus den 1990er Jahren wird ihr Leben und ihr politischer Kampf in drei Bänden erzählt, von denen bislang zwei im Mezopotamien Verlag erschienen sind: „Mein ganzes Leben war ein Kampf“, Band 1 und 2.

Sakine Cansiz war eine beeindruckende Frau: leidenschaftlich und kompromisslos, wenn es um die Sache der Kurden – vor allem der Kurdinnen – ging. Revolutionen werden von Männern und Frauen gemacht – doch am Ende werden die Frauen wieder auf die unteren Ränge verwiesen. Das scheint beinahe ein Naturgesetz zu sein. Beinahe, denn erstens sind das keine Revolutionen. Davon war sie fest überzeugt. Und zweitens haben die kurdischen Frauen sich auf den Weg gemacht, der Welt zu beweisen, dass es auch anders geht.

So leidenschaftlich sie für ihre Überzeugungen kämpfte, so geduldig konnte sie zuhören. Der Austausch war ihr wichtig. Sie wollte sich – und damit die Erfahrungen und Fortschritte der kurdischen Frauen in ihrem Kampf – mitteilen. Aber sie wollte auch lernen. Von den Erfahrungen der völlig anders, aber dennoch ebenso kämpfenden Frauen in Europa. Sie wollte lehren und lernen.

Die zierliche Frau war schon zu Lebzeiten eine Legende. Als eine von zwei Frauen nahm sie am Gründungskongress der PKK (Arbeiterpartei Kurdistans) teil, die am 27. November 1978 in einem Dorf in der Provinz Diyarbakir gegründet wurde.

Die Gründung fand unter strengster Geheimhaltung statt. Etwa zwei Dutzend ausgesuchte Kader kamen zu diesem Zweck zusammen, darunter Mazlum Dogan, der sehr verehrt wird, weil er am 21. März 1982, dem kurdischen Neujahrsfest Newroz, aus Protest gegen seine Haftbedingungen seine Zelle in Brand steckte und sich selbst erhängte. Außerdem Duran Kalkan, der als Chefideologe der PKK gilt. Und natürlich „der Vorsitzende“, Abdullah Öcalan.

In „Mein ganzes Leben war ein Kampf“ beschreibt Cansiz die Gründung: „Wir erreichten schließlich das Dorf Fis im Kreis Lice … Wir hielten vor einem Haus, das von außen recht groß aussah. Es machte den Eindruck eines wohlhabenden Wohnsitzes.

Die Umgebung wurde ein letztes Mal kontrolliert. Es war nichts zu sehen. Das Haus stand an einer abgelegenen Stelle. Die Dorfbevölkerung würde kaum bemerken, wer hier ein und aus ging …

Es war aufregend. Alle bekannten Kader waren hier, sozusagen das Gehirn der Bewegung …“

Ihren Aufzeichnungen zufolge verlief der Gründungskongress ziemlich unspektakulär: die Anwesenden vertraten jeweils bestimmte Regionen, aus denen sie berichteten, ein Programm mit dem Titel „Den richtigen Weg begreifen“ wurde diskutiert und beschlossen, und anderntags gingen alle wieder ihrer Wege – unter denselben Sicherheitsvorkehrungen, unter denen sie gekommen waren.

Vermutlich hat niemand der Anwesenden geahnt, welche Bedeutung die PKK später erlangen sollte. Für die Region und mehr als 37 Jahre nach ihrer Gründung lässt sich ohne Übertreibung sagen: für den Weltfrieden.

2007 wurde Cansiz in einem Café im Hamburger Schanzenviertel aufgrund eines Auslieferungsantrags der türkischen Regierung in James-Bond-Manier verhaftet und saß mehrere Monate im Gefängnis. Internationale Proteste sorgten schließlich für ihre Freilassung.

„Cansiz“ heißt übersetzt „leblos“. Am 9. Januar 2013 wurde dieser Name auf brutale Weise Programm. Der Mord in einem Bürokomplex an einer belebten Straße in der Nähe des Pariser Nordbahnhofs wirft viele Fragen auf. Spuren führen direkt nach Ankara, in den berühmten „tiefen Staat“, die konspirative Verflechtung von Militär, Geheimdiensten, Politik, Justiz, Verwaltung, Rechtsextremismus und organisiertem Verbrechen.

Die Aufnahmen einer Überwachungskamera zeigten, dass der als Hauptverdächtiger festgenommene Ömer Güney sich zur Tatzeit in den Räumen des Kurdischen Informationsbüros aufhielt. Zwar stammt die DNA-Spur auf einer der Patronenhülsen der Schalldämpferpistole nicht von ihm, aber in seiner Ledertasche wurden Schmauchspuren festgestellt.

Güney war den drei ermordeten Frauen kein Unbekannter. Das erklärt, warum sie ihn überhaupt in das Büro einließen. Über seine Rolle in der PKK gibt es sehr widersprüchliche Angaben. Er behauptete bei der Vernehmung, seit zwei Jahren Mitglied der PKK zu sein, was indes führende Persönlichkeiten der Organisation bestreiten. Allerdings war er – und das ist unbestreitbar – in Paris Cansiz‘ Fahrer und wurde von der Organisation auch als Dolmetscher geschätzt.

Sein Umfeld, sowohl was die Familie angeht, als auch seine Kontakte, seine nationalistische Gesinnung, seine Vorliebe für Waffen sowie sein zeitweiliges Verschwinden stärken die Vermutung, dass Günay in die Organisation eingeschleust und ihm der Mord aufgetragen wurde, um den zu dem Zeitpunkt in Gang gekommenen Friedensprozess zwischen der türkischen Regierung und der PKK zu torpedieren. Die Frage stellt sich: Wer hatte ihn beauftragt?

Möglich ist allerdings auch, dass er Werkzeug in einem internen Streit war. Das Echo auf Sakines beharrlichen Kampf für die Rechte der Frauen war nicht ungeteilt. Vielleicht wollte ein Widersacher sie loswerden, und die Morde an Fidan Dogan und Leyla Saylemez waren quasi Kollateralschäden. In jedem Fall haben die drei Frauen verdient, dass der Mord lückenlos aufgeklärt wird.

Mit ihren Aufzeichnungen hinterließ Cansiz einen Schatz. Nicht nur für Kurdinnen und Kurden, sondern für alle Menschen, die ihre Utopie von Welt der Gleichheit, ohne Ausbeutung und Krieg, teilen. Die Autobiographie hilft einen Konflikt zu verstehen, der seit mehr als 30 Jahren militärisch ausgetragen wird und in den auch Deutschland verstrickt ist.

Wer das „wilde Kurdistan“ wenigstens ansatzweise verstehen will, sollte sich die Autobiographie von Sakine Cansiz besorgen. Ihre Lebensgeschichte steht stellvertretend für die vieler Frauen, die, geboren in einer zutiefst feudalen Gesellschaft, sich der kurdischen Guerilla angeschlossen haben, welche Schritte sie seit den Anfängen bis heute zurückgelegt und welch hohen Preis sie dafür bezahlt haben. Es ist „ein Buch, das in einem Atemzug durchgelesen werden kann“. Mit Vergnügen sogar, dank der großartigen Übersetzung von Agnes von Alvesleben und Anja Flach, die selbst als Internationalistin in den 1990er Jahren bei der kurdischen Frauenarmee kämpfte.

Sakine Cansiz
Mein ganzes Leben war ein Kampf
Mezopotamien Verlags- und Vertriebs GmbH, Neuss, Band 1 und 2, 2015/16, jeweils 20 Euro


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Leserbrief zu »Leidenschaftlich und kompromisslos«, UZ vom 4. März 2016





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