Meine progressive Woche

Vom 6. bis 12. Februar
Von Adi Reiher
|    Ausgabe vom 19. Februar 2016

Dienstag
Noch 1968 sang Franz-Josef Degenhardt das Loblied Frankreichs („Angenommen“), das er im Vergleich zur Bundesrepublik als deutlich fortschrittlicher einschätzte. Recht hatte er.

Fortschrittlicher ist es seitdem weder diesseits noch jenseits des Rheins geworden. Heute tut Frankreich einen großen Schritt auf die Bundesrepublik zu. Über 40 Jahre nach der Verabschiedung der Notstandsgesetze hierzulande nimmt die Nationalversammlung in Paris ähnliche Bestimmungen in die Verfassung auf. Denk ich an Frankreich in der Nacht …

Mittwoch
Nach aktuellen Ergebnissen der immer wieder durchgeführten Pisa-Studie hat es im deutschen Bildungswesen seit 2003 leichte Fortschritte gegeben. Selbst die sind nur in den Jahren bis 2009 erzielt worden, so dass seit sieben Jahren Stagnation herrscht. Der Befund lautet immer noch, dass selbst elementare Aufgaben im Bereich Rechnen, Lesen und Schreiben von vielen Kindern nicht bewältigt werden.

Diese Gruppe umfasst bis zu 20 Prozent der SchülerInnen. Das Risiko dazuzugehören sieht die Studie verstärkt bei Kindern aus sozial benachteiligten Elternhäusern, aus dem ländlichen Raum, und wenn zu wenig oder gar nicht in der frühkindlichen Phase gefördert wurde.

Für Schüler aus sozial benachteiligten Elternhäusern ist das Risiko, als leistungsschwach zu enden, viel höher als für Kinder aus wohlhabenderen Schichten. Allerdings ist das nicht der einzige Risikofaktor. Auch wer wenig oder keine frühkindliche Erziehung genießt oder im ländlichen Raum aufwächst, bringt später verstärkt schwache Leistungen. Der PISA-Koordinator der OECD, Andreas Schleicher, scheiterte trotz aller Eloquenz an der elementaren Aufgabe, die Gründe für die Stagnation zu benennen.

Anscheinend dürfen Beamte auch heute die Worte Bildungsprivileg, Umverteilung und Sparpolitik entweder nicht kennen oder nicht in den Mund nehmen. Auch das hat sich seit 2009 – von mir aus auch seit 1871 – nicht geändert.

Freitag
Im Zusammenhang mit den Geheimverhandlungen um das Freihandelsabkommen abkommen TTIP werden die Worte Freiheit, Fortschritt und Handelserleichterung stark strapaziert. Doch es geht auch anders.

Ab sofort wird billiger Stahl aus China und Russland per Strafzoll verteuert. Verfügt hat das die EU-Kommission, um die europäischen Stahlproduzenten zu schützen. Getroffen wird die einheimische Industrie, die den Stahl aus dem Osten verarbeitet hat. Deren Produkte werden teurer und treffen damit auch die Verbraucher z. B. Käufer von Autos. So ein freier Handel ist manchmal ganz schön kompliziert und manchmal ist er nicht mal frei.


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Leserbrief zu »Meine progressive Woche«, UZ vom 19. Februar 2016





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