So jung und schon boykottiert

II. Olympische Jugend-Winterspiele in Lillehammer
Von Klaus Huhn
|    Ausgabe vom 19. Februar 2016

Vorweg eine Art „Lesehilfe“: Der Autor schrieb diese Zeilen am letzten Samstag, weil er verständliche Order hatte, sich an den Redaktionsschluss zu halten. Deshalb könnte manchem Leser das Thema „überholt“ erscheinen, ist aber tatsächlich auch übermorgen noch brandaktuell!

„Neues Deutschland“ hatte dem Ereignis eine halbe Zeitungsseite gewidmet und damit den Tatsachen Rechnung getragen. Dass „unsere zeit“ in der heutigen Ausgabe folgt, lässt erkennen, dass in Deutschland nur die Linken dem Ereignis gebührende Aufmerksamkeit schenken! Fragt der Leser natürlich: Worum geht es denn überhaupt? Um die II. Olympischen Jugend-Winterspiele, die am vorigen Freitagabend im norwegischen Lillehammer mit einer glanzvollen Feier begonnen hatten.

Die norwegischen Gastgeber hatten demonstriert, dass sie den Auftakt für ein Sportereignis ersten Ranges hielten: 17 000 begeisterte Zuschauer jubelten bei klirrender Kälte auf überfüllten Rängen an der Lysgårdsbakkene-Skispringenarena, als Prinzessin Ingrid Alexandra die Fackel in den gleichen Kessel tauchte, in dem ihr Vater, Prinz Haakon, am gleichen Tag 22 Jahre zuvor zum Auftakt der Olympischen Winterspiele das Olympische Feuer entzündet hatte. Und dann zogen nicht Mannschaften in die Arena, sondern sämtliche Teilnehmer in bunter Reihe. Um das von sämtlichen – außer den norwegischen – Fernsehkonzernen boykottierte Ereignis sportlich und vor allem politisch einordnen zu können, müssen der Vorgeschichte einige Sätze gewidmet werden.

Aufgrund des von der Bonner BRD-Regierung befohlenen Boykotts der Olympischen Spiele 1980 in Moskau büßte Willi Daume jede Chance ein, seine Favoritenrolle als künftiger IOC-Präsident wahrzunehmen, und reiste aus Moskau ab. Die schon lange auf der „Lauer“ liegenden Sportartikelkonzerne kamen in einer Nacht überein, den von ihnen schon Jahre zuvor durch finanzielle Manipulationen engagierten Spanier Samaranch wählen zu lassen, der die hemmungslose Kommerzialisierung der Spiele durchsetzte. Als er nach einem guten Jahrzehnt untragbar geworden war, wählte das IOC 2001 den belgischen Arzt Jacques Rogge zum neuen Präsidenten, der dreimal an olympischen Segelwettbewerben teilgenommen hatte. Er ruinierte sich gesundheitlich bei seinen zahllosen mit Reisen verbundenen Versuchen, die Kommerzialisierung rückgängig zu machen, was zudem fast unmöglich war, weil Samaranch Verträge über Jahrzehnte abgeschlossen hatte.

2007 kam Rogge auf die Idee, durch „Olympische Jugendspiele“ den Konzernen entgegenzuwirken, was ihm auch zum Teil gelang. Er „modernisierte“ Olympia, wenn er auch die Konzerne nicht aus ihren Verträgen drängen konnte.

Fast dramatisch wurde die Situation, als sich Oslo um die Winterspiele 2022 bewarb und die Ministerpräsidentin die Bewerbung ablehnte und dabei kein Hehl aus ihrer antikommerziellen Haltung machte. So gerieten die II. Jugendspiele in Lillehammer ins Blickfeld, was durch die Mitwirkung des Königshauses unterstrichen wurde: Der König eröffnete offiziell die Spiele und die Prinzessin Alexandra entzündete das olympische Feuer. Mithin: Norwegen zog ins Feld gegen die olympischen Geschäftemacher!

Problematisch war die Situation für den jetzigen Präsidenten des IOC, den Deutschen Thomas Bach, von dem alle Welt wusste, dass er in früheren Jahren in Diensten der Konzerne stand. Es blieb ihm gar nichts anderes übrig, als nach Lil­lehammer zu reisen und dort eine Rede zu halten: „Diese Spiele werden Eure Liebe zum Sport bekunden und neue Freundschaften entstehen lassen. Dieses Fest wird weltweit junge Athleten zusammenbringen und sie Rivalität und Freundschaft genießen lassen.“

Damit war auch der Segen des IOC erteilt, aber vergeblich suchte man in den bundesdeutschen Medien nach Berichten aus Lillehammer. Nach langen Internetforschungen erfuhren wir, dass die Dresdnerin Anna Seidel die deutsche Flagge ins Stadion getragen hatte. Bayerische Lokalblätter teilten mit, welche Erfolge die Aktiven aus ihren Kreisen errungen hatten. So können auch wir nur magere Mitteilungen weiterleiten: Am ersten Tag gewann die Schwedin Moa Lundgren das Super-G-Rennen. Anna Maria Dietze aus Neuhausen kam immerhin auf den vierten Rang und freute sich darüber wie eine Olympionikin. Ein Lokalblatt hatte mitgeteilt: „Die deutschen Athleten zeigten sich von der Eröffnungsfeier überwältigt. ‚Die Eröffnungsfeier war einfach eine Anhäufung von Gänsehautmomenten. Ich werde sie nie vergessen und bin einfach überwältigt‘, sagte etwa Rennrodler Paul-Lukas Heider (RC Ilmenau) unmittelbar nach Ende der Feier.“


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